Politik

Rettungsdienst muss Bundesangelegenheit werden

  • Mittwoch, 11. Februar 2026
v.l.n.r. Dr. Martin Bender (Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Berliner Feuerwehr), Prof. Dr. Ulf Landmesser (Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung), Dr. Ruth Hecker (leitende Patientensicherheitsbeauftragte am Universitätsklinikum Essen), Pierre-Enric Steiger (Präsident der Björn Steiger Stiftung), Prof. Dr. Darius Nabavi (stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Schlaganfall-Hilfe) /APS
v.l.n.r. Dr. Martin Bender (Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Berliner Feuerwehr), Prof. Dr. Ulf Landmesser (Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung), Dr. Ruth Hecker (leitende Patientensicherheitsbeauftragte am Universitätsklinikum Essen), Pierre-Enric Steiger (Präsident der Björn Steiger Stiftung), Prof. Dr. Darius Nabavi (stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Schlaganfall-Hilfe) /APS

Berlin – Der Rettungsdienst muss zur Bundesangelegenheit werden und braucht wieder eine Struktur. Dafür plädierte der Präsident der Björn Steiger Stiftung, Pierre-Enric Steiger, heute zum Tag des Notrufs im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, der Deutschen Herzstiftung, der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe und anderen.

Als erstes europäisches Land mit flächendeckender Notrufnummer sei Deutschland einmal Vorbild gewesen, inzwischen habe es die Rolle jedoch verloren und sei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ein „Entwicklungsland“, sagte Steiger. Hier könne der Rettungsdienst nach wie vor nur per Telefon oder Fax alarmiert werden und Strukturen für ein überall gleich gut funktionierendes und effizientes System fehlten.

„Rettung passiert zu oft zufällig, anstatt strukturiert“, beklagte der Stiftungspräsident. Hauptproblem sei die Zuständigkeit für den Rettungsdienst, die derzeit bei den Ländern beziehungsweise Kommunen oder Landkreisen liege. Es gibt somit keine bundesweit einheitlichen Regelungen, sodass sich die Versorgung der Patienten in den Regionen unterscheiden kann – insbesondere, was die Schnelligkeit der verfügbaren Rettungsmittel angeht.

Wenn ein Notruf in einer Leitstelle eingehe, werde oftmals nicht der am schnellsten verfügbare Rettungswagen geschickt, weil die Leitstellen auf Landkreisgrenzen fokussiert seien, erklärte Steiger. Ein freier Rettungswagen, der näher am Patienten sei, aber in einem anderen Landkreis unterwegs ist, werde der Leitstelle dann nicht angezeigt. „Das System stammt aus dem letzten Jahrhundert“, so Steiger.

Die geplante Notfall- und Rettungsdienstreform des Bundesgesundheitsministeriums sei deshalb ein Schritt in die richtige Richtung. „Wir wären glücklich, wenn das, was jetzt auf dem Tisch liegt, umgesetzt werden würde“, betonte der Stiftungspräsident. Es sei wichtig, dass der Bund die Regelungen vorgebe, damit es überall die gleichen Qualitätsstandards gebe.

Steiger befürchtet zwar, dass die Länder ihre Hoheit nicht aus der Hand geben werden. Doch der Gesetzentwurf sei schon besser als das, was es bisher gegeben habe.

Rettungsdienst optimieren

Dass der Rettungsdienst optimiert werden muss, bestätigte auch Ulf Landmesser, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung und stellvertretender ärztlicher Direktor und Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Deutschen Herzzentrum der Charité Berlin.

Die Rettungsstrukturen müssten verbessert werden, damit Patienten schneller Hilfe bekämen. Dies sei besonders bei Herzinfarkten wichtig, bei denen die Zeit zähle. Es sei zudem bedeutend, dass die Aufklärung über Notfälle und entsprechende Handlungsanweisungen noch breiter in die Bevölkerung getragen würden, so Landmesser. Er erlebe jeden Tag, dass Patienten oder Angehörige zu spät den Notruf wählten. „Auch im Verdachtsfall sollte lieber der Notarzt verständigt werden“, sagte er.

Wichtig seien in den Leitstellen auch standardisierte Protokolle, an die sich das Personal halten müsse, ergänzte Ruth Hecker, leitende Patientensicherheitsbeauftragte am Universitätsklinikum Essen und Initiatorin der Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis.

Da Sepsis eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland sei, aber sehr viel weniger bekannt wäre als beispielsweise der Herzinfarkt, müsse die Bevölkerung besser über diese Symptome aufgeklärt werden und das Bewusstsein auch bei Rettungskräften und Ärzten weiter gestärkt werden, betonte Hecker.

„Viele haben das gar nicht auf dem Schirm“, gab sie zu bedenken. Oftmals würden Symptome wie Desorientiertheit auch mit Schlaganfällen verwechselt. Patienten oder Angehörige sollten bei vorangegangener Infektion deshalb auf eine potenzielle Sepsis hinweisen können.

Wichtig sei auch, dass der Schlaganfall in der Ausbildung der Rettungskräfte noch stärker verankert werde, brachte Darius Nabavi, stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Schlaganfall-Hilfe und Chefarzt in der Klinik für Neurologie am Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln, an. Je früher man mit der Behandlung starte, desto günstiger sei die Prognose, so Nabavi. Dafür müsse das Personal die Symptome richtig einschätzen und reagieren können.

Derzeit komme nicht einmal jeder zehnte Patient innerhalb von einer Stunde in die Klinik, zwei Drittel bräuchten sogar länger als drei Stunden. Die Hauptgründe für die Verzögerungen liegen Nabavi zufolge aber bei den Patienten: Betroffene seien entweder allein oder hilflos und könnten den Notruf nicht mehr selbstständig absetzen, sie reagierten wider besseren Wissens, etwa aus Scham oder in der Hoffnung, dass die Symptome nachließen.

Weitere Gründe können mangelndes Symptomwissen oder auch mangelndes Handlungswissen sein, etwa wenn die Dringlichkeit nicht gesehen werde. Bei letzterem könne man ansetzen und die Bevölkerung entsprechend vorbereiten, so Nabavi.

Mit einer gemeinsamen Aktion fordern die Organisationen mehr Aufklärung über die drei häufigsten lebensbedrohlichen Notfälle Herzinfarkt, Schlaganfall und Sepsis und wollen die häufigsten Symptome der Erkrankungen über Flyer und Informationsmaterial bekannter machen.

nfs

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