Pflege: Nachtdienst in Krankenhäusern zum Teil deutlich unterbesetzt

Berlin – Mitarbeiter der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi haben vergangene Nacht 237 Krankenhäuser aufgesucht, um die Personalausstattung in der Pflege während des Nachtdienstes zu überprüfen. Ergebnis: „Auf 1.147 der insgesamt 2.056 von uns besuchten Stationen arbeitete eine Pflegefachkraft alleine“, berichtete das Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler heute vor Journalisten in Berlin. „Im Durchschnitt mussten die Pflegekräfte dabei 25 Patienten versorgen.“
Das schlechteste Betreuungsverhältnis hätten zwei Stationen aufgewiesen, in denen zwei Pflegekräfte jeweils 68 Patienten versorgen mussten. „Auf 20 Stationen wurde eine Fachkraft durch eine Auszubildende unterstützt, auf 33 Stationen durch eine Hilfskraft“, sagte Bühler. Auf fünf Stationen habe eine Hilfskraft sogar alleine und ohne eine Pflegefachkraft die Patienten versorgt.
Drei von vier Pflegekräften vernachlässigen im Nachtdienst die Hände-Desinfektion
In kurzen Gesprächen fragten die Verdi-Mitarbeiter die Pflegekräfte nach ihrer Arbeitsbelastung. „Über die Hälfte äußerte dabei, dass sie oft beziehungsweise manchmal die erforderlichen Leistungen bei der Versorgung aus Zeitmangel nicht erbringen können“, sagte Bühler. „Das weist eindeutig auf eine zu dünne Personaldecke hin, die die Beschäftigten in eine ständige Überforderung bringt und sie kontinuierlich unter Stress setzt.“
60 Prozent der Befragten meinten zudem, dass gefährliche Situationen, die in den vergangenen Wochen aufgetreten seien, durch mehr Personal hätten verhindert werden können. Etwa 30 Prozent stimmten darüber hinaus der Aussage zu, dass im Nachtdienst die Hände-Desinfektion vernachlässigt werde, weil der Arbeitsdruck zu hoch sei.
Und mehr als 75 Prozent der Befragten gaben an, dass sie in der letzten Nachtschicht keine ungestörte Pause hätten nehmen können.
Intensivstationen: Nur in acht Prozent stimmt das Pflegekraft-Patienten-Verhältnis
Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin fordert, dass Pflegekräfte auf Intensivstationen nicht mehr als zwei Patienten betreuen sollen. Nur in acht Prozent wurde dieses Verhältnis auf den 419 von Verdi besuchten Intensivstationen erreicht. In zwei Drittel der Fälle hatte eine Pflegekraft drei und mehr Patienten zu betreuen. Auf 42 Intensivstationen musste sich eine Fachkraft um sechs und mehr Patienten kümmern.
Darüber hinaus erreichten Verdi viele Gefährdungsanzeigen, so Bühler weiter. „Verwirrte Patienten können demnach nicht mehr sicher überwacht, Sterbende können nicht angemessen betreut werden. Ältere Patienten können nicht ausreichend mit Essen und Trinken versorgt werden, und Schmerzpatienten müssen unnötig lange auf Arzneimittel warten.“
„Es wird schlicht ausprobiert, mit wie wenig Personal es geht“
„Unsere Daten belegen einen dringenden Handlungsbedarf“, resümierte Bühler. „Die Arbeit in der Nacht im Krankenhaus hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Von Nachtwache kann überhaupt keine Rede mehr sein. Der Tagdienst wurde entlastet, indem viele Routinearbeiten in die Nacht verschoben würden.“
Es werde schlicht ausprobiert, mit wie wenig Personal es denn eigentlich gehe. Dabei werde großzügig über die Versorgungsmängel hinweggesehen. „Die Gefährdungsanzeigen werden abgeheftet, aber nicht bearbeitet“, kritisierte Bühler. „Ich finde es beschämend, dass die Arbeitgeber darauf spekulieren, dass die Beschäftigten über ihre eigenen Grenzen hinaus arbeiten. Hinter vorgehaltener Hand wird uns gesagt: Wenn die Beschäftigten so arbeiten würden, wie es in ihrem Arbeitsvertrag steht, würde das System nicht mehr funktionieren.“
„Krankenhäuser sind nicht dafür da, um möglichst billig zu sein“
Einer Erhebung von Verdi zufolge fehlen in Krankenhäusern 162.000 Beschäftigte, darunter 70.000 Pflegekräfte. „Dieser Personalmangel ist gefährlich für die Patienten und macht die Beschäftigten krank“, sagte Bühler. Zwar sei es teuer, ausreichend Personalkräfte einzustellen. Verdi würde es acht Milliarden Euro kosten oder, bei paritätischer Finanzierung, 0,7 Beitragssatzpunkte. Aber „Krankenhäuser sind nicht dafür da, um möglichst billig zu sein, sondern, damit sie funktionieren. Wenn man sieht, dass es nicht funktioniert, erwarten wir vom Gesetzgeber, dass gegengesteuert wird“, erklärte Bühler.
In ihren Eckpunkten zur Krankenhausreform haben Bund und Länder erklärt, in den kommenden drei Jahren 660 Millionen Euro für zusätzliche Pflegekräfte bereitstellen zu wollen. „Pro Krankenhaus wäre das eine Pflegekraft mehr. Das ist Symbolpolitik, die die Not nicht lindert“, kritisierte Bühler. „Und selbst, wenn das Pflegeförderprogramm greift, können die Träger in der gleichen Zeit weiter Personal abbauen, weil es dafür ja keine Vorgaben gibt. Und das werden sie auch tun.“
Verdi: Politik muss definieren, wie viel Personal im Krankenhaus gebraucht wird
In den Eckpunkten heißt es auch, dass eine Expertenkommission bis Ende 2017 prüfen soll, ob im DRG-System ein erhöhter Pflegebedarf von demenzkranken, pflegebedürftigen und behinderten Patienten sachgerecht abgebildet ist. Diese Kommission brauche den klaren Auftrag, ein Personalbemessungssystem zu entwickeln, mit dem definiert wird, wie viel Personal im Krankenhaus gebraucht wird, forderte Bühler. Denn auch mit einem noch so hohen persönlichen Einsatz könne die Personalnot nicht beendet werden. Dafür brauche es gesetzliche Vorgaben.
DKG kritisiert Umfrage als „unseriöse Nacht- und Nebelaktion“
Als „unseriöse Nacht- und Nebelaktion“ bezeichnete die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die Umfrage. „Zum einen hat die Gewerkschaft keine medizinische Kontrollfunktion und zum anderen schon gar keine medizinische Beurteilungskompetenz“, kritisierte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum. „Den in der Nacht in der Tat schwere und verantwortungsvolle Aufgaben wahrnehmenden Mitarbeitern mit suggestiv formulierten Fragebögen Defizite bei der Ausführung ihrer Arbeiten zu unterstellen, muss zwangsläufig zu absolut verfälschten Einschätzungen führen.“
Es stehe außer Frage, dass personelle Engpässe existieren könnten. In den Kliniken seien circa 5.000 Stellen in der Pflege unbesetzt. Allerdings nicht, wie ver.di behaupte, um Kosten einzusparen, sondern weil vielerorts ein Pflegekräftemangel herrsche.
Absolut unrealistisch sei die von Verdi in den Raum gestellte Forderung von 160.000 zusätzlichen Kräften mit einem Finanzierungsbedarf von acht Milliarden Euro, so Baum weiter. „Es wäre viel gewonnen, wenn im Rahmen der Krankenhausreform die jährlichen Tarifsteigerungen 1:1 von den Krankenkassen erstattet würden.“
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