Suchthilfeangebote passen oft nicht zu komplexer Lebensrealität

Berlin – Angesichts leerer öffentlicher Kassen müssen sich Suchthilfeorganisation besser koordinieren und wirksamer als bisher für ihre Anliegen werben. Darüber herrschte Einigkeit bei der 9. Nationalen Substitutionskonferenz in Berlin. Anhand der Berliner Crack-Studie wurde der akute Handlungsbedarf aufgezeigt.
Die Studie der Berliner Charité hatte im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege erstmals systematisch die Situation des Crack-Konsums in der Hauptstadt untersucht. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie Suchthilfe, psychiatrische Versorgung und aufsuchende Angebote zusammenwirken und wo in der Versorgung zentrale Barrieren und Defizite liegen.
Dabei habe sich insbesondere eine enge Kopplung von Obdachlosigkeit und fehlendem Krankenversicherungsschutz gezeigt, erklärte Studienautor Daniel Deimel. „Einer der Treiber dieser Krise ist die Obdachlosigkeit. Wenn wir da nicht rangehen, drehen wir uns im Kreis“, betonte er.
Bei einer standardisierten Szenebefragung hätten sich 39 Prozent der Befragten als obdachlos und 24 Prozent als nicht krankenversichert herausgestellt. 30 Prozent der Crack-Konsumierenden befanden sich aktuell in einer Opioid-Substitutionsbehandlung.
Im Rahmen eines standardisierten psychiatrischen Screenings wiederum wiesen zwei Drittel der Befragten mindestens eine der erfassten akuten psychiatrischen Auffälligkeiten auf: 41 Prozent erfüllten Kriterien einer depressiven Symptomatik, 37 Prozent von Suizidgedanken und 34 Prozent von traumabezogener Symptomatik.
„Die latenten Klassenanalysen zeigen eine systematische Verschränkung von Konsummustern, struktureller Marginalisierung und psychiatrischer Belastung“, resümieren die Autorinnen und Autoren der Studie.
Diese Muster würden wiederum auf strukturelle Defizite in der Versorgung und eine unzureichende Abstimmung zwischen Suchthilfe, medizinischer Versorgung, Wohnungslosenhilfe und ordnungsrechtlichen Akteuren treffen. Insbesondere fehle es an integrierten, sektorübergreifenden Versorgungsstrukturen. Dadurch würden Versorgungslücken und Diskontinuitäten entstehen.
„Die Denklogiken von Suchthilfe, Wohnungslosenhilfe und Sozialhilfe sind unterschiedlich. Und die betroffenen Menschen stehen genau dazwischen“, unterstrich Deimel. Die Ergebnisse würden sich mit Erhebungen aus anderen deutschen Städten decken, insbesondere Frankfurt, Köln, Düsseldorf, Münster und Essen. „Insgesamt fehlt uns aber noch ein bundesweites Lagebild dieser Szene“, betonte er.
Angebote gehen an Lebensrealitäten vorbei
Es zeige sich, dass die bestehenden Hilfesysteme häufig nicht mit den realen Lebensbedingungen kompatibel seien. So würden insbesondere kurzfristige Konsumzyklen, fehlende Rückzugsräume und institutionelle Zugangshürden dazu führen, dass Angebote nicht genutzt werden oder frühzeitig abgebrochen werden.
Die Autorinnen und Autoren geben dem Berliner Senat deshalb eine ganze Reihe teils weitreichender Empfehlungen. So sollten unter anderem konsumakzeptierende Tagesruheplätze und Nachtschlafangebote ausgeweitet werden und eine mobile medizinische Basisversorgung flächendeckend auch für nicht krankenversicherte Personen zugänglich sein. Die Öffnungszeiten der Drogenkonsumräume sollten ausgeweitet und bedarfsgerecht erhöht werden.
Zudem müssten integrierte Versorgungszentren im Sinne von One-Stop-Shops entwickelt werden, die Suchthilfe, psychiatrische Versorgung, Wohnungslosenhilfe und Leistungen der sozialen Grundsicherung an einem Ort bündeln, um einen Drehtüreffekt zu reduzieren. Ausgebaut werden sollte zudem die aufsuchende sozialpsychiatrische Versorgung, da die Zielgruppe durch eine geringe Haltekraft sowie erhebliche somatische und psychische Belastungen gekennzeichnet sei.
Um Zugangsbarrieren zu Hilfesystemen zu senken und gesundheitliche Risiken zu reduzieren, empfiehlt die Charité-Studie außerdem Liberalisierungen bei harten Drogen: Der Konsum illegalisierter Substanzen solle entkriminalisiert und eine regulierte Tolerierung von Mikrohandel im Umfeld von Suchthilfeeinrichtungen geprüft und umgesetzt werden.
Denn repressive Maßnahmen würden nachweislich primär zu räumlicher Verdrängung führen und sowohl die Inanspruchnahme von Hilfen als auch die Entlastung öffentlicher Räume beeinträchtigen.
Projekte „versinken auf lokaler Ebene“
Die Umsetzung integrierter Angebote für Suchtkranke, wie sie in der Berliner Crack-Studie gefordert würden, scheitere noch zu oft an bürokratischen Widerständen, erklärten Vertreterinnen und Vertreter von Politik, Verwaltung und Suchthilfe bei der Konferenz einhellig.
Projekte würden oft „auf lokaler Ebene versinken“, kritisierte Maurice Cabanis, ärztlicher Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten in Stuttgart. Er sieht den Ball aber vor allem im Feld der Suchthilfeorganisationen: Diese müssten sich besser koordinieren und pragmatische Lösungen entwickeln, die in der Politik Unterstützung erhalten.
Dafür erhielt er breite Zustimmung, auch von Gabriele Sauermann, Referentin für Suchthilfe beim Paritätischen Gesamtverband. Die Organisationen müssten dazu einen Konsultationsprozess beginnen, um Themen wie ärztliche Vergütung oder Entstigmatisierung aufzugreifen. „Wir brauchen alle an einem Tisch“, forderte sie. Auch die ärztliche Selbstverwaltung müsse sich beteiligen.
Speziell vom Bund initiierte Projekte würden sich auf Länderebene meist verlaufen. „Föderal ist das eine Katastrophe“, kritisierte sie. Es gebe in diesem Bereich „eine hochkomplexe Zuständigkeitssituation“, räumte daraufhin Jörg Pietsch, der Büroleiter des Bundesdrogenbeauftragten, ein. Der Bund habe verhältnismäßig wenige Kompetenzen, weshalb es umso wichtiger sei, auf die Selbstverwaltung einzuwirken. Dort gebe es aber „Machtblöcke“, die sich gegen evidenzbasierte Veränderungen stemmen würden.
Allerdings gebe es durchaus Handlungsfelder, in denen der Bund tätig werden könne und sogar müsse, wandte Claudia Ak, Vorstandsmitglied des JES Bundesverbands („Junkies, Ehemalige, Substituierte“), ein. Die Substitution sei stark überreguliert, es müssten beispielsweise Einschränkungen für den sogenannten „Take-Home-Gebrauch“ aufgehoben werden. „Das muss weg. Dann werden auch nicht mehr Leute sterben als jetzt, sondern eher weniger“, sagte sie.
Handlungsbedarf in der Kommunikation sieht zudem die Suchtbeauftragte des Landes Berlin, Heide Mutter – nicht nur in der Öffentlichkeit. „Es ist in weiten Teilen der Verwaltung noch nicht angekommen, dass Suchterkrankungen Erkrankungen sind“, sagte sie. Es müsse dort deutlich mehr Problembewusstsein geschaffen werden, um Widerstände gegen Hilfsprojekte zu verringern.
An welchen Stellen – von Politik über Selbstverwaltung bis zu den Suchthilfeorganisationen selbst – was genau getan werden muss, soll in einem Aktionsplan ausbuchstabiert werden. Dazu würden sich am Tag nach der Konferenz rund 20 Expertinnen und Experten der beteiligten Suchthilfeorganisationen zusammensetzen, erklärte der Vorsitzende des Suchthilfeverbands Akzept, Heino Stöver.
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