Ärzteschaft

Onkologen fordern Maßnahmen gegen Lieferengpässe

  • Freitag, 10. März 2017
Uploaded: 10.03.2017 17:59:49 by mis
Krankenhausapotheken leiden besoders unter den Lieferengpässen der Onkologika /dpa

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) hat verstärkte Anstrengungen gefordert, um die Lieferengpässe im Bereich von Onkologika und anderen Medikamenten einzudämmen. „Wir brauchen einen Schutz von Arzneimitteln, die für die Behandlung von Krebspatienten unverzichtbar sind“, forderte der Medizinische Leiter der DGHO, Bernhard Wörmann, in der vergangenen Woche anlässlich der Frühjahrstagung der Gesellschaft in Berlin.

Untere Preisgrenze sinnvoll

Arzneimittel, die zum Standard einer Behandlung gehörten, müssten geschützt werden. Dafür müssten zum Beispiel die Preise dieser Medikamente so akzeptabel sein, dass die Hersteller mit ihnen Geld verdienen könnten. Sinnvoll sei zum Beispiel eine untere Preisgrenze.

Die DGHO hat eine Broschüre veröffentlicht, in der sie die Ursachen für Lieferengpässe zusammenfasst und beschreibt, welche onkologischen Arzneimittel in den vergangenen Jahren davon betroffen waren. Als Ursachen werden vor allem Herstellungsprobleme genannt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gehe davon aus, heißt es, dass 90 Prozent der Lieferengpässe durch Qualitätsmängel in der Pro­duk­tion bedingt seien.

Obwohl die relevanten Standards international gälten, würden zunehmend Verstöße aus außereuropäischen Ländern wie Indien oder China bekannt. Weitere Ursachen sind der DGHO zufolge die Steigerung des Bedarfs und Marktrück­nahmen von Arzneimitteln, weil der Hersteller den gemäß Arzneimittelmarkt­neuord­nungsgesetz ausgehandelten Preis des Medikaments als zu niedrig empfindet.

DGHO: Produktion wichtiger Arzneimittel nach Europa zurückholen

Wörmann erklärte, er sei nicht davon überzeugt, dass es durch diese Marktrücknahmen keine Qualitätseinbußen bei der Behandlung gebe. Er kritisierte zudem „die massive Abwanderung von Pharmastandorten in Länder, in denen die Zulassungsbehörden Probleme haben, die Qualitätsstandards sicherzustellen“. Er befürwortete deshalb Anreize, um die Produktion der Arzneimittel wieder nach Europa zu holen.

Der Leiter der Krankenhausapotheke am Universitätsklinikum Heidelberg, Torsten Hoppe-Tichy, betonte, dass das Thema Lieferengpässe eskaliere. „Es ist ein Tages­geschäft geworden“, sagte er. In seiner Apotheke müsse sich ein Mitarbeiter aus­schließlich darum kümmern, die Folgen von Lieferengpässen abzumildern. Dabei gehe es um Kontingentierung. „Manche Patienten bekommen dann das Medikament noch, andere nicht mehr“, erklärte er. „Wir müssen die Dosierungsformen umstellen und dies mit den Ärzten besprechen.“ Diese Arbeit könne man nicht einfach so nebenbei machen. 

Lieferengpässe führen zu Verschlechterung der Arzneimitteltherapiesicherheit

„Eine Folge der Lieferengpässe ist ganz klar eine Verschlechterung der Arzneimittel­thera­piesicherheit“, betonte Hoppe-Tichy. „Wenn wir zum Beispiel ein anderes Antibio­tikum einsetzen müssen, beeinflusst das die lokale Resistenzlage in unserem Haus.“ Zudem mache es auch einen Unterschied, ob ein Medikament dreimal täglich oder dreimal in der Woche gegeben werden müsse. „Lieferengpässe sind kein Kavaliers­delikt“, stellte er klar. „Wir beeinflussen damit die Patientensicherheit und auch das Patientenoutcome.“

Der Präsident des BfArM, Karl Broich, beschrieb eine Schieflage im Arzneimittelbereich: „Einerseits diskutieren wir darüber, wie neue Arzneimittel im Rahmen einer beschleunig­ten Zulassung schneller in den Markt kommen. Und andererseits riskieren wir, dass alte Arzneimittel manchmal nicht mehr verfügbar sind.“

BfArM erstellt Liste unverzichtbarer Arzneimittel

Die Ärzteschaft fordert seit Jahren eine Liste unverzichtbarer Arzneimittel. Eine solche Liste erstelle das BfArM zurzeit, sagte Broich. Diese Liste sei kontinuierlich verkleinert worden. „Zuerst enthielt sie 600 Medikamente. Das waren zu viele, das ist nicht zu managen“, meinte Broich. Zum Beispiel durch den Abgleich mit der WHO-Liste der essenziellen Arzneimittel und durch die Ermittlung, welche dieser Medikamente nur noch von einem oder zwei Herstellern produziert werden, sei die Liste jetzt deutlich reduziert worden. „Wir sind jetzt in der Diskussion mit den Beteiligten, ob es hier verschärfte Bevorratungsregelungen braucht“, sagte Broich.

Im Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz hat die Bundesregierung gestern eine Pflicht für die Hersteller beschlossen, Lieferengpässe an die Krankenhäuser zu melden. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, wird allerdings nicht bestraft. In den USA sei es genauso, erklärte Broich. Dafür veröffentliche die amerikanische Zulassungsbehörde FDA die Namen der Firmen, die ihrer Pflicht nicht nachkommen. „In den USA wurde die Erfahrung gemacht, dass die Hersteller nicht auf dieser Liste auftauchen möchten“, sagte Broich. Eine solche Liste sei „wohl sehr hilfreich bei der Selbstdisziplinierung der Industrie“.

fos

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung