Vermischtes

Tag der Organspende: Verschiedene Initiativen für eine bewusste Entscheidung

  • Freitag, 5. Juni 2026
/picture alliance, Jochen Tack
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Berlin – „Zeit, Zeichen zu setzen“: Unter diesem Motto werben Ärzteschaft, Politik, Selbsthilfe- und Patientenverbände sowie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) am 6. Juni bundesweit für eine bewusste Entscheidung zur Organspende.

Beim morgigen Tag der Organspende soll dabei weniger die Frage im Mittelpunkt stehen, wie sich Menschen bezüglich einer Spende ihrer Organe nach dem Tod entscheiden, sondern vielmehr, dass sie ihren Willen überhaupt festhalten.

Zwar stehen nach aktuellen Erhebungen rund 85 Prozent der Bevölkerung in Deutschland der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber. Dennoch scheitern viele mögliche Spenden daran, dass der Wille der Verstorbenen nicht dokumentiert ist.

In mehr als der Hälfte der Fälle müssen Angehörige unter großer emotionaler Belastung entscheiden – häufig ohne zu wissen, was die betroffene Person gewollt hätte. Auch das 2024 eingeführte Organspenderegister hat daran bislang nur wenig geändert. Bis Ende Mai hatten sich dort lediglich etwa 560.000 Menschen eingetragen.

Anlässlich des bundesweiten Aktionstages betont deshalb das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) die Bedeutung einer frühzeitigen persönlichen Entscheidung. Wer sich bereits zu Lebzeiten mit dem Thema befasse, erspare seinen Angehörigen im Ernstfall eine Entscheidung unter enormem emotionalem Druck, argumentiert der kommissarische Leiter des Instituts, Johannes Nießen.

„Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen und den eigenen Willen zu dokumentieren – am besten im Organspenderegister.“ Eine dort hinterlegte Entscheidung schaffe Klarheit und Sicherheit, so Nießen. Anders als ein Organspendeausweis, der im entscheidenden Moment möglicherweise nicht auffindbar sei, sei das Register jederzeit verfügbar.

Das Organspenderegister ist ein zentrales Onlineverzeichnis, in dem Menschen ihre Entscheidung für oder gegen eine Organ- und Gewebespende freiwillig und kostenlos hinterlegen können. Die Erklärung ist rechtlich verbindlich, jederzeit abrufbar und kann nachträglich geändert oder widerrufen werden.

Gemeinsam mit Selbsthilfe- und Patientenverbänden sowie der DSO informiert das BIÖG beim Leipziger Stadtfest im Rahmen der zentralen Veranstaltung zum Tag der Organspende umfassend über das Register und das gesamte Thema Organspende.

Campertour für Organspende

Auch andernorts finden zahlreiche Informationsveranstaltungen statt. In Norddeutschland waren beispielsweise bereits vom 1. Juni an Transplantationsbeauftragte mit der Kampagne „Campen für Organspende“ unterwegs. Die vom Netzwerk der Transplantationsbeauftragten Region Nord organisierte Tour, die morgen ihren Abschluss findet, richtete sich sowohl an die Bevölkerung als auch an Ärztinnen und Ärzte und informierte niedrigschwellig über Organspende.

Ärztliche Teilnehmende der Campertour verwiesen im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt auf einen weiterhin großen Informationsbedarf. Zwar würden etwa 60 Prozent der Erwachsenen angeben, sich bereits mit dem Thema beschäftigt zu haben, doch nur rund 40 Prozent hätten ihre Entscheidung tatsächlich dokumentiert. Gleichzeitig fühle sich lediglich etwa die Hälfte ausreichend informiert.

Dennis Gruschka, Oberarzt und Transplantationsbeauftragter am Klinikum Bremen-Mitte, sieht darin ein zentrales Problem. „Organspende rettet Leben – und dennoch bleibt die Zahl der Spenderinnen und Spender in Deutschland weiterhin ausgesprochen niedrig“, sagte er. Viele Patientinnen und Patienten warteten oft vergeblich auf ein lebensrettendes Organ.

Gleichzeitig erlebe er trotz der grundsätzlich positiven Haltung in der Bevölkerung nach wie vor große Unsicherheiten und zahlreiche offene Fragen. Diese beträfen nicht nur Bürgerinnen und Bürger, sondern auch medizinisches Personal. „Es gibt weiterhin zahlreiche Kliniken, in denen seit Jahren keine Organspende stattgefunden hat“, betont Gruschka.

Ziel der Informationskampagne sei es deshalb, das Thema direkt in den Alltag der Menschen zu bringen, betonte auch seine Kollegin Constance Blome. „Anlässlich des bundesweiten Tages der Organspende bringen wir das Thema Organspende dorthin, wo Menschen ihren Alltag leben, wie Schulen, Sportfeste und Konzerte, um niedrigschwellig und ergebnisoffen über das Thema aufzuklären“, erklärte sie.

Gleichzeitig besuche die Initiative auch Krankenhäuser, um insbesondere junge Ärzte für das Thema zu sensibilisieren und Raum für Fragen und persönliche Auseinandersetzung zu schaffen. Gerade bei jungen Ärztinnen und Ärzten sieht Gruschka besonderen Handlungsbedarf. Für viele bleibt die Organspende demnach ein seltenes, gleichzeitig aber hochkomplexes Thema.

„Unsicherheiten in der Spendererkennung, im rechtlichen Rahmen und der Kommunikation sind nachvollziehbar, gleichzeitig aber entscheidend für den weiteren Verlauf“, sagte er. Zudem beobachte man immer wieder Vorbehalte innerhalb klinischer Hierarchien. Die Tour solle deshalb dazu beitragen, Organspende stärker im Klinikalltag und in der ärztlichen Weiterbildung zu verankern.

Aufklärungsarbeit für die Organspende

Auch zahlreiche Ärztekammern nutzen den Tag der Organspende für Aufklärungsarbeit. Die Ärztekammer Bremen beispielsweise wirbt dafür, die Zahl der Organspenden durch bessere Information zu erhöhen. Gleichzeitig unterstützt sie die Einführung einer Widerspruchslösung.

„Wer Organe spendet, entscheidet sich dafür, Leben zu retten“, sagte Präsidentin Christina Hillebrecht. Noch immer dokumentierten zu wenige Menschen ihre Entscheidung. Die Widerspruchslösung könne dazu beitragen, dass sich deutlich mehr Bürgerinnen und Bürger mit dem Thema auseinandersetzten.

Zusätzliche Aufmerksamkeit sollen auch neue Wege der Dokumentation schaffen. Neben Organspendeausweis, Patientenverfügung und Onlineregister bietet beispielsweise die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (Apobank) seit Anfang des Jahres die sogenannte „Life Donor Card“ an.

Die auf einer Mastercard basierende Kreditkarte dient gleichzeitig als Organspendeausweis und kann den Organspendeausweis aus Papier ersetzen. Sie enthält keine medizinischen Daten, sondern dokumentiert ausschließlich die freiwillige Entscheidung zur Organspende sichtbar auf der Karte.

„Mit der ,Life Donor Card' wollen wir das wichtige Thema Organspende häufiger ins Gespräch bringen und stärker ins Bewusstsein rücken“, erklärte Apobank-Vorstandsvorsitzender Matthias Schellenberg. Man kenne die schwierige Situation vieler Menschen, die auf ein Spenderorgan warteten. Gleichzeitig zeigten Studien, dass die Zustimmung zur Organspende in der Bevölkerung hoch sei, die Entscheidung aber häufig nicht dokumentiert werde.

„Wir möchten dazu beitragen, diese Lücke zu verkleinern, indem wir die Reichweite einer Kreditkarte nutzen und dazu anregen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und bestenfalls die Entscheidung unkompliziert und im Alltag gut sichtbar festzuhalten“, sagte er. Die Karte stehe zugleich für das Selbstverständnis der Bank, die Gesundheitsversorgung in Deutschland aktiv mitzugestalten, so Schellenberg.

Auch aus Sicht der Bundesärztekammer (BÄK) sind solche Initiativen sinnvoll. BÄK-Präsident Klaus Reinhardt verweist auf die große Diskrepanz zwischen grundsätzlicher Zustimmung und dokumentierter Entscheidung. „Organspende rettet Leben. Umso wichtiger ist es, die Lücke zwischen grundsätzlicher und dokumentierter Spendenbereitschaft zu verringern“, betont er. Jede Initiative, die das Thema sichtbarer mache und Menschen zu einer bewussten Entscheidung ermutige, sei ein Gewinn.

Parallel zu den Informationskampagnen und Initiativen gewinnt auch die politische Debatte über die Zukunft der Organspende erneut an Dynamik. Im Bundestag befinden sich derzeit zwei konkurrierende interfraktionelle Initiativen im parlamentarischen Verfahren. Beide verfolgen das Ziel, die Zahl der verfügbaren Spenderorgane zu erhöhen, unterscheiden sich jedoch grundlegend beim Weg dorthin.

Eine Gruppe von Abgeordneten setzt sich für die Einführung einer Widerspruchsregelung ein. Danach würden grundsätzlich alle volljährigen Bürgerinnen und Bürger als Organspender gelten, sofern sie nicht ausdrücklich widersprochen haben. Nach ihrer Auffassung haben Informationskampagnen und das Organspenderegister bislang nicht die gewünschte Wirkung entfaltet.

Unterstützung erhält die Initiative von zahlreichen medizinischen Fachgesellschaften und der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Die DSO spricht von einem wichtigen Baustein zur Förderung der Organspende und einem Hoffnungssignal für die mehr als 8.000 Menschen auf den Wartelisten.

Gleichzeitig wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Widerspruchsregelung allein keine schnelle Lösung darstellt. Internationale Erfahrungen zeigten, dass höhere Spenderzahlen zusätzlich funktionierende Strukturen in den Kliniken und gut ausgebaute Koordinationssysteme erforderten.

Dem gegenüber steht eine zweite parteiübergreifende Gruppe lehnt die Widerspruchsregelung ab und setzt stattdessen auf Freiwilligkeit, bessere Aufklärung und einfachere Dokumentationswege. Die Widerspruchsregelung hält sie für eine „Scheinlösung“, die erhebliche ethische Fragen aufwerfe. Sie warnen vor möglichen Nachteilen für Menschen mit Sprachbarrieren, psychischen Erkrankungen, kognitiven Einschränkungen oder ohne festen Wohnsitz.

Eine Entscheidung des Bundestages wird gegen Ende des Jahres erwartet. Sollte sich die Widerspruchsregelung durchsetzen, wäre eine Übergangsfrist von drei Jahren vorgesehen. In Kraft treten könnte der grundlegende Systemwechsel dann ab dem Jahr 2030. 

ER

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