„Für eine generelle Explosion psychischer Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung gibt es aktuell keine klare Evidenz“
Berlin – Coronapandemie, Kriege sowie gesellschaftliche und politische Krisen und Unsicherheiten. Psychotherapeuten haben lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz, bei Psychiatern sieht es nicht besser aus. Die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen steigen an, ebenso die Zahl der Erwerbsminderungsrenten. Doch nehmen psychische Erkrankungen wirklich beständig zu?
Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit Steffi G. Riedel-Heller, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Professorin an der Universität Leipzig und Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP). Sie forscht zur Epidemiologie psychischer Erkrankungen und widmet sich der Präventions- und Versorgungsforschung.

5 Fragen an Steffi G. Riedel-Heller
Können Sie aufgrund der Studienlage bestätigen, dass psychische Erkrankungen beständig zunehmen?
Die Antwort ist differenziert: Für eine generelle „Explosion“ psychischer Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung gibt es aktuell keine klare Evidenz. Gleichzeitig sehen wir aber durchaus Hinweise auf reale Zunahmen einzelner psychischer Störungen wie depressive Erkrankungen und Angststörungen insbesondere auch in bestimmten Gruppen.
Das mag auf den ersten Blick überraschen. Gleichwohl müssen wir sehr genau unterscheiden, worüber wir sprechen: über klinisch diagnostizierte psychische Erkrankungen in der Bevölkerung – umgangssprachlich oft „wahre Prävalenz“ genannt –, über Symptombelastung in der Bevölkerung, wie wir sie mit Screeninginstrumenten messen, oder aber über Versorgungsindikatoren wie Krankschreibungen und Frühberentungen. Das sind sehr verschiedene Ebenen der Betrachtung eines Phänomens, die in der allgemeinen Diskussion oft vermischt werden. Diese Entwicklungen auf diesen Ebenen verlaufen nicht zwangsläufig parallel.
Einerseits erfassen wir heute deutlich mehr psychische Symptome und Diagnosen als früher. Screeningverfahren wie zum Beispiel der PHQ oder GAD-7 sind sensitiv. Menschen berichten psychische Belastungen offener, zunehmend werden auch mildere Ausprägungen oder neue Phänomene als psychische Probleme verstanden.
Gleichzeitig hat sich das Versorgungssystem verändert: Entstigmatisierung, bessere Zugänge zur Behandlung, klarere Kodierung sowie chronische und rezidivierende Verläufe führen dazu, dass mehr Fälle sichtbar und dokumentiert werden. Hinzu kommt eine kulturelle und kommunikative Dynamik: Psychische Gesundheit ist heute medial und gesellschaftlich sehr präsent. Soziale Medien verstärken Wahrnehmungen von Belastung, Erwartungen an Wohlbefinden sind gestiegen, und psychologische Deutungsmuster prägen zunehmend den Alltag.
Kognitive Verzerrungen wie die Verfügbarkeitsheuristik tragen zusätzlich dazu bei, dass psychische Störungen als allgegenwärtig wahrgenommen werden. Gleichzeitig gibt es reale Veränderungen: Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden sich Hinweise auf tatsächliche Anstiege bestimmter Störungen. Ökonomische Unsicherheit, Leistungsdruck, digitale Lebenswelten und veränderte soziale Netzwerke können hier eine Rolle spielen.
Welche psychischen Störungen sind besonders häufig und welche Gruppen sind besonders betroffen?
Für Deutschland stammen die belastbarsten bevölkerungsbezogenen Daten zur klinisch-diagnostischen Häufigkeit psychischer Störungen aus der DEGS1-MH-Studie. Sie wurde 2009 bis 2012 im Rahmen des Gesundheitssurveys des Robert-Koch-Instituts (RKI) durchgeführt.
Erfasst wurden Erwachsene im Alter von 18 bis 79 Jahren mit standardisierten diagnostischen Interviews nach DSM-IV-Kriterien. Danach erfüllten 27,8 Prozent der Erwachsenen innerhalb von zwölf Monaten die Kriterien für mindestens eine psychische Störung. Besonders häufig waren Angststörungen, gefolgt von affektiven Störungen wie Depressionen sowie Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum.
Die Frage nach besonders betroffenen Gruppen muss man daher differenziert beantworten. Für Erwachsene insgesamt zeigen internationale Daten keine generelle „Explosion“ psychischer Erkrankungen. Hinweise auf reale Zunahmen finden sich aber vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen, und vor allem im Bereich depressiver Störungen, Angststörungen und allgemeiner psychischer Symptombelastung.
Deutsche Screeningdaten weisen in diese Richtung: Im RKI-Panel „Gesundheit in Deutschland“ 2024 berichteten besonders junge Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren hohe depressive oder Angstsymptome; fast die Hälfte dieser Gruppe war betroffen. Auch die COPSY-Studie zeigte besonders während der Pandemie eine erhöhte psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen.
International ist dieses Muster gut anschlussfähig: Die englische Adult Psychiatric Morbidity Survey (Erhebung zur psychischen Morbidität bei Erwachsenen) beschreibt Zunahmen sogenannter Common Mental Health Conditions (Verbreitete psychische Erkrankungen), besonders bei 16- bis 24-Jährigen. In den USA stieg die Zwölf-Monats-Prävalenz depressiver Episoden bei Jugendlichen zwischen 2009 und 2019 von 8,1 Prozent auf 15,8 Prozent, bei Mädchen sogar von 11,4 Prozent auf 23,4 Prozent.
Die Krankenkassen melden einen ständigen Anstieg bei den Fehltagen wegen psychischer Erkrankungen und auch die Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsminderung aufgrund psychischer Erkrankungen sind gestiegen. Sind das nicht Indikatoren für eine Zunahme?
Zunehmende AU-Tage und Rentenzugänge aufgrund psychischer Erkrankungen sind wichtige Indikatoren, sie sind aber kein direkter Beweis dafür, dass die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung im gleichen Ausmaß zugenommen hat.
Diese Entwicklung ist komplex: Psychische Erkrankungen werden heute häufiger erkannt und diagnostiziert. Menschen sprechen offener über psychische Probleme und suchen eher Hilfe. Auch Ärztinnen und Ärzte dokumentieren psychiatrische Diagnosen heute konsequenter.
Hinzu kommen Veränderungen der Arbeitswelt: höhere Verdichtung, steigende kognitive und emotionale Anforderungen, Unsicherheit und eine stärkere Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben können psychische Probleme schneller arbeitsrelevant werden lassen.
Gleichzeitig muss man festhalten: Auch wenn Routinedaten keine direkten Prävalenzdaten sind, spiegeln sie dennoch sehr reale Entwicklungen wider. Sie zeigen sehr deutlich eine wachsende arbeitsbezogene und gesellschaftliche Relevanz psychischer Belastungen und Erkrankungen.
Gibt es genügend Daten für Deutschland, um eine „wahre Prävalenz“ zu beurteilen?
Nein – streng genommen haben wir derzeit keine ausreichende Datenbasis, um belastbar zu beurteilen, ob die „wahre Prävalenz“ psychischer Störungen in Deutschland langfristig zu- oder abnimmt.
Der wichtigste Grund: Es fehlt eine wiederholte, bevölkerungsrepräsentative psychiatrisch-diagnostische Erhebung mit vergleichbarer Methodik über die Zeit. Die zentrale deutsche Studie hierzu ist DEGS1-MH des Robert-Koch-Institut, durchgeführt zwischen 2009 und 2012 mit standardisierten diagnostischen Interviews (CIDI). Diese Studie liefert gute Prävalenzschätzungen, wurde aber bislang nicht in vergleichbarer Form wiederholt.
Deutschland braucht deshalb eine umfassende Mental-Health-Surveillance mit regelmäßig wiederholten bevölkerungsbezogenen Erhebungen und einer konsequenten Verknüpfung von Bevölkerungs-, Versorgungs- und Routinedaten. Nur so lassen sich Entwicklungen psychischer Gesundheit frühzeitig erkennen und Versorgung sowie Prävention evidenzbasiert planen.
Psychotherapeutische Praxen haben sehr lange Wartezeiten. Brauchen wir mehr Therapieplätze?
Ja. In vielen Regionen und für bestimmte Patientengruppen bestehen erhebliche Zugangsprobleme in der psychotherapeutischen Versorgung. Lange Wartezeiten betreffen besonders Kinder und Jugendliche, Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sowie Patientinnen und Patienten in ländlichen Regionen. Ein bedarfsgerechter Ausbau ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Kapazitäten ist deshalb notwendig.
Allerdings greift die Diskussion um „mehr Therapieplätze“ allein zu kurz. Es braucht eine stärker gestufte und koordinierte Versorgung: niedrigschwellige Angebote, Prävention und Frühintervention, gruppenbasierte und digitale Angebote sowie eine bessere Verzahnung mit der hausärztlichen Versorgung und klare Wege für Menschen mit komplexem oder schwerem Behandlungsbedarf.
Entscheidend ist, dass Betroffene frühzeitig die passende Hilfe entsprechend Schweregrad und Bedarf erhalten. Nicht jede psychische Belastung erfordert unmittelbar eine Richtlinienpsychotherapie; umgekehrt müssen schwer Erkrankte schneller in spezialisierte, kontinuierliche Behandlung gelangen.
Die Versorgungsforschung zeigt zudem, dass stärker regional koordinierte und sektorenübergreifende Modelle die Versorgung psychisch erkrankter Menschen verbessern können. Evaluationen von Modellvorhaben wie Regional- oder Globalbudgets weisen auf eine bessere Behandlungskontinuität, flexiblere Versorgungsverläufe und effizienteren Ressourceneinsatz hin. Die Herausforderung liegt deshalb nicht nur in der Zahl der Therapieplätze, sondern auch in einer besseren Steuerung, Koordination und Integration der Versorgung.
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