Ausland

Viele US-Impfdatenbanken ohne Nennung von Gründen nicht mehr aktualisiert

  • Dienstag, 27. Januar 2026
/Tada Images, stock.adobe.com
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Boston – Mehrere staatliche Gesundheitsdatenbanken in den USA sind im Jahr 2025 längere Zeit ohne Angabe von Gründen nicht mehr aktualisiert worden. Von den 38 betroffenen Datenbeständen der Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) hatten 33 einen Bezug zum Thema Impfungen, berichtet ein Team in den Annals of Internal Medicine (2026; DOI: 10.7326/ANNALS-25-04022).

Mehrere weitere betroffene Datenbanken kamen demnach aus dem Bereich Infektionskrankheiten/Epidemiologie. „Die Pausen ohne Erklärung begannen hauptsächlich im März und April 2025, kurz nachdem Herr Trump die Präsidentschaft übernommen und Herr Kennedy als Gesundheitsminister bestätigt wurde“, heißt es in der Studie.

In der Folge hatte es auch zahlreiche Entlassungen bei US-Gesundheitsbehörden gegeben. Dies könne neben Veränderungen der politischen Schwerpunktsetzung und Sparvorgaben zu den Datenlücken beigetragen haben. Die tatsächlichen Gründe kann die Studie aber nicht klären.

Die Autorinnen und Autoren werten ihre Befunde als „Erosion“ der staatlichen Surveillance. Sie hatten 82 Datenbanken in ihre Studie einbezogen, die bis Anfang 2025 mindestens monatlich aktualisiert worden waren.

Großteil der betroffenen Datenbanken mehr als ein halbes Jahr nicht befüllt

Zum Zeitpunkt der Analyse im Oktober 2025 sei bei 34 CDC-Datenbanken festgestellt worden, dass dort schon seit mindestens sechs Monaten keine Daten mehr eingetragen wurden, schreibt die Gruppe um Janet Freilich von der Boston University. Bei den übrigen betroffenen Datenbanken war der Zeitraum kürzer. 44 Datenbanken stuften die Forschenden als aktuell ein, darunter jedoch keine einzige zu Impfungen.

Die nicht mehr gepflegten Datenbanken hatten sich etwa um Impfungen gegen Influenza, COVID-19 und RSV gedreht, beispielsweise um die Entwicklung der Impfquoten. Dass die festgestellten Pausen größtenteils Impfdatenbanken betreffen, sei angesichts der Impfskepsis von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. besorgniserregend, halten die Autoren fest.

Betroffen ist der Studie zufolge auch eine Datenbank zu Fällen von Atemwegserkrankungen in Notaufnahmen – ein wichtiges Werkzeug, um beispielsweise Anstiege bei der Zahl der Grippefällen zu erkennen. Lücken würden aber zum Beispiel auch bei der Erfassung tödlicher Drogenüberdosen gerissen.

Die Forschenden hatten verschiedene öffentlich zugängliche CDC-Datenbanken und deren Befüllung zum Stichtag 28. Oktober 2025 analysiert. Um saisonale Effekte auszuschließen, folgte eine Nachkontrolle Anfang Dezember 2025. Dabei wurde aber nur in einem Fall eine zwischenzeitliche Aktualisierung festgestellt.

Solche langen Pausen könnten aus Sicht der Forschenden die Evidenz für die Entscheidungsfindung von Ärzten, Verwaltungsangestellten, Berufsverbänden und Politik beeinträchtigt haben.

Das Forscherteam sieht bei den Vorgängen zudem mangelnde Transparenz. Nutzende würden nicht informiert oder darauf hingewiesen, dass Aktualisierungen ausbleiben. Die Gruppe betont, dass staatliche Datenbanken ein Minimum an Standards befolgen müssten, also zum Beispiel Hinweise zum Stand der letzten Aktualisierung, Erklärungen zu Pausen und nächsten zu erwartenden Updates.

Insgesamt hatte das Team ein Verzeichnis mit mehr als 1.300 CDC-Datenbanken herangezogen. Der Großteil wurde von der Analyse ausgeschlossen, weil es dort schon vor dem Regierungswechsel wenige Aktualisierungen gegeben hatte oder die Daten bereits archiviert waren.

Infectious Disease Society: Selektive Unterdrückung von Daten

In einem Editorial zur Studie wertet Jeanne Marrazzo von der Infectious Diseases Society of America die Befunde der Forschenden als selektive Unterdrückung aktueller Daten. Nachdem die CDC jahrzehntelang international Maßstäbe gesetzt hätten, sei die Behörde in ihrer derzeitigen Form nicht mehr die zuverlässige Quelle für Daten zur öffentlichen Gesundheit.

„Die Folgen werden verheerend sein“, schreibt Marrazzo. Die USA befänden sich im Blindflug in Bezug auf neu oder erneut auftretende Bedrohungen der Gesundheit. Sie bricht in dem Text erneut eine Lanze für den Nutzen von Impfungen. Parallel aufgesetzte Projekte wie das Vaccine Integrity Projekt und Verbünde von US-Bundesstaaten könnten die Lücke nur ein Stück weit füllen.

In den USA läuft schon länger eine Debatte um die Zahl der Routineimpfungen im Kindesalter. Kennedy hatte den empfohlenen Impfkalender wiederholt als zu umfangreich bezeichnet, das von ihm personell neu besetzte Impfgremium ACIP hat sich eine Überprüfung vorgenommen und eine Empfehlung zu Hepatitis B bereits gelockert.

Der aktuelle ACIP-Vorsitzende, Kirk Milhoan, soll sich nach einem Bericht der New York Times kürzlich in einem Podcast dafür ausgesprochen haben, dass auch Impfungen gegen Polio und Masern optional angeboten werden sollten, um Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückzugewinnen – und weil die Bedrohung durch diese Krankheiten nicht mehr so groß sei wie einst.

In den USA sind einige Impfungen wie die gegen Masern, Mumps und Röteln für die Einschulung verpflichtend, andere werden dringend empfohlen. In zahlreichen Bundesstaaten können Eltern jedoch Befreiungen aus verschiedenen Gründen erwirken. Seit rund einem Jahr haben die USA mit einem großen Masernausbruch zu kämpfen, allein in den ersten Wochen 2026 verzeichneten die CDC mehr als 400 Fälle, größtenteils bei Menschen, die nicht gegen Masern geimpft waren.

Dem Bericht zufolge äußerte Milhoan zwar „Bedenken“, dass einige Kinder als Folge der Entscheidung gegen die Impfung an Masern sterben oder Lähmungen von Polio davontragen könnten. Aber er sagte auch: „Ich bin auch traurig, wenn Menschen an alkoholbedingten Krankheiten sterben“, und fügte hinzu: „Entscheidungsfreiheit und negative gesundheitliche Folgen“.

Unter anderem die American Medical Assocation (AMA) zeigte sich alarmiert: Es handle sich hier nicht um eine theoretische Debatte, sondern um einen gefährlichen Rückschritt. Die American Academy of Pediatrics (AAP) hat bereits einen eigenen Impfkalender herausgegeben, den viele weitere Medizinverbände unterstützen.

ggr

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