Silvester: Ärzte warnen vor Gefahren von privater Pyrotechnik

Berlin – Angesichts eines neuen Höchststands schwerer Verletzungen vergangenes Silvester warnen die Ärzte auch in diesem Jahr mit Nachdruck vor den Gefahren privater Pyrotechnik. Sie rufen die Bevölkerung zu verantwortungsvollem Verhalten auf.
Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) wies darauf hin, dass die notdienstleistenden Augenkliniken zum Jahreswechsel 2024/2025 905 Personen jeden Alters mit feuerwerksbedingten Verletzungen dokumentiert hatten. Das waren so viele wie noch nie seit Beginn der Datenerfassung.
Erneut befanden sich vor allem unbeteiligte Personen und ein hoher Anteil von Kindern und Jugendlichen unter den Betroffenen. Ein Patient verstarb in Folge einer Kopfverletzung. Vor dem Hintergrund der alarmierenden Entwicklung votierte eine Mehrheit der DOG-Mitglieder für ein Verbot privaten Feuerwerks.
Ein Verbot für den Privatgebrauch befürworten viele Ärzteverbände, die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und der Berliner Landesverband der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Gemeinsam mit anderen Organisationen übergaben sie bereits im Januar eine Petition an das Bundesinnenministerium (BMI), die nach Angaben des Bündnisses von mehr als 1,9 Millionen Menschen unterzeichnet worden war. Im Dezember zur Innenministerkonferenz mahnten sie erneut ein Verbot an. Die Bundesärztekammer sprach sich ebenfalls erneut für ein Verbot aus.
Das Innenministerium lehnt die Forderungen dagegen ab. „Ein bundesweites Überlassungs- und Abbrennverbot für privates Silvesterfeuerwerk wäre aus Sicht des BMI nicht verhältnismäßig“, teilte eine Sprecherin mit. Das Ministerium verwies auf bestehendes Recht, das Ländern und Kommunen bereits heute bestimmte Einschränkungen und Verbote ermögliche.
Die DOG rät an Silvester zu Verhaltensmaßnahmen, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. So sollte man Orte besser meiden, an denen viel gezündet wird. „Wer in Kontakt mit Feuerwerk kommt, ist gut beraten, im Freien oder auf dem Balkon eine einfache Schutzbrille aus dem Baumarkt zu tragen, das verhindert schwere Verletzungen“, empfiehlt Ameli Gabel-Pfisterer, Mitglied der DOG-Arbeitsgruppe Feuerwerksverletzung. Alkohol am Zündplatz ist tabu.
„Wer getrunken hat, sollte kein Feuerwerk in die Hand nehmen“, betonte Hansjürgen Agostini, ebenfalls Mitglied der DOG-Arbeitsgruppe Feuerwerksverletzung. Eltern müssten ihre Kinder zudem eindringlich davor warnen, nicht explodierte Knallkörper vom Boden aufzusammeln. „Das ist kein Spielzeug“, betont der DOG-Experte. „Das Hantieren mit Auflesefunden zählt zu den häufigsten Ursachen schwerer Verletzungen.“
Auch dieses Jahr erfasst die DOG zwischen dem 27. Dezember 2025 und dem 3. Januar 2026 mit ihrer Umfrage wieder Daten zu feuerwerksbedingten Augenverletzungen. „Wir hoffen auf breite Beteiligung, um die politische Diskussion weiterhin mit Fakten begleiten zu können“, sagte DOG-Generalsekretär Claus Cursiefen. „Jede dokumentierte Verletzung zeigt, dass wir es mit vermeidbaren Schicksalen zu tun haben“, ergänzte Agostini.
„Viele unterschätzen die Wucht bei der Explosion eines – in vielen Fällen auch illegalen – Sprengkörpers und tragen oft irreparable Schäden durch Hand- und Brandverletzungen davon, die sie für den Rest ihres Lebens zeichnen“, hieß es vom Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Das Krankenhaus informierte zuletzt zahlreiche Schüler vor Ort über die Risiken.
In sieben verschiedenen Workshop-Stationen ging es dabei um die Wirkung von Sprengstoff, Erste-Hilfe-Maßnahmen, die Behandlung von Verletzten in der Rettungsstelle, typische Handverletzungen und die chirurgische Versorgung. Es gab Experimente, die die „zum Teil verheerenden Auswirkungen der Sprengkräfte“ zeigte. An dem Projekt beteiligt waren die Berliner Polizei, die Feuerwehr und der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk, der gegen illegales Feuerwerk kämpft.
Der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte (BVHNO) hat gemeinsam mit sechs weiteren medizinischen Verbänden eine Silvesterpräventionskampagne – mit dem Titel „Du entscheidest“ – gestartet. Ziel ist es, insbesondere junge Menschen für die Risiken von Feuerwerk zu sensibilisieren und vermeidbare Verletzungen zu verhindern. Die Initiative läuft schwerpunktmäßig über Social-Media-Plattformen wie Instagram und TikTok.
An der Kampagne beteiligen sich neben dem BVHNO der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), der Berufsverband der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands (BVA), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ), die Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie (DGH), die Deutsche Gesellschaft für Verbrennungsmedizin (DGV) sowie die Deutsche Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC).
„Gerade aus HNO-ärztlicher Sicht sehen wir rund um Silvester immer wieder Patientinnen und Patienten mit Knalltrauma, anhaltendem Tinnitus oder bleibenden Hörschäden“, erklärte Jan Löhler, Präsident des Deutschen Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte.
„Besonders tragisch ist, dass viele dieser Verletzungen durch umsichtiges Verhalten vermeidbar wären.“ Statistiken zeigen dem Verband zufolge, dass vor allem junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren betroffen sind, aber auch Kinder und unbeteiligte Beobachtende geraten immer wieder in Gefahr.
Zum Jahreswechsel deutlich mehr Verletzte in Kliniken
„Da wirksame politische Maßnahmen zur Eindämmung des Problems zumindest auf der Bundesebene nicht in Sicht sind, können wir nur auf die erheblichen Verletzungsgefahren durch Pyrotechnik hinweisen und an den verantwortungsvollen Umgang mit Feuerwerk appellieren“, sagte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann.
Vorsichtsmaßnahmen können aus Sicht des Kassenverbands die Verletzungsrisiken durch Böller vermindern – „so gehören Böller und Pyrotechnik keinesfalls in die Hände von Kindern“, so Reimann. Auch Jugendliche sollten über die Gefahren aufgeklärt werden und nicht unbeaufsichtigt mit Feuerwerk hantieren.
Die Zahl der Krankenhausaufnahmen aufgrund von typischen Feuerwerksverletzungen lag einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) in den vergangenen zehn Jahren mit durchschnittlich rund 530 Fällen etwa 2,6-mal höher als an normalen Wochentagen und etwa 4,4-mal höher als an durchschnittlichen Wochenenden.
In die Auswertung einbezogen wurden Verletzungen der Hand, des Auges, am Kopf und an den Ohren sowie Verbrennungen des Kopfes und des Halses. Dem WIdO zufolge ist davon auszugehen, dass insgesamt sehr viel mehr Fälle wegen Verletzungen durch Pyrotechnik medizinisch behandelt werden mussten – vor allem ambulant in den Notaufnahmen.
Die Auswertung zeigt auch, dass Feuerwerksverbote wirken: So lagen zum Jahreswechsel 2020/2021 die Neujahrsaufnahmen wegen des pandemiebedingten Böllerverbotes mit rund 140 Fällen deutlich unter dem üblichen Niveau. In den Jahren danach stiegen die Zahlen wieder an und erreichten ein ähnliches Niveau wie in den Vorjahren.
Viele Menschen wollen auf Feuerwerk verzichten
Eine breite Mehrheit der Deutschen will unterdessen Silvester drinnen – und ganz ohne Feuerwerk – feiern. Das ergab eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. 63 Prozent der Befragten wollen demnach an Silvester gar kein Feuerwerk zünden, weitere 13 Prozent halten für wahrscheinlich, dass sie verzichten. Nur ein geringer Teil gab an, bestimmt (fünf Prozent) oder wahrscheinlich (acht Prozent) böllern zu wollen.
Die Zeit um den Jahresbeginn, wenn die meisten Feuerwerkskörper gezündet werden, verbringen die Deutschen meist lieber im eigenen Zuhause (51 Prozent) oder dem von Verwandten oder Freunden (16 Prozent).
Nur ein Fünftel der Befragten (21 Prozent) gab an, am häufigsten zu der Zeit draußen zu sein. Für die repräsentative Umfrage hat YouGov zwischen dem 29. und 31. Oktober insgesamt 2.050 volljährige Menschen in Deutschland befragt.
Ähnlich beliebt ist auch ein Böllerverbot – zumindest für privat Feiernde. 24 Prozent der Befragten befürworten ein generelles Verbot für Silvesterfeuerwerk, weitere 34 Prozent würden noch organisiertes Feuerwerk zulassen. Ganz gegen Einschränkungen ist nur jeder elfte Deutsche (neun Prozent). Etwas weniger als ein Drittel der Befragten (29 Prozent) sprach sich für Verbotszonen etwa in Altstädten aus.
Mehr als die Hälfte (52 Prozent) zählte zu ihren wichtigsten Argumenten, dass Tiere durch Feuerwerk erschreckt werden könnten, gefolgt von Müll auf den Straßen (40 Prozent) und der Verletzungsgefahr (32 Prozent). Die Belastung von Notfallmedizinern sahen 29 Prozent der Befragten als wichtiges Argument, die Belastung von Feuerwehr und Polizei 27 Prozent, die Feinstaubbelastung 28 Prozent.
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