Teures Sprudelwasser, günstige Säfte: WHO kritisiert geringe Steuern auf Alkohol und zuckerhaltige Getränke

Genf – In europäischen Ländern fallen auf Wein und nicht alkoholische, zuckerhaltige Getränke oftmals keine zusätzlichen Steuern an, heißt es in zwei heute veröffentlichten Berichten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie ruft Regierungen dazu auf, die Besteuerung von solchen Getränken deutlich zu erhöhen, um Krankheiten zu vermeiden.
Schwache Steuersysteme führten dazu, dass schädliche Produkte billig blieben, während die Gesundheitssysteme aufgrund vermeidbarer Krankheiten und Verletzungen zunehmend unter finanziellen Druck gerieten, heißt es im Report.
Insbesondere bei Kindern und jungen Erwachsenen führe der Konsum zu Übergewicht, Diabetes, Herzerkrankungen, Krebs und Verletzungen. Zum Beispiel ließen sich laut einem anderen WHO-Bericht im Jahr 2020 weltweit mehr als 740.000 neue Krebsfälle auf den Konsum von Alkohol zurückführen.
„Günstigerer Alkohol führt zu Gewalt, Verletzungen und Krankheiten“, sagte Etienne Krug, Direktor der Abteilung für Gesundheitsfaktoren, Gesundheitsförderung und Prävention der WHO. Während die Industrie davon profitiere, trage die Öffentlichkeit oft die gesundheitlichen Folgen und die Gesellschaft die wirtschaftlichen Kosten.
Häufig keine Alkoholsteuer auf Wein
Zwar erhebt dem Report zufolge der Großteil der Länder bereits Alkoholsteuern. Zumeist sei diese aber zu niedrig und nicht optimal gestaltet. Die WHO kritisiert etwa, dass die Steuern oftmals nicht an die Inflation angepasst seien, sodass Alkohol verhältnismäßig günstiger werde.
Für Bier fallen im Median 20,9 Prozent des Einzelhandelspreises an und für Spirituosen 28,4 Prozent. Zudem ist Wein vor allem in Europa von der Alkoholsteuer ausgenommen: 42 Prozent der europäischen Länder erheben darauf keine Alkoholsteuer. Auch Deutschland zählt dazu.
Erst kürzlich haben sich Gesundheitspolitiker von SPD und CDU für eine höhere Alkoholsteuer in Deutschland ausgesprochen. Denn hierzulande liegen die Preise für Alkohol unter dem europäischen Durchschnitt und der Konsum ist hoch. Bier, Wein und Spirituosen sind in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 14 Prozent günstiger als in anderen Ländern – nur Italien liegt noch darunter.
Zwar wird auch hierzulande weniger getrunken als noch vor zehn Jahren und der Dry-January-Trend ist zurzeit in aller Munde. Allerdings steht das Trinken oftmals weiterhin im Mittelpunkt gesellschaftlicher Events. 2022 haben Personen ab 15 Jahren durchschnittlich 11,2 Liter reinen Alkohol getrunken. Das entspricht 448 Gläsern Bier mit einer Größe von einem halben Liter.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundesärztekammer fordern seit längerem eine höhere Steuer auf Alkohol und Tabak sowie die Einführung einer Zuckersteuer. Allerdings lehnt das Bundesfinanzministerium eine Zuckersteuer aktuell ab.
„Gesundheitssteuern sind eines der wirksamsten Instrumente, über die wir zur Förderung der Gesundheit und Prävention von Krankheiten verfügen“, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO heute bei einer Pressekonferenz. „Durch die Erhöhung der Steuern auf Produkte wie Tabak, zuckerhaltige Getränke und Alkohol können Regierungen den schädlichen Konsum reduzieren und Mittel für lebenswichtige Gesundheitsdienste freisetzen.“
Auch bei den zuckerhaltigen Getränken sieht die WHO daher Nachbesserungsbedarf. Mindestens 116 Länder erheben dem Report zufolge Steuern auf gezuckerte Getränke, meist auf Softdrinks. Durchschnittlich liegen diese allerdings bei nur zwei Prozent des Getränkepreises.
Zusätzliche Steuern auf Sprudelwasser
In Europa erheben nur 21 Länder und damit weniger als die Hälfte zusätzliche Steuern auf gesüßte Getränke. In Deutschland fällt eine solche Steuer ebenfalls nicht an.
Häufiger sind es Länder mit geringem Einkommen, die Steuern auf gesüßte Getränke erheben. Allerdings fällt in 77 Prozent der Länder, die gesüßte Getränke besteuern, auch eine Steuer auf Sprudelwasser an. Laut WHO ist dies allerdings eine gesunde Alternative zu gesüßten Getränken wie Limonaden oder Fruchtsäften. Hinzu kommt, dass gesüßte Milchprodukte, Fertigkaffees oder Fruchtsäfte nur selten mit einer Steuer belegt sind.
Mit der Initiative „3 by 35" verfolgt die WHO das Ziel, die realen Preise für Tabak, Alkohol und zuckerhaltige Getränke bis 2035 mithilfe von Steuern um mindestens 50 Prozent zu erhöhen. Die Organisation rechnet dadurch in den kommenden zehn Jahren weltweit mit zusätzlichen öffentlichen Einnahmen in Höhe von einer Billion US-Dollar. Einen Report über die Gefahr von Tabak hat die WHO zuletzt im vergangenen Jahr veröffentlicht.
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