Sexuelle Belästigung im Medizinstudium weit verbreitet

Würzburg – Rund drei von vier Medizinstudentinnen im Praktischen Jahr gaben in einer Befragung an, im Studium mindestens einmal sexuell belästigt worden zu sein. Das geht aus einer Analyse der Universität Würzburg und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland hervor, wie die Uni mitteilte. Bei den Männern sind es demnach knapp 30 Prozent.
Unabhängig vom Geschlecht gaben 49 Prozent der Befragten an, sexuelle Belästigung bei anderen beobachtet zu haben. 42 Prozent hätten mindestens einmal selbst eine solche Belästigung erlebt, die Hälfte der Betroffenen wiederum mehr als dreimal pro Jahr. Deren Zahl steige im Verlauf der Ausbildung an.
Den Angaben zufolge geht die Belästigung in Kliniken vor allem von Patienten aus, gefolgt vom Lehrpersonal, und an der Universität von Mitstudierenden und Professoren. Die meisten Fälle würden nicht gemeldet, etwa aus Angst vor negativen Konsequenzen.
In den chirurgischen Fächern gab es der Umfrage zufolge die meisten Belästigungen. Rund die Hälfte der Betroffenen hat demnach von psychischen Belastungen berichtet; mehr als zwei Drittel mieden aufgrund ihrer Erfahrungen bestimmte Personen oder Situationen.
Die Belästigung betreffe alle Standorte in Deutschland, sagte Sabine Drossard vom Uniklinikum Würzburg. „Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist definitiv mehr als eine individuelle Erfahrung: Sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken.“
Viele Befragte wüssten auch nicht, wo sie Belästigung melden könnten, oder gaben an, dass nicht konsequent darauf reagiert wurde. Drossard empfahl, Strukturen zu reformieren. Es brauche Programme zur Prävention, klar definierte Meldewege und verlässliche Schutzstrukturen.
5.681 Personen an 44 medizinischen Fakultäten in Deutschland nahmen an der freiwilligen Online-Umfrage teil. Die Methodik hat allerdings das Risiko, die Ergebnisse zu verzerren, worauf auch das Forschungsteam selbst hinweist. So sei es auf der einen Seite möglich, dass Personen mit entsprechenden Erfahrungen eher an einer solchen Umfrage teilnehmen und die Prävalenz dadurch überschätzt würde. Zum anderen gebe es aber eine Untererfassung sexueller Belästigung, wodurch die Richtung der Verzerrung unklar sei.
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