Psychische Erkrankungen führen EU-weit zu 28.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr

Berlin – Rund ein Fünftel der Bevölkerung in den Ländern der Europäischen Union (EU) leidet nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an psychischen Erkrankungen.
Damit gehören diese zu den größten Problemen für die öffentliche Gesundheit und bringen zudem erhebliche sozioökonomische Kosten mit sich. Das ist zusammengefasst das Ergebnis einer Studie zur psychischen Gesundheit, die die OECD gestern vorgestellt hat.
„Im Jahr 2023 litt fast jede fünfte Person an einer psychischen Erkrankung, wobei ungefähr drei Viertel davon auf Depressionen, Angststörungen und Substanzgebrauchsstörungen entfielen“, berichtete Michael Müller von der OECD.
„Die Prävalenzzahlen dürften dabei noch unterschätzt sein.“ Viele leichtere Erkrankungen blieben aufgrund anhaltender sozialer Stigmatisierung und anderer Einschränkungen unerkannt. „Der Zugang zur Versorgung ist dabei nach wie vor unzureichend“, betonte er.
Vor allem junge Menschen betroffen
„Basierend auf vorangegangenen OECD-Surveys und Surveys der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzen wir, dass im EU- und OECD-Schnitt rund 60 Prozent der Menschen, die psychotherapeutische/psychiatrische Hilfe benötigen, keinen Zugang dazu haben“, sagte Müller.
Das könne unterschiedliche Ursachen haben wie finanzielle Hürden, geografische oder organisatorische Barrieren. Besonders von psychischen Erkrankungen betroffen seien junge Menschen: Mehr als jeder vierte Jugendliche und junge Erwachsene leide an einer psychischen Störung.
Bei psychischen Erkrankungen gibt es nach Angaben der OECD auch eine geschlechterspezifische Komponente: Bei Frauen treten Angststörungen und Depressionen häufiger auf, bei Männern sind es Alkohol- und Substanzmissbrauchsstörungen.
Zudem gebe es einen stark ausgeprägten sozioökonomischen Gradienten: Ein niedrigeres Einkommen und ein niedriger Bildungsstand gehen durchweg mit einer höheren Rate an Depressionen und Angststörungen einher.
Bei Männern ist dieses Phänomen demnach ausgeprägter: Im EU-Schnitt berichten Männer im untersten Einkommensquartil mit fünfmal höherer Wahrscheinlichkeit über depressive Symptome als ihre Altersgenossen im obersten Einkommensquartil, berichtete Müller.
Langzeitfolgen der Pandemie und anderer Krisen
Die COVID-Pandemie hat sich Müller zufolge negativ auf die psychische Gesundheit ausgewirkt – sowohl die Pandemie als solche als auch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie.
„Es ist nicht ganz klar, ob sich die psychische Gesundheit in Europa wieder vollständig von den Effekten der Pandemie erholt hat“, sagte er. Einige Studien deuteten darauf hin, dass es zu Langzeitfolgen gekommen sein könnte, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen.
Der Klimawandel ist der OECD-Studie zufolge ein weiterer Faktor, der insbesondere die psychische Gesundheit junger Menschen belastet. 84 Prozent der jungen Menschen sind moderat oder sehr über den Klimawandel besorgt. Mehr als 55 Prozent geben an, dass der Klimawandel ihr tägliches Leben und ihre Lebensqualität beeinträchtigt.
„Es gibt Hinweise darauf, dass eine problematische Nutzung sozialer Medien mit einer erhöhten Häufigkeit von Angstzuständen, Depressionen und anderen psychischen Störungen einhergeht“, berichtete Müller. Mädchen und junge Frauen seien für diese Auswirkungen besonders anfällig. Die Forschungslage dazu sei aber noch nicht abschließend geklärt. Eine moderate Nutzung könne unter gewissen Umständen auch positive Effekte haben.
Auch die Konfrontation mit Krieg und bewaffneten Konflikten hinterlasse bleibende Spuren und wirke sich negativ auf die psychische Gesundheit des Einzelnen über den gesamten Lebensverlauf hinweg aus. „Kinder und Jugendliche sind wieder besonders gefährdet, da eine solche Konfrontation das Lebenszeitrisiko, eine psychische Störung zu entwickeln, erheblich erhöht.“
Lebenserwartung im Länderdurchschnitt um 2,5 Jahre verkürzt
Untersucht hat die OECD auch die tatsächlichen Kosten, die psychische Erkrankungen für die Gesellschaften und Volkswirtschaften verursachen. Die Lebenserwartung bei den drei wichtigsten Erkrankungen Angststörungen, Depressionen und Alkoholabhängigkeit wird demnach im Länderdurchschnitt um 2,5 Jahre verkürzt. Die Schätzungen dieser Kosten basieren auf einem Mikrosimulationsmodell der OECD mit einem neuen Modul zur psychischen Gesundheit.
Am stärksten reduziert sich die Lebenserwartung in Nordeuropa um fast 3,5 Jahre, mit Schweden an der Spitze; in den südlichen Ländern ist die Reduktion etwas weniger ausgeprägt, hier am unteren Ende Griechenland mit einer Reduktion von etwa 1,2 Jahren.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Reduktion der Lebenserwartung durch die drei psychischen Störungen der Studie zufolge überdurchschnittlich hoch; in Deutschland sind es etwa 3,2 Jahre.
Durchschnittlich 28.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr
Die drei wichtigsten psychischen Erkrankungen Angststörungen, Depressionen und Alkoholabhängigkeit führen nach OECD-Angaben EU-weit zu durchschnittlich 28.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr, die größtenteils auf Suizid und Alkoholmissbrauch zurückzuführen sind.
Darüber hinaus machen die drei untersuchten psychischen Störungen im Durchschnitt über den Zeitraum 2025 bis 2050 circa sechs Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben beziehungsweise rund 76 Milliarden Euro in den EU-Ländern aus, jedoch mit erheblichen Unterschieden.
Die Kosten liegen zwischen durchschnittlich einem Prozent in Bulgarien und zwölf Prozent in Luxemburg. Deutschland und Österreich liegen dabei prozentual über dem EU-Schnitt. „Ein großer Teil der Kosten entsteht, weil psychische Erkrankungen andere körperliche Erkrankungen verschlimmern. Die Behandlungen werden komplexer und teurer“, sagte Müller.
Nach den Berechnungen der OECD werden die Folgen psychischer Erkrankungen auch den Arbeitsmarkt stark treffen. Zwischen 2025 und 2050 droht dem Bericht zufolge ein durchschnittlicher jährlicher Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 1,7 Prozent. Diesen Rückgang treibe vor allem eine geringere Erwerbsbeteiligung und Produktivität an.
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