Primärversorgung: Hausärzteverband will klare Regeln für die Patientensteuerung

Berlin – Patientinnen und Patienten sollen sich nach den Vorstellungen des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes freiwillig für oder gegen die Teilnahme an einem geplanten Primärversorgungssystem entscheiden können. Wer sich für die gesteuerte Versorgung entscheidet, soll von Vorteilen wie einem schnelleren Zugang zu Facharztterminen profitieren. Wer die vorgesehenen Versorgungswege anschließend jedoch umgeht, sollte laut dem Verband Konsequenzen tragen – zum Beispiel eine Kostenbeteiligung. Das geht aus einem Forderungspapier des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes hervor.
„Ein Primärversorgungssystem lebt von klaren Strukturen. Das heißt nicht, dass alle daran teilnehmen müssen. Wir setzen weiterhin darauf, dass sich Patientinnen und Patienten für oder gegen eine Teilnahme entscheiden können – mit entsprechenden Vorteilen für Teilnehmende“, erklärte Markus Blumenthal-Beier, einer der Bundesvorsitzende des Verbandes. Wer sich für diese Vorteile entscheide, müsse sich aber anschließend an die Regeln halten.
In dem „Forderungspapier zur Einführung eines verbindlichen hausärztlichen Primärversorgungssystems“ genannten Dokument formuliert der Verband sechs Forderungen für die Ausgestaltung des Primärversorgungssystems. Hausarztpraxen sollen demnach grundsätzlich die erste Anlaufstelle und zugleich die zentrale steuernde Instanz sein.
Direkt aufgesucht werden könnten nur wenige ausdrücklich definierte Bereiche, darunter neben Notfällen die Augenheilkunde, Gynäkologie und Psychotherapie. Für die Weiter- und Mitversorgung durch Facharztpraxen fordert der Verband einfache und bürokratiearme Verfahren und nennt als Beispiel eine Jahresüberweisung.
Laut dem Papier könnten hausärztliche Primärversorgungspraxen 90 Prozent der Versorgungsanlässe abschließend behandeln. Nur bei wenigen komplexen oder spezifischen Fällen sei die Einbindung der fachärztlichen Versorgungsebene erforderlich.
Eine zentrale Rolle bei der Reform weist der Verband der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) zu. Bundesweit nehmen dem Papier zufolge rund elf Millionen Versicherte freiwillig daran teil. „Dass mit der HZV bereits ein eigenständiges Primärversorgungssystem und damit die Hälfte der Reform steht, macht nicht nur seine Arbeit deutlich leichter“, erklärt Nicola Buhlinger-Göpfarth – ebenfalls Vorsitzende des Verbandes – an die Adresse von Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) gewandt. Die zentrale Forderung laute, „dass an der HZV in keiner Weise gerüttelt werden darf“.
Die bestehenden Bestimmungen zur HZV nach Paragraph 73b des Fünften Sozialgesetzbuches sollen nach dem Willen des Verbandes daher unverändert als selektivvertraglich organisierte „alternative Regelversorgung“ erhalten bleiben.
Parallel dazu sollte die hausärztliche Versorgung laut dem Verband stärker als Teamversorgung organisiert werden. Die medizinische Gesamtverantwortung und die Koordination sollten aber bei der Hausärztin oder dem Hausarzt bleiben.
Für solche Strukturen fordert der Verband verlässliche Transformationszuschläge sowie dauerhafte Zuschläge für zusätzlich qualifizierte Gesundheitsberufe.
Eine zentrale digitale oder telefonische Ersteinschätzung über Krankenkassen oder die 116 117 während der regulären Praxisöffnungszeiten lehnt der Verband ab. Patienten sollten stattdessen zuerst ihre Hausarztpraxis kontaktieren – digital, telefonisch oder persönlich. Dort sollte qualifiziertes Praxispersonal, unterstützt durch digitale Anwendungen, den individuellen Versorgungsbedarf einschätzen.
Digitale Anwendungen sollen nach den Vorstellungen des Verbandes aber die Arbeit innerhalb der Hausarztpraxen unterstützen, etwa bei Terminorganisation, Kommunikation, Vorbereitung von Konsultationen oder Übermittlung medizinischer Informationen.
Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen
Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.
Jetzt bei Google bevorzugenDiskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: