Neonatologie: Zu viele Kinderchirurgen behandeln seltene angeborene Fehlbildungen

Berlin – Die Zahl der kinderchirurgischen Einrichtungen hat sich in den vergangenen Jahren erhöht. Was zunächst positiv scheint, könnte eine reduzierte Qualität in der Versorgung seltener angeborener Fehlbildungen zur Folge haben, warnte gestern Peter P. Schmittenbecher, Direktor der Klinik für Kinderchirurgie am Städtischen Klinikum in Karlsruhe, auf einer Pressekonferenz in Berlin. Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) will er kinderchirurgische Kliniken von einer Zentralisierung überzeugen, noch bevor diese zur Pflicht werden könnten.
Die zunehmende Zahl kinderchirurgischer Einrichtungen führt Schmittenbecher auf den Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zur Neugeborenenversorgung zurück. Denn dieser geht mit der Verpflichtung einher, dass ein Perinatalzentrum Level 1 einen Kinderchirurgen vor Ort haben muss.
Frühgeborene seien nicht nur schwer zu versorgen, sie seien ökonomisch auch lukrativ, sagte Schmittenbecher. „Das hat manchen Krankenhausträger dazu veranlasst, das zu installieren, was ich den Feigenblattkinderchirurgen nenne: Eine Miniabteilung an sein Perinatalzentrum zu adaptieren, um diesen G-BA-Beschluss zu erfüllen“, lautet seine Schlussfolgerung.
Die durch den G-BA angestoßene Entwicklung führe dazu, dass sich das Versorgungsspektrum diversifiziere. Zwar behandelten Kinderchirurgen zu einem Großteil sehr häufig auftretende Probleme, wie etwa den Leistenbruch oder den Hodenhochstand.
Die Versorgung seltener angeborener Fehlbildungen verteile sich aber auf zu viele Kinderchirurgen, erklärte der Präsident der DGKCH. Unter diesen Fehlbildungen gibt es kaum eine, die häufiger als einmal auf 2.000 Geburten vorkomme. „Das wären 300 bis 350 Fälle pro Jahr in Deutschland, die in 80 Abteilungen behandelt werden. Jeder Kinderchirurg würde dann nur vier dieser seltenen Fehlbildungen pro Jahr sehen“, führte Schmittenbecher aus.
Die Fachgesellschaft wendet sich daher ab von der Zurückhaltung gegenüber Mindestmengen und will mit dem G-BA ins Gespräch kommen. Für die erste seltene Diagnose bei Frühgeborenen, die Gallengangsatresie, hat die DGKCH die Versorgungslage bereits beispielhaft getestet: Bei 50 Neuerkrankungen pro Jahr, die sich auf derzeit schätzungsweise auf 40 Kliniken verteilten, könne man keine gute Versorgung gewährleisten, erläuterte Schmittenbecher. „Besser wäre eine Zentralisierung, etwa an zwei oder drei Kliniken in Deutschland.“ Weitere Krankheitsbilder seien die Ösophagusatresie oder die komplexen Kloakenfehlbildungen.
Der Kinderchirurg aus Karlsruhe hofft jetzt, das die Fachkollegen mitmachen. Er will nicht darauf warten, dass öffentliche Stellen oder Elterninitiativen auf eine Zentralisierung drängen. Positive Beispiele gebe es bereits im Ausland. In England darf die Gallengangsatresie nur in drei Kliniken behandelt werden. „Das Outcome ist hier tatsächlich besser als in Ländern, in denen sich die OPs auf viele Kliniken verteilen“, sagte Schmittenbecher. Als „gut“ werde dabei gewertet, wenn die Korrekturoperation dazu führe, dass keine Lebertransplantation notwendig wird.
„Für die Gallengangsatresie haben wir auch für Deutschland schon eine Idee, welche Kliniken diese in Zukunft übernehmen könnten, da sie einen Fokus darauf gelegt haben“, stellt Schmittenbecher in Aussicht. Gespräche müssten in einem nächsten Schritt stattfinden.
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