Psychische Probleme bei Ärzten und Pflegekräften: WHO mahnt bessere Arbeitsbedingungen an

Kopenhagen – Jede dritte Ärztin und jeder dritte Arzt in Europa zeigt Symptome einer Depression oder Angststörung, mehr als jede 10. Person denkt über Selbsttötung nach. Diese Zahlen nennt der neue Report „Mental Health of Nurses and Doctors (MeND)“, den das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa zusammen mit der Europäischen Kommission vorgelegt hat.
Die Erhebung umfasst 90.171 Antworten aus 29 Ländern, darunter alle EU-Staaten, Island und Norwegen. Damit handelt es sich laut WHO um die bislang größte Erhebung zur psychischen Gesundheit von Ärzten und Pflegekräften in Europa.
Zwischen Oktober 2024 und April 2025 hat ein Forschungsteam Ärzte und Pflegekräfte über nationale Verbände online befragt und dabei validierte Instrumente eingesetzt, zum Beispiel den Fragebogen zur generalisierten Angststörung und andere.
Die Befragten gaben auch Auskunft über Arbeitszeiten, Schichtdienste, Gewalterfahrungen und vorhandene Unterstützungsstrukturen. Der Bericht ist Teil der WHO-Initiative „Bewältigung psychischer Gesundheitsprobleme in der EU, Island und Norwegen“.
Es zeigte sich: Ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte (32 Prozent) berichtete über Symptome einer Depression oder Angststörung, drei Prozent erfüllten Kriterien einer Alkoholabhängigkeit. Mehr als zehn Prozent gaben an, in den vergangenen Wochen an Selbsttötung gedacht zu haben. Besonders häufig betroffen waren jüngere Beschäftigte und Frauen.
Die Prävalenz von Depressionen schwankte je nach Land zwischen 15 und 50 Prozent. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben Ärztinnen und Ärzte laut WHO ein fünf Mal höheres Risiko für depressive Symptome (32 versus sechs Prozent). In Deutschland liegt der Wert laut der Erhebung bei 26 Prozent.
Gewalterfahrungen erwiesen sich als der stärkste Risikofaktor: Beschäftigte, die körperliche oder verbale Gewalt erlebt hatten, zeigten doppelt so häufig psychische Probleme wie Kolleginnen und Kollegen ohne diese Erfahrungen. Fehlt soziale Unterstützung, etwa durch Vorgesetzte, verdreifacht sich das Risiko. Auch wer regelmäßig Nachtschichten oder Überstunden leistet, hat laut den Daten ein deutlich erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen.
Umgekehrt hatten Befragte, die regelmäßig Unterstützung am Arbeitsplatz erhielten, seltener Symptome psychischer Erkrankungen (17 Prozent gegenüber 51 Prozent). Auch eine gute Work-Life-Balance und mehr Einfluss auf Arbeitszeiten senkten das Risiko deutlich.
Dies bestätigen Daten aus Deutschland, welche eine Arbeitsgruppe der Jungen Neurologie in der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) erhoben hat. „Als relevanteste Maßnahmen gegen Überforderung, Burnout und die Auswirkungen belastender Ereignisse werden eine strukturierte Einarbeitung angegeben und das Angebot, solche Ereignisse im Berufsalltag nachzubesprechen, ein sogenanntes Debriefing“, sagte der Hauptautor des Berichts, Johannes Piel. Für die Untersuchung befragte er 493 Ärztinnen und Ärzte in der neurologischen Weiterbildung.
„Der Schutz der psychischen Gesundheit unserer Gesundheits- und Pflegekräfte ist nicht nur richtig – er ist für die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Europa von entscheidender Bedeutung“, heißt es im Report. WHO-Regionaldirektor Hans Henri Kluge spricht im Vorwort von einem „strategischen Investment in die Gesundheit der Bevölkerung“. Denn nur wer psychisch gesund sei, könne sicher und empathisch behandeln.
Auf Basis der Ergebnisse formuliert die WHO politische Handlungsempfehlungen: eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Gewalt und Belästigung, Begrenzung von Überstunden, bessere Planbarkeit von Schichten, Aufbau von Führungskompetenz im Umgang mit psychischer Belastung, Zugang zu niedrigschwelliger psychologischer Unterstützung sowie ein regelmäßiges Monitoring der Arbeitsbedingungen.
Wenn Sie Suizidgedanken haben oder bei einer anderen Person wahrnehmen: Kostenfreie Hilfe bieten in Deutschland der Notruf 112, die Telefonseelsorge 0800/1110111 und das Info-Telefon Depression 0800/3344 533. Weitere Infos und Adressen unter www.deutsche-depressionshilfe.de.
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