Psychotherapeuten befürchten Beschädigung der Versorgungsstrukturen durch Kürzungen

Berlin – Die Psychotherapeuten sind besorgt über die möglichen Auswirkungen der angekündigten Honorarkürzungen auf die Versorgung psychisch kranker Menschen. Das zeigte sich beim 5. Deutschen Psychotherapie Kongress (DPK) in Berlin, bei dem über die Zukunft der psychotherapeutischen Versorgung diskutiert wurde.
„Psychische Gesundheit ist eine zentrale Zukunftsfrage unserer Gesellschaft. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen seit Jahren, wie wirksam psychotherapeutische Versorgung ist“, erklärte Eva-Lotta Brakemeier, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald. In Zeiten multipler Krisen sollte Gesundheitspolitik deshalb darauf ausgerichtet sein, wirksame Versorgung nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln.
„Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit braucht es Raum für ehrlichen Dialog, wissenschaftliche Orientierung und politische Verantwortung“, erklärte Rudolf Stark, Vorstandsvorsitzender von Unith, Verbund der universitären Aus- und Weiterbildungsinstitute. Die Menschen brauchten sehr viel Resilienz angesichts der aktuellen Krisen in der Welt.
„Man würde annehmen, dass unser Berufsstand gerade deshalb von der Politik besonders hofiert wird, weil wir den Menschen helfen können, doch genau das Gegenteil ist der Fall“, sagte der Professor für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Und an die Politik gewandt: „Redet mit uns, bevor ihr unsinnige Entscheidungen trefft.“
Damit bezog er sich zum einen auf die Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschusses (EBA) vom 11. März, die Honorare für ambulante psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent abzusenken; zum anderen auf den im Entwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vorgesehenen Wiedereinbezug der psychotherapeutischen Vergütung in die Verteilung der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung sowie den Wegfall der Zuschläge für die Kurzzeitpsychotherapie.
„Durch die Honorareinbußen werden die Versorgungsstrukturen langfristig beschädigt“, sagte der Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV), Enno Maaß. Es sei nicht zielführend, in der ambulanten Versorgung zu sparen, zumal bei dem Grundsatz: ambulant vor stationär. „Wir sind nicht die Kostentreiber, ein Tag in der stationären Psychiatrie kostet genauso viel wie sechs bis acht Wochen ambulante Psychotherapie“, erklärte der niedergelassene Psychotherapeut.
Zum Verhältnis Krankheitslast und Versorgung ergänzte Frank Jacobi, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin: „Die F-Diagnosen machen zehn Prozent der GKV-Gesamtausgaben aus. Psychotherapie ist ein Hebel, um die viel höheren Folgekosten zu reduzieren.“
Reformbedarf in der psychotherapeutischen Versorgung sieht der DPtV-Bundesvorsitzende Maaß im weiteren Ausbau der Gruppenpsychotherapie, in mehr niedrigschwelliger Diagnostik und in mehr Befugnissen für Psychotherapeuten. Sie sollten seiner Ansicht nach auch psychisch kranke Patienten überweisen und wenn nötig, krankschreiben können.
Der Vizepräsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Nikolaus Melcop, ergänzte, dass es zur Verringerung der Wartezeiten für psychisch kranke Kinder und Jugendliche auch dringend einer separaten Bedarfsplanung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bedarf. Diese Forderung ist im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung festgeschrieben, aber noch nicht umgesetzt.
Auf die Sorgen der Studierenden der Masterstudiengänge Klinische Psychologie und Psychotherapie machte die Studentin Luisa Baumgärtner bei dem Panel aufmerksam: „Ich habe Angst vor Oktober, wenn mein Studium vorbei ist. Dann will ich eigentlich eine Weiterbildung zur Fachpsychotherapeutin beginnen, bezweifle aber, dass ich eine Stelle finden werde.“
Neben einer fehlenden gesetzlichen Regelung zur Finanzierung der Weiterbildung würden nun auch die Honorarkürzungen dazu beitragen, dass sich niedergelassene Psychotherapeuten nicht leisten könnten, Weiterbildungsstellen anzubieten.
Aktuell gibt es nach Angaben der BPtK nur eine Anzahl von Weiterbildungsstellen im unteren dreistelligen Bereich. Erwartet werden jedes Jahr aber rund 2.500 approbierte Absolventinnen und Absolventen der Masterstudiengänge. „Die Politik legt uns regelmäßig Steine in den Weg. Die Honorarkürzungen erschüttern das Vertrauen der Studierenden in die Demokratie“, sagte Baumgärtner.
Die Vertreterin des Bundesministeriums für Gesundheit, Silke Heinemann, dämpfte indes die Erwartungen der Studierenden und Psychotherapeuten auf eine gesetzliche Regelung zur Finanzierung der Weiterbildung: „Wir haben einiges unternommen, um die Weiterbildung zu stärken. Ich kann Ihnen keine Hoffnung machen dahingehend, dass eine Finanzierung analog zu der der hausärztlichen Weiterbildung kommen wird.“
Der Deutsche Psychotherapie Kongress findet noch bis zum 12. Juni in Berlin statt.
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