Unfallchirurgen verstärken Zusammenarbeit mit der Ukraine

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) will enger mit ihrem ukrainischen Pendant zusammenarbeiten. Dazu unterzeichnete sie auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) ein Memorandum mit der Ukrainischen Vereinigung für Unfallchirurgie und Rehabilitation (ASIR), das eine umfassende Kooperation und Partnerschaft vorsieht.
„Das Memorandum steht für Menschlichkeit und Solidarität über Grenzen hinweg“, sagte DGOU-Präsident Christoph H. Lohmann. Es sieht unter anderem gemeinsame Bildungsprogramme, internationale Fachveranstaltungen, Forschungskooperationen, der Austausch junger Fachkräfte sowie die direkte Einbindung deutscher Spezialisten in die Behandlung in der Ukraine vor.
Ziel sei, aus der Zusammenarbeit langfristige Beziehungen wachsen zu lassen. Diese sollen beiden Seiten zum Vorteil dienen. „Wir bringen unsere unfallchirurgische Erfahrung dort ein, wo sie dringend gebraucht wird“, betonte Ulrich Stöckle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU).
Deutschland verfüge im Bereich der Traumaversorgung über bewährte Netzwerke und Abläufe. Gemeinsam könne man helfen, in der Ukraine Strukturen zu stärken und die Versorgung Verwundeter langfristig zu sichern.
Auf der anderen Seite könne Deutschland von den Erfahrungen der Ukraine lernen, wie man sich auf mögliche Bedrohungslagen vorbereitet. So wollen die beiden Verbände von der Erstversorgung über komplexe Frakturen bis hin zur Rehabilitation ihre Expertise austauschen, um im Ernstfall bestmögliche Ergebnisse zu erreichen. „Gerade in der Unfallchirurgie zählt jede Minute, jeder Handgriff muss sitzen“, betonte DGOU- und DGU-Generalsekretär Dietmar Pennig.
Seit Russland seinen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine im Februar 2022 auf das ganze Land ausgeweitet hat, wurden bereits mehr als 1.600 Schwerstverletzte über das Traumanetzwerk in deutsche Krankenhäuser verteilt und versorgt, erklärte zuvor Wolfgang Lehmann, Leiter des Ausschusses Traumanetzwerk bei der DGU. Damit sei Deutschland der EU-Staat, der mit Abstand die meisten ukrainischen Verletzten aufgenommen hat.
Allerdings sei mit Blick auf eine weitergehende Bedrohung der europäischen NATO-Staaten durch Russland weiterhin viel zu tun. „Wir sind für den Krisenfall in den Traumanetzwerken noch nicht ideal vorbereitet“, sagte er. Der Ukrainekrieg habe innerhalb des Netzwerks zu einem Aufwachen geführt; er habe das Gefühl, dass auch unter den Kolleginnen und Kollegen Bewusstsein und Bereitschaft für die aktuelle Situation steigen.
So habe das Traumanetzwerk der DGU in diesem Jahr bereits zwei Übungen zur zeitkritischen Disposition Schwerstverletzter durchgeführt – also ein Szenario, das der Anlieferung verwundeter Soldatinnen und Soldaten im Bündnis- oder gar Verteidigungsfall entspricht.
Ziel war, die schnelle, koordinierte und flächendeckende Versorgung bei hoher Fallzahl zu üben. Politik und Bundeswehr gehen im Bündnis- oder Verteidigungsfall von rund 1.000 Verletzten pro Tag aus.
Davon waren die Übungen des Traumanetzwerks noch weit entfernt. Erprobt wurde vorerst die Verteilung einer kleineren Zahl Verwundeter, 35 im März und 50 im Juni. Der Fokus der Übungen habe auf interner Kommunikation und Koordination gelegen.
Dabei sei deutlich geworden, wie wichtig verbindliche Prozesse, klare Zuständigkeiten, interoperable Systeme und die Verfügbarkeit von Echtzeitdaten zu freien Kapazitäten in Traumazentren und -netzwerk ist. In der Zukunft müsse beim Verteilungsmechanismus von einem Pull- zu einem Push-Mechanismus übergegangen werden.
Als Fazit aus den Übungen lasse sich bereits ziehen, dass die netzwerkinterne Disposition zwar prinzipiell funktioniere, Kommunikations- und Alarmierungsstrukturen aber weiter gestärkt und standardisiert werden müssen.
Alarmierungszeiten müssten noch verkürzt, zivil-militärische Schnittstellen ausgebaut werden sowie die Sicherung und Erfassung wichtiger Ressourcen wie Betten, Personal und Material angegangen werden.
Zu alldem müsse ein bundesdeutscher Notfallplan für die Traumaversorgung erarbeitet werden, es brauche in diesem Bereich mehr Zentralisierung und weniger Föderalismus, unterstrich auch Gerrit Matthes, der im kommenden Jahr den Ausschussvorsitz von Lehmann übernehmen wird.
Insbesondere im Falle der Bündnisverteidigung wäre das bisherige System noch zu schwerfällig. Dann würde vielmehr eine unmittelbare Freigabe von Betten notwendig werden.
„Die gute Nachricht ist: Das Netzwerk funktioniert. Es ist kein Papiertiger“, betonte Matthes. „Wir haben noch ein deutliches Stück Arbeit vor uns, aber ich bin guten Mutes.“ Man müsse nun größere, realistische Szenarien vorbereiten, bei denen auch ein Fokus auf die interne Weiterverlegung innerhalb verschiedener Kliniken gelegt wird.
Sicher sei jedenfalls, dass keine Überkapazitäten vorhanden sein würden. „Die zertifizierten Traumazentren werden im Ernstfall alle gebraucht“, sagte Lehmann. 8.000 bis 10.000 Betten könnten bei Bedarf freigemacht werden.
Allerdings könnte sich das im Rahmen der laufenden Krankenhausreform noch ändern. „Wenn wir krisensicher sein wollen, dürfen nicht noch mehr unfallchirurgische Bettenkapazitäten abgebaut werden“, betonte er.
Das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) sehe eine 28-prozentige Reduktion stationärer Versorgungskapazitäten vor. Das führe dazu, dass nach Umsetzung des KHVVG im Falle einer Landes- oder Bündnisverteidigung zur Deckung der militärischen stationären und intensivmedizinischen Versorgungsbedarfe 49.500 Normal- und 2.741 Intensivbetten fehlen würden.
Neben den physischen und organisatorischen Kapazitäten müsse vor allem bei der Qualifikation der Ärztinnen und Ärzte nachgesteuert werden, mahnte Oberfeldarzt Sophia Wilk-Vollmann vom Bundeswehrkrankenhaus Berlin. „Unsere heutige Ausbildung ist nicht kompatibel mit den Anforderungen moderner Einsatzmedizin“, sagte sie. „Wir brauchen handlungsfähige Generalisten.“
So müssten beispielsweise Weiterbildungen und Leitlinien ressourcenlimitierte Medizin stärker berücksichtigen, um Ärztinnen und Ärzte besser zur Arbeit unter widrigen Umständen zu ertüchtigen. „Wir müssen wegkommen von der 100-Prozent-Medizin und lernen, besser mit begrenzten Mitteln zu arbeiten“, forderte sie.
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