Psychische Erkrankungen an der Spitze der Fehlzeiten

Berlin – Die stetige Zunahme von Krankmeldungen aufgrund psychischer Erkrankungen und die damit verbundenen langen Ausfallzeiten sind wesentliche Treiber für den Anstieg der Fehlzeiten in den vergangenen Jahren. Das ist die Kernaussage des Fehlzeiten-Reports 2026 mit dem Schwerpunktthema „Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken“, den das Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) heute in Berlin vorgestellt hat.
Die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen sind demnach bei AOK-versicherten Beschäftigten in den vergangenen zehn Jahren um knapp 42 Prozent gestiegen. Während 2016 noch 284 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder zu verzeichnen waren, lag dieser Wert 2025 bei 403 Tagen je 100 Mitglieder.
Psychische Erkrankungen stehen dem Fehlzeiten-Report zufolge bei der durchschnittlichen Dauer der Krankschreibung je Fall mit 28,5 Tagen an der Spitze. Bei den Atemwegserkrankungen waren es beispielsweise zum Vergleich 2025 nur 5,7 Tage je Fall. Ein überdurchschnittlicher Anstieg von 77 Prozent war demnach auch bei der Zusatzdiagnose Burnout zu verzeichnen (2016 noch elf Ausfalltage je 100 AOK-Mitglieder, 2025 19,5 Tage).
Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, hob bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Reports den Anstieg der Ausgaben für das Krankengeld durch psychische Erkrankungen hervor: Während bei den somatischen Erkrankungen zwischen 2021 und 2025 eine Steigerung um 27 Prozent zu verzeichnen gewesen sei, lag der Anstieg bei den psychischen Erkrankungen bei 54 Prozent.
„Das hat auch mit den überdurchschnittlich langen Falldauern bei diesen Erkrankungen zu tun“, so Reimann. „Hier gibt es ganz offensichtlich Handlungsbedarf, um einem weiteren Anstieg entgegenzuwirken.“ Die AOK biete ihren Mitgliedern Beratung bei der Beantragung von Krankengeld an, ebenso wie bei der Beantragung einer Rehabilitationsmaßnahme, um die Rückkehr ins Arbeitsleben zu erleichtern.
Wichtig seien aber auch die Stärkung der Ressourcen in den Unternehmen durch Betriebliche Gesundheitsförderung und durch eine verlässliche Umsetzung der Psychischen Gefährdungsbeurteilung, betonte Reimann. Auch die Führungskräfte spielten eine wichtige Rolle zum Erhalt der psychischen Gesundheit von Mitarbeitenden.
„Über alle Erkrankungen hinweg gab es bei den Fehlzeiten jedoch einen leicht rückläufigen Trend“, berichtete Helmut Schröder, Geschäftsführer des WIdO und Mitherausgeber des Fehlzeiten-Reports. So waren demnach 2025 je AOK-Mitglied 23,3 Arbeitsunfähigkeits(AU)-Tage zu verzeichnen.
Damit liege der Wert leicht unter dem Spitzenwert aus dem Jahr 2022 (24,5 Tage) und der Jahre 2023 und 2024 (jeweils 23,9 Tage), aber immer noch deutlich über dem Niveau vor der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU).
„Die eAU hat neben dem Anstieg der Atemwegserkrankungen infolge der Coronapandemie und dem stetigen Zuwachs bei den psychischen Erkrankungen zu einer vollständigeren Erfassung der Krankmeldungen und zu einem Niveau-Shift nach oben geführt“, so Schröder. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die erfassten AU-Tage unter dem Niveau des ersten Halbjahres 2025, sodass in diesem Jahr mit einem weiter sinkenden Krankenstand zu rechnen sei.
Bei den Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen zeigen sich dem Report zufolge deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Berufsgruppen: Weit vorne lagen 2025 Berufe im Dialogmarketing mit 39 AU-Fällen je 100 Mitglieder, gefolgt von Berufen in der Haus- und Familienpflege (25,6 Fälle) und in der Altenpflege (24,9 Fälle). Danach folgten Berufe in der Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (24,6 Fälle) und Berufe in der Kinderbetreuung und -erziehung (23,0 Fälle).
„In diesen Berufen wirken mehrere psychosoziale Belastungsfaktoren, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken“, sagte Steffi Riedel-Heller, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig und Autorin im Fehlzeiten-Report.
„Hohe emotionale Anforderungen, Verantwortung für andere Menschen und ein hohes Arbeitspensum in Kombination mit begrenzter Kontrolle über Arbeitsabläufe und oftmals unzureichende soziale Unterstützung wirken sich in häufigeren und längeren Fehlzeiten aus.“
Die längsten Ausfallzeiten bei den psychischen Erkrankungen entfielen dem Report zufolge auf die Diagnose „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“, gefolgt von depressiven Episoden und wiederkehrenden depressiven Störungen.
In einer aktuellen Beschäftigten-Befragung für den Fehlzeiten-Report zeigte sich nach Worten von WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder, dass Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation oder die Angst vor Arbeitslosigkeit bei den Beschäftigten mit mehr Belastungen wie Niedergeschlagenheit, Wut oder Erschöpfung einhergehen.
„Angesichts einer zunehmend angespannten wirtschaftlichen Situation in Deutschland ist davon auszugehen, dass sich sowohl die Sorgen wie auch die psychischen Belastungen und kognitiven Irritationen verstärken werden. Dies könnte sich perspektivisch auch negativ auf die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen auswirken“, sagte er.
„Steigende psychisch bedingte Fehlzeiten bedeuten nicht automatisch, dass psychische Erkrankungen in der Bevölkerung im gleichen Umfang zugenommen haben“, betonte Professorin Riedel-Heller. Wenngleich seien sie ein wichtiger Indikator. Grundsätzlich würden psychische Erkrankungen heute besser erkannt, offener angesprochen und häufiger behandelt. Gleichzeitig gebe es Hinweise auf reale Zunahmen psychischer Belastungen und einzelner Störungen, insbesondere bei jüngeren Menschen.
„Arbeit kann nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Ressource für psychische Gesundheit sein, betonte die Arbeitsmedizinerin. „Gute Arbeit bietet Sicherheit, Zugehörigkeit, Struktur und Selbstwirksamkeit.“ Wenn man psychisch bedingte Fehlzeiten reduzieren wolle, seien gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen entscheidend. Insbesondere Führungskräfte sollten Mitarbeitende unterstützen und lenken.
Bei ersten Symptomen einer psychischen Erkrankung rät die Expertin in Arbeit zu bleiben und dann bei Bedarf anzupassen. Hilfreiche Modelle seien auch Teilzeitkrankschreibungen. Weiter sollte der Arbeitgeber den Zugang zu professioneller Hilfe erleichtern. Bei der Rückkehr psychisch erkrankter Mitarbeiter biete sich darüber hinaus das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) als ein wichtiger Faktor für Betriebe an.
Der Fehlzeiten-Report wird seit 1998 vom WIdO in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Berliner Hochschule für Technik herausgegeben. Neben Analysen zur jüngsten Entwicklung des Krankenstandes beinhaltet der aktuelle Report 25 Beiträge zum Schwerpunktthema „Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken“.
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