Psychotherapeuten warnen vor Flickwerk bei der Bedarfsplanung

Berlin – Angesichts der steigenden Zahl psychisch belasteter Kinder und Jugendlicher hat die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) erneut eine nachhaltige Reform der Bedarfsplanung angemahnt.
Die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach angekündigte Erweiterung der Behandlungskapazitäten für schwer psychisch kranke Kinder reiche bei weitem nicht aus, um die Situation zu entschärfen, so die Kammer.
„Die Praxen unserer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind seit Langem überlaufen. Die aktuellen Krisen haben die schlechte Ausgangslage dramatisch verschärft“, unterstrich BPtK-Vorstandsmitglied Cornelia Metge.
Kinder und Jugendliche müssten monatelang auf einen psychotherapeutischen Behandlungsplatz warten oder fänden gar keine Versorgung. „Und dies, obwohl die bestehenden Praxen während der Pandemie ihre Versorgungsleistung schon erhöht haben“, verwies Metge.
Blieben psychische Erkrankungen zu lange unbehandelt, gefährde dies die Schulfähigkeit, erhöhe das Risiko für Chronifizierung und beeinträchtige die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen.
„Hier vermeintlich ‚schwerere‘ Fälle gegen ‚leichtere‘ ausspielen zu wollen, verkennt, dass gerade Kinder und Jugendliche frühzeitig behandelt werden müssen, um schwere Langzeitfolgen und gebrochene Biografien zu verhindern“, warnte die niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.
Zudem gebe es auch keine vermeintlich leichten Fälle, die Platz machen könnten. „Die Kinder und Jugendlichen, die wir tagtäglich sehen, sind alle psychisch schwer beeinträchtigt.“
Die vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) angekündigten Sonderbedarfszulassungen und Gruppentherapieangebote hält die Kammer für unzureichend.
„Schon vor der Coronapandemie mussten psychisch kranke Menschen vielerorts monatelang auf einen psychotherapeutischen Behandlungsplatz warten“, sagte BPtK-Präsident Dietrich Munz. Es brauche deshalb insbesondere in ländlichen und strukturschwachen Regionen eine echte Stärkung der Versorgung und keine rein kosmetischen Maßnahmen.
„Das BMG muss den Koalitionsvertrag endlich umsetzen und eine echte Reform der Bedarfsplanung im Interesse der Patienten angehen“, forderte er und verwies auf die im Koalitionsvertrag vereinbarte Reform der psychotherapeutischen Bedarfsplanung.
„Das BMG ignoriert die Ziele des Koalitionsvertrages und blendet zudem die Faktenlage aus“, so Munz. Schließlich hätten mehrere Studien und Untersuchungen, die im Abschlussbericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe „Gesundheitliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Corona“ zusammengefasst sind, den dringenden Handlungsbedarf in der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher belegt.
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