Suizidprävention mit Nachholbedarf: Bundestagsabgeordnete legen Forderungen vor

Berlin - Anlässlich des Welt-Suizidpräventionstags am kommenden Samstag fordern Vertreter aus Politik und gemeinnützigen Vereinen einen stärkeren Kampf gegen Selbsttötungen. Zwar liegen Vorschläge des nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro) vor. Sie würden aber nicht ausreichend umgesetzt, heißt es in einer Erklärung von Mitgliedern des Deutschen Bundestages von SPD, Grünen und der Linken. Ein Antrag liegt dem Bundestag bereits seit letztem Jahr vor, eine überparteiliche Einigung wurde bisher noch nicht erzielt.
Seit der Torwart Robert Enke sich im Jahr 2009 das Leben nahm, steigen die Suizidfälle wieder an. Experten sprechen vom Werther-Effekt. Damals animierte die Veröffentlichung von Goethes Roman Nachahmer, sich das Leben zu nehmen, heute ist es die Medienberichterstattung. Jedes Jahr sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Drogen und Aids zusammen. Es ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren (WHO 2014).
Dennoch gäbe es keine Aufklärungsarbeit durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), bemängelte die Leiterin von „Freunde fürs Leben“ Catharina Woitke auf einer Pressekonferenz in Berlin. Zwei von drei Suiziden werden dabei in Deutschland von Männern verübt, insbesondere ältere Männer haben ein erhöhtes Risiko. Als Ursache hierfür nannte der Psychotherapeut Armin Schmidtke, Initiator der NaSPro, nicht nur körperliche Erkrankungen. Alte Menschen hätten Angst vor einer entwürdigenden Behandlung und davor, der Familie zur Last zu fallen.
Zwar schafft das Gesetz zur Hospiz- und Palliativversorgung für die Gruppe der sterbenskranken Menschen mehr Hilfen. Doch diese alleine reichen nicht aus, berichtete Maria Klein-Schmeinck, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen. „Wir brauchen mehr Personal und dieses mehr Zeit, um die letzte Lebensphase im Pflegeheim, im Krankenhaus und im ambulanten Bereich besser begleiten zu können.“
Nachholbedarf bestünde auch in der Aus- Fort- und Weiterbildung von Ärzten, sagte Dirk Heidenblut, Bundestagsabgeordneter der SPD. Die drei Parteien streben eine überparteiliche Einigung für Ihre Forderungen. Diese lauten in Kurzform wie folgt:
breit angelegte Aufklärungskampagne zu Beratungsangeboten und Therapiemöglichkeiten
niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote
eine gut ausgestattete ambulante Versorgung, regionale, multiprofessionelle Behandlungsangebote, sehr kurzfristiger Zugang zu psychotherapeutischen und gegebenenfalls auch psychiatrischen Behandlungsangeboten
Beratungs- und Behandlungsangebote für spezielle Zielgruppen: ältere Menschen, Schüler, Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund (sprachliche und kulturelle Aspekte stärker berücksichtigen), traumatisierte Flüchtlinge
Erkennung und Behandlung von Suizidalität in der Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Gesundheits- und Sozialberufe
Methodenrestriktion: Zugang zu schussfähigen Waffen und bestimmten Arzneimitteln einschränken, suizidpräventive bauliche Regelungen (insbesondere bei psychotherapeutischen und psychiatrischen Einrichtungen), eingeschränkter Zugang zu Hotspots, wie ungesicherte Brücken, Hochhäuser oder Bahntrassen.
Programm zur Forschung, systematischen Bewertung und (Weiter-)Entwicklung von Suizidpräventionsmaßnahmen und Behandlungsangeboten. Dafür sollen im Bundeshaushalt Mittel bereitgestellt werden.
Niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote sind laut Heidenblut bereits auf dem Weg. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat eine Änderung der Psychotherapie-Richtlinie bereits im Juni beschlossen. Ab Januar 2017 sollen Sprechstunden in der psychotherapeutischen Praxis eingerichtet werden. „Doch auch die Schaffung der Sprechstunde kann nur ein erster Schritt sein“, so Klein-Schmeink.
Das schlimmste Vorurteil
Einen wesentlichen Teil zur Suizidprävention können auch Hausärzte beitragen. Diese werden laut Schmidtke vor einem Suizid vermehrt aufgesucht (Barraclough et al, 1974; Pirkis & Burgess, 1998; zusf. Hawton et al., 2013). Jeder zweite Suizident konsultiert den Hausarzt drei Monate vor dem Suizid, 40 % einen Monat vorab und immer noch jeder fünfte in der Woche davor. Sein Ratschlag, der auch für Angehörige und Bekannte gilt lautet: Bei Verdacht sollte man die Betroffenen unbedingt darauf ansprechen.
Die meisten tun dies jedoch nicht, aus Angst, damit erst zum Suizid zu ermutigen. „Das ist das schlimmste Vorurteil in der Suizidprävention“, warnt Schmidtke. Ebenso falsch: „Wer einmal zum Suizid neigt, wird es immer wieder tun.“ Die suizidale Handlung sei in vielen Fällen eine impulsive Handlung. Bei etwa der Hälfte vergeht weniger als eine Stunde von der Idee zur Umsetzung. Nach einem Suizidversuch distanzieren sich fast 80 % bereits innerhalb von weniger als zwei Tagen von der Suizidabsicht. Mehr als die Hälfte der Männer und Frauen wiederholt den Versuch nicht. Ein effektives Mittel, um spontane Suizide zu verhindern sei daher auch in der Zugangsbeschränkung der Mittel zu finden, so Schmidtke.
Welche Interventionen nachweislich Suizide verhindern, war kürzlich Thema einer Übersichtsarbeit.
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