Präsidentin des Weltärztebundes: Gleiche Herausforderungen, ähnliche Lösungen

Hannover – Für mehr internationale Zusammenarbeit, eine Stärkung der Primärversorgung und eine gezielte Förderung des ärztlichen Nachwuchses warb die amtierende Präsidentin des Weltärztebundes (World Medical Association, WMA), die kenianische Hausärztin Jacqueline Kitulu, bei ihrem Besuch des diesjährigen Deutschen Ärztetages in Hannover.
In ihrer gestrigen Rede vor den Delegierten des 130. Deutschen Ärztetages legte sie den Fokus auf die globale Ärzteschaft, die trotz unterschiedlicher nationaler Rahmenbedingungen mit vergleichbaren Herausforderungen konfrontiert sei.
Diese globalen Probleme ließen sich nur durch eine stärkere Zusammenarbeit der Mitgliedsorganisationen des Weltärztebundes lösen, ist Kitulu überzeugt. Die Herausforderungen reichten von gesundheitlichen Ungleichheiten bis hin zu den Belastungen des Gesundheitspersonals.
Es brauche Lösungen, „die global fundiert und zugleich regional wirksam sind“, sagte die Ärztin. Durch eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen den Weltregionen könne Wissen besser ausgetauscht, Strategien abgestimmt und die gemeinsame Stimme der Ärzteschaft gestärkt werden.
Im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt konkretisiert sie heute ihre Anliegen: Nationale Ärzteverbände müssten sich enger zusammenschließen und mit anderen Regionen kooperieren, sagte sie. Besonders wichtig ist Kitulu, die von 2026 bis 2020 als erste Frau Präsidentin des Dachverbands der Ärztinnen und Ärzte in Kenia war, dabei die Wiederbelebung der Vereinigung afrikanischer nationaler Ärzteverbände.
Diese könnten sich auch gut mit europäischen Strukturen verbinden. Die Probleme unterschieden sich dabei weniger als oft angenommen. „Wenn wir uns die Herausforderungen ansehen, merken wir, dass wir eine Familie sind. Wir sind gleich, wir alle haben ähnliche Probleme. Und wir können von den anderen lernen“, betonte sie.
Als eine der größten gemeinsamen Herausforderungen bezeichnete Kitulu die Frage der ärztlichen Unabhängigkeit. Ärztinnen und Ärzte müssten die Möglichkeit haben, die Systeme, in denen sie arbeiten, aktiv mitzugestalten. „Das ist oft ein großes Problem“, weiß sie. Damit verknüpft sei allerdings eine zunehmende Überlastung vieler Ärztinnen und Ärzte.
Besonders eindringlich schildert Kitulu im Interview die Situation in ihrem Heimatland Kenia. Dort gebe es zu wenige Ärztinnen und Ärzte, während gleichzeitig die Belastung immer weiter steige. Das führe zu Frustration und zum Verlust beruflicher Motivation. Viele junge Leute verließen die Versorgung, weil sie merkten, dass die hohe Belastung nicht gut für ihre Gesundheit sei.
Förderung von Nachwuchs wichtig
Ein zentrales Anliegen Kitulu ist deshalb die Förderung junger Ärztinnen und Ärzte. Bereits in ihrer Rede vor den Ärztetagsdelegierten hatte sie gestern hervorgehoben, dass die Zukunft des Berufsstandes davon abhänge, wie die nächste Generation unterstützt werde. „Es braucht strukturiertes Mentoring und Führungsentwicklung“, betonte sie heute im Gespräch. Junge Ärztinnen und Ärzte seien nicht nur die Zukunft – sie leisteten bereits heute einen bedeutenden Beitrag zu den Gesundheitssystemen.
„Dier Unterstützung der nächsten Generation ist absolut entscheidend“, sagte die Ärztin. Mentoring sei für den Austausch von Wissen von großer Bedeutung, damit die Erfahrung älterer Kolleginnen und Kollegen weitergegeben werden könne.
Gleichzeitig sei dieser Prozess jedoch keine Einbahnstraße.: „Die jungen Leute müssen neue, innovative Ideen integrieren können“, erklärte sie. „Mentoring ist ein Geben und Nehmen“. Es braucht nach ihrer Ansicht einen Austausch in beide Richtungen, um langfristig genügend Menschen für den ärztlichen Beruf zu begeistern und Verantwortungsträger für die Zukunft aufzubauen.
Eine weitere zentrale globale Herausforderung für die kommenden Jahre ist für Kitulu das Thema Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI). Entscheidend sei, wie die Technologien eingesetzt würden. „Man muss sicherstellen, dass die KI dazu dient, das zu unterstützen, was die Ärztinnen und Ärzte tun, aber nicht, sie zu ersetzen“, betonte sie.
Aus ihrer Sicht könne Künstliche Intelligenz ärztliche Arbeit ergänzen, aber nicht die klinische Verantwortung übernehmen. KI werde weder die Angemessenheit von Therapien bewerten noch den sozialen und individuellen Kontext der Patientinnen und Patienten vollständig erfassen können.
Primärversorgung notwendig
Wichtig ist Kitulu, die selbst jahrelang als Hausärztin arbeitete, die primäre Gesundheitsversorgung. „Ich setze mich mit Leidenschaft dafür ein, dass Länder starke Systeme der primären Gesundheitsversorgung aufbauen können“, sagte sie. „Die primäre Gesundheitsversorgung ist das Fundament jedes funktionierenden Gesundheitssystems.“
Zwar gebe es immer neue hochentwickelte Verfahren und technische Innovationen, so Kitulu. „Doch ohne eine stabile Primärversorgung gerät das gesamte System ins Wanken“. Es bestünde die Gefahr, dass Menschen dann erst in die Akut- oder Sekundärversorgung kommen würden, wenn Erkrankungen bereits fortgeschritten seien oder Komplikationen aufträten. Dadurch stiegen auch die Behandlungskosten erheblich.
Gute Primärversorgung bedeute dagegen Prävention, Kontinuität und koordinierte Betreuung. Entscheidend sei ein System, in dem Patientinnen und Patienten nicht nur als einzelne Fälle betrachtet würden, sondern als Menschen in ihrem gesamten Umfeld.
Um solche Systeme zu etablieren, müssten sich Ärztinnen und Ärzte stärker in politische Prozesse einbringen, wirbt Kitulu. Zwar führten sie die wichtigen Gespräche mit den Patienten, doch ebenso notwendig sei die Mitwirkung an gesundheitspolitischen Entscheidungen.
„Wir müssen in die Politik einsteigen, um sicherzustellen, dass die die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden“, sagte die Ärztin, die selbst auch einige Jahre Mitglied im Beratungsgremium der kenianischen Regierung war.
Gesundheitsminister seien meist nicht selbst Mediziner, so Kitulu. Deshalb brauche es Fachkräfte, die erklären könnten, „wie die Medizin zu betreiben ist“. Das verlange Geduld, aber auch die Bereitschaft, politische Verantwortung zu übernehmen.
In ihrer Rede vor dem 130. Deutschen Ärztetag in Hannover verwies die Präsidentin des Weltärztebundes zudem auf aktuelle internationale Projekte der Organisation. Besonders hob sie die Überarbeitung der Deklaration von Taipeh zu ethischen Grundsätzen für Gesundheitsdaten und Biobanken hervor.
Dabei handle es sich um einen „bedeutenden und inklusiven Prozess“, bei dem alle Weltregionen beteiligt würden, um aktuelle ethische, rechtliche und technologische Entwicklungen angemessen zu berücksichtigen.
„Wir bewegen uns in einer komplexen und sich rasant veränderten globalen Gesundheitslandschaft“, sagte Kitulu. Hier sei der Weltärztebund gefragt. Den Anwesenden rief sie zu: „Die Stärke des Weltärztebundes liegt bei seinen Mitgliedern – Ihrem Engagement, Ihrer Führungsstärke und Ihrer Bereitschaft, grenzüberschreitend zusammenzuarbeiten.“
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