Ärzteschaft

Psychiatrie-Barometer: Einrichtungen stehen unter doppeltem Druck

  • Montag, 27. Juli 2026
/picture alliance, Armin Weigel
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Berlin – Die psychiatrische Versorgung steht vor wachsenden Herausforderungen. Während in der Kinder- und Jugendpsychiatrie seit der Coronapandemie deutlich mehr Essstörungen, Internet- und Medienabhängigkeit sowie suizidale Krisen beobachtet werden, verschlechtert sich gleichzeitig die wirtschaftliche Situation vieler psychiatrischer und psychosomatischer Einrichtungen.

Zu diesem Fazit kommt das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) nach einer bundesweiten Befragung von 295 psychiatrischen Fachkrankenhäusern sowie Allgemeinkrankenhäusern mit psychiatrischen oder psychosomatischen Fachabteilungen im Rahmen des „Psychiatrie-Barometers“.

Danach berichtet mehr als die Hälfte der befragten Einrichtungen (52 Prozent) von einer deutlichen Zunahme von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Ebenfalls häufig genannt werden ein Anstieg von Internet- und Medienabhängigkeit (44 Prozent), suizidalen Krisen (42 Prozent), Angststörungen (42 Prozent) und Depressionen (39 Prozent).

Gleichzeitig sehen sich die Einrichtungen mit komplexeren Krankheitsbildern, einer steigenden Nachfrage nach Behandlungsplätzen und Problemen beim Übergang junger Menschen in die Erwachsenenpsychiatrie konfrontiert. In jeweils knapp zwei Dritteln der kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen betragen die Wartezeiten auf eine voll- oder teilstationäre Behandlung acht Wochen oder länger.

„Das Psychiatrie-Barometer zeigt eine doppelte Herausforderung: In der Kinder- und Jugendpsychiatrie steigt der Bedarf, während die wirtschaftliche Lage vieler Einrichtungen angespannt bleibt“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Gerald Gaß. Die Politik müsse deshalb für ausreichend Behandlungskapazitäten und verlässliche Finanzierungsbedingungen sorgen und die Einrichtungen zugleich von unnötiger Bürokratie und Überregulierung entlasten.

Das Institut hat in der Befragung auch die wirtschaftliche Bilanz der psychiatrischen Einrichtungen insgesamt in den Blick genommen. Danach bewertet rund ein Viertel der Einrichtungen die aktuelle wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Dagegen stufen jeweils 77 Prozent ihre Situation als mäßig bis sehr schlecht ein. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Einschätzung insbesondere bei den Fachkrankenhäusern verschlechtert.

Die Erwartungen für das Jahr 2026 sind eher pessimistisch: Die Hälfte der Abteilungspsychiatrien und 54 Prozent der Fachkrankenhäuser rechnen mit einer weiteren Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage. Nur jede zehnte Abteilungspsychiatrie und jedes zwanzigste Fachkrankenhaus geht von einer Verbesserung aus. Gegenüber dem Vorjahr haben sich die Zukunftserwartungen damit nochmals eingetrübt. 

Aufgrund der aktuellen Lage planen 23 Prozent der Abteilungspsychiatrien und 16 Prozent der Fachkrankenhäuser innerhalb der nächsten sechs Monate Personal abzubauen. Zudem rechnen 26 Prozent der Abteilungspsychiatrien mit Einschränkungen des Leistungsumfangs und des Leistungsangebots. 

Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen investieren die psychiatrischen Kliniken nach Angaben des DKI-Psychiatrie-Barometers weiter in die Ausbildung. Fast alle beteiligten Einrichtungen (96 Prozent) bieten Plätze für Pflichteinsätze in der psychiatrischen Versorgung im Rahmen der generalisierten Pflegeausbildung an, mehr als drei Viertel ermöglichen zusätzlich Vertiefungseinsätze.

Den Fachkräftemangel können diese Anstrengungen bislang jedoch nicht ausgleichen. Knapp die Hälfte der Kliniken berichtet, dass die Zahl der examinierten Pflegefachpersonen den Bedarf nicht deckt. Um Personal zu gewinnen und langfristig zu binden, setzen die Kliniken auf ein breites Spektrum an Hilfsmaßnahmen.

Nahezu alle Einrichtungen bieten regelmäßige Feedbackgespräche, kollegiale Beratungen und individuelle Begleitung während der Ausbildung an. Häufig kommen außerdem Krisenberatung, Programme zur Stressbewältigung und Weiterbildungen für Praxisanleitende zum Einsatz.

Parallel schreitet die Akademisierung der Pflege voran. In 71 Prozent der befragten Krankenhäuser arbeiten inzwischen Pflegefachpersonen mit akademischem Abschluss. Im Durchschnitt beschäftigen die Einrichtungen 6,4 akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, darunter 1,1 mit Masterabschluss. Die durchschnittliche Akademisierungsquote liegt bei 2,9 Prozent.

Akademisch qualifizierte Pflegekräfte übernehmen vor allem Leitungsaufgaben, werden aber zunehmend auch in der direkten Patientenversorgung sowie in der Fort- und Weiterbildung eingesetzt. Das DKI weist aber darauf hin, dass die Akademisierung weiterhin deutlich unter dem Bedarf liege.

Die Befragung erfolgte zwischen Anfang Oktober 2025 und Ende Januar 2026.

hil

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