Strukturreformen müssen auch Architektur der Patientensicherheit stärken

Berlin – Bei den anliegenden Strukturreformen im Gesundheitswesen müssen mehr Instrumente zur Steigerung der Patientensicherheit mit implementiert werden. Das fordert das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS). Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnt vor einer Sicherheitsgefahr durch die Aufweichung von Kompetenzgrenzen.
Zwar begrüße das Aktionsbündnis die Konzentration komplexer medizinischer Leistungen durch die Krankenhausreform ausdrücklich, doch werde es dabei auch noch stärker als bisher zu einer Gliederung in Versorgungsstufen kommen, erklärte die APS-Vorsitzende Heidemarie Haeske-Seeberg heute anlässlich des Tags der Patientensicherheit in Berlin.
Die Einigung über Leistungsumfang und Finanzierung der sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen (süV) lege nahe, dass es vermehrt zu einer gemeinsamen Leistungserbringung verschiedener Einrichtungen entlang der Behandlungskette kommen werde.
„Das zieht nach sich, dass noch mehr Schnittstellen entstehen“, sagte sie. Bisher gebe es jedoch keine Vorgaben, wie die Abstimmung bei einer gemeinsamen Behandlung über mehrere Versorgungsebenen hinweg zu geschehen habe, beispielsweise bei Fragen der Rückverlegung in größere Krankenhäuser oder der Behandlung von Komplikationen.
Würden bei einer Therapie regelmäßig Kernleistungen in einem Haus der Schwerpunkt- oder Maximalversorgung erbracht und diese dann in einer süV fortgeführt, dürfe es in den dafür vorgesehenen Verträgen nicht nur um Finanzflüsse gehen, so Haeske-Seeberg.
Stattdessen müsse gerade bei komplexen Interventionen auch die Abstimmung der beteiligten Ärzte, Pflegenden und Therapeuten berücksichtigt werden. Die Einrichtungen der Gesundheitsversorgung müssten die anstehenden Reformen mit der Weiterentwicklung ihrer Patientensicherheitsarchitektur begleiten, forderte sie.
So müssten verschriftliche, gemeinsam abgestimmte und einrichtungsübergreifende Versorgungspfade die Erst- und Weiterbehandlung definieren. Die zusammenarbeitenden Einrichtungen müssten dabei nicht nur ihre Prozesse klären und abstimmen, sondern auch insbesondere auch gemeinsam ihre Ergebnisse betrachten.
Dafür schlug sie gemeinsame Indikationskonferenzen vor, bei denen die ambulanten Leistungserbringer mit einbezogen werden, interne und gegenseitige Audits, Peer Reviews sowie Fallanalysen mit anschließender Bewertung des Verbesserungspotenzials.
„Es geht nicht darum, den Leistungserbringern vorzuschreiben, wie sie was zu erledigen haben“, betonte Haese-Seeberg. Stattdessen gehe es darum, eine Steuerung über die Ergebnisqualität zu erreichen und Behandlungspfade dabei als Netzwerke zu begreifen. „Es gibt derzeit noch überhaupt keine Lösungen, wie wir zu einer Qualitätseinschätzung über einzelne Einrichtungen hinaus gelangen.“ Hier könnten neue Ansätze wie Area Indicators, also regionale Kennzahlen ausprobiert werden, ein gangbarer Weg sein.
APS-Generalsekretärin Franziska Diehl wiederum forderte mehr Aufmerksamkeit für chronisch erkrankte Menschen. Sie betonte, dass chronische Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma, Allergien oder psychische Erkrankungen nicht nur gesundheitsökonomische Kostentreiber seien, sondern für die Betroffenen mit erheblichen Einschränkungen ihrer Lebensqualität einhergingen.
Chronische Erkrankungen entwickelten sich oft schleichend. „Wir haben deshalb wahnsinnige Probleme zu verdeutlichen, welchen Stellenwert die Prävention hat – insbesondere die Primär- und Tertiärprävention“, betonte Diehl.
Patienten seien aktive „Co-Produzenten“ ihrer Gesundheit. Ihre Erkrankungsexpertise sowie die Erfahrungen aus der Versorgungspraxis würden in der Behandlung bislang nicht ausreichend gewürdigt. Die Stärkung dieser Gesundheitskompetenz sowie die besondere Unterstützung vulnerabler Gruppen stellten eine wertvolle Ressource in der sicheren Versorgung chronischer Erkrankungen dar.
In diesem Kontext seien auch weitere Vertragsabschlüsse zu Disease-Management-Programmen essentiell, um Behandlungsebenen im stationären sowie ambulanten Bereich sektorübergreifend miteinander zu verzahnen.
Die stellvertretende Präsidentin der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Henriette Neumeyer, hob die Bedeutung einer reibungslosen Informationsvermittlung bei der Versorgung chronisch erkrankter Menschen im Krankenhaus hervor.
Relevante Behandlungsdaten aus dem ambulanten Setting müssten nahtlos in das jeweilige Krankenhausinformationssystem (KIS) übernommen werden können, sobald Patienten ins Krankenhaus kommen. Hier müsse ein sicherer Informationstransfer gewährleistet werden.
Auch der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, pocht anlässlich des Welttags der Patientensicherheit auf die Stärkung der individuellen Gesundheitskompetenz bei der Vermeidung und im Management chronischer Erkrankungen.
Ein gesunder Lebensstil sei eine kulturelle Frage und eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagte Reinhardt im Podcast „Sprechende Medizin“. Die Grundlagen für einen gesundheitsförderlichen Lebensstil könnten nicht durch ärztlichen „Reparaturbetrieb“ vermittelt werden. Gesundheitsschädliche Verhaltensweisen würden bereits im Kleinkindalter erlernt und in Elternhaus, Schule und Gesellschaft weiter gefestigt. Die Inzidenz chronischer Erkrankungen sei in Deutschland inakzeptabel hoch.
Reinhardt bezieht sich dabei auf Ergebnisse des europäischen Public Health Index, wo Deutschland auf Platz 18 von 19 rangiert. Für den Index wurden Kategorien wie die Fahrradfreundlichkeit im Verkehr sowie der Zugang zu gesundheitsschädlichen Substanzen wie Tabak und Zucker in 19 europäischen Ländern verglichen.
Der Vorstand der KBV, Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner, verwies heute wiederum auf eine mögliche Gefährdung der Patientensicherheit durch eine politisch gewollte Aufweichung der Kompetenzgrenzen im Gesundheitswesen.
Es diene insbesondere der Patientensicherheit, dass die Praxen die erste Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger seien. Diagnostik habe daher nichts in Apotheken und Drogerien zu suchen. Die dortigen Angebote seien nicht vom Profi und würden eher zu Verunsicherung führen – mit der Folge eines zusätzlichen Beratungs- und Abklärungsbedarfs in den Praxen.
Das gelte insbesondere auch für das Impfen: Auch hier seien die niedergelassenen Ärzte die erste Anlaufstelle. Impfen gehöre in die Praxis, schon allein unter dem Aspekt der Patientensicherheit.
Das werde die KBV mit einer Informationskampagne deutlich machen. Ab Oktober wolle sie unter dem Motto „Impfen beim Profi“ dazu aufrufen, sich in einer Arztpraxis gegen Influenza sowie andere Infektionskrankheiten impfen und den Impfstatus überprüfen zu lassen. Ärzte würden die Vorgeschichte ihrer Patienten kennen, mögliche Risiken erkennen und individuell beraten. Diese Kompetenz sorge für Sicherheit.
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