Weiterbildung unter Druck: Warum junge Ärztinnen und Ärzte neue Strukturen brauchen

Berlin – Die ärztliche Weiterbildung steht vor einem tiefgreifenden Wandel: Ambulantisierung, Krankenhausreform, zunehmende Spezialisierung und veränderte Erwartungen von jungen Ärztinnen und Ärzten stellen das bisherige System vor erhebliche Herausforderungen.
Darüber waren sich gestern die Teilnehmenden einer Podiumsdiskussion zum Thema „Arztzentrierte Versorgung und medizinische Weiterbildung – Wer macht was – und warum?“ auf dem Hauptstadtkongress in Berlin weitgehend einig.
Konsens bestand auch, dass Weiterbildung künftig teilweise anders organisiert werden muss und kann und die Bedeutung von Teamarbeit wachsen wird. Als eine der größten Herausforderungen sah Susanne Johna, Erste Vorsitzende des Marburger Bundes (MB) und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK), die fortschreitende Ambulantisierung medizinischer Leistungen.
Immer mehr Eingriffe würden über Hybrid-DRG außerhalb klassischer stationärer Strukturen erbracht. Gerade einfache operative Eingriffe, die bislang vielen Ärzten in Weiterbildung den Einstieg ins Operieren ermöglichten, würden zunehmend ambulant durchgeführt.
Gleichzeitig steige der wirtschaftliche Druck, so Johna. Für Eingriffe, an denen Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung beteiligt seien, werde zwangsläufig mehr Zeit benötigt – Zeit, die im ambulanten Vergütungssystem kaum refinanziert werde.
„Wir machen uns Sorgen, dass das ein Problem wird“, sagte Johna. Beispielsweise in der Kardiologie würden inzwischen nahezu 70 Prozent invasiver Leistungen über Hybrid-DRG erbracht. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, werde dies zwangsläufig Auswirkungen auf die Qualität der Weiterbildung haben.
Zusätzlichen Druck erzeugt nach Einschätzung des MB die Krankenhausreform mit ihren Leistungsgruppen. Kliniken werden sich künftig stärker spezialisieren und nicht mehr sämtliche Eingriffe eines Fachgebietes anbieten. Für die Weiterbildung bedeute dies, dass viele Häuser künftig keine vollständige Facharztweiterbildung mehr gewährleisten können, erläuterte die MB-Vorsitzende. Rotationen zwischen verschiedenen Kliniken und zunehmend auch zwischen stationärem und ambulantem Bereich könnten zur Regel werden, prophezeite sie.
Grundsätzlich seien solche Wechsel fachlich sinnvoll, betonte Johna. Problematisch werde es jedoch, wenn junge Ärztinnen und Ärzte mehrfach ihren Arbeitsplatz wechseln müssten, und das oftmals genau in jener Lebensphase, in der Familien gegründet und Kinder betreut würden. Die Weiterbildung müsse deshalb verlässlich organisiert werden. Wer eine Rotation beginne, müsse sicher sein können, dass die nächste Station tatsächlich die noch fehlenden Ausbildungsinhalte vermittle, betonte die Ärztin.
Als Antwort auf diese Entwicklung fordert der Marburger Bund den Ausbau verbindlicher Weiterbildungsverbünde. Kliniken und Praxen sollen sich zusammenschließen und gemeinsam garantieren, sämtliche Inhalte einer Weiterbildung abzudecken. „Das ist unserer Meinung nach die Lösung“, sagte Johna. Zertifizierte Verbünde könnten den jungen Ärzten Sicherheit geben, dass ihre gesamte Weiterbildung strukturiert geplant sei.
Derzeit verhinderten jedoch arbeitsrechtliche Regelungen eine breite Umsetzung, räumte sie ein. Wechsel zwischen verschiedenen Arbeitgebern würden als „Arbeitnehmerüberlassung“ bewertet und seien dadurch genehmigungs- und teilweise umsatzsteuerpflichtig.
Johna forderte deshalb gesetzliche Ausnahmeregelungen speziell für die ärztliche Weiterbildung. Langfristig sei nach Ansicht des MB ein gemeinsamer Weiterbildungsvertrag mit einem Hauptarbeitgeber denkbar, der die Rotationen verbindlich organisiere und Planungssicherheit schaffe. Die Ärztegewerkschaft wolle sich für eine solche Möglichkeit einsetzen.
Mehr Weiterbildung auch in den Praxen
Dass ambulante Weiterbildung grundsätzlich funktionieren kann, betonte Nicola Buhlinger-Göpfarth, eine der Bundesvorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands (HÄV).
Sie stellte ein Versorgungsmodell vor, das der Hausärztinnen- und Hausärzteverband in Kooperation mit der Universität Heidelberg als „Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“ (kurz HÄPPI) entwickelt hat. Das HÄPPI-Konzept biete Strukturen, die das Arbeiten erleichtern und neue Formen der Zusammenarbeit im Team ermöglichen sollen.
Dort sei die Weiterbildung sogar Voraussetzung für die Teilnahme, erläuterte Buhlinger-Göpfarth. „Wir wissen aus vielen Studien, dass der Nachwuchs in der Medizin gerne im Team arbeiten möchte“, sagte sie. Gleichzeitig kritisierte sie, dass niedergelassene Ärztinnen und Ärzte häufig deutlich weniger Weiterbildungsplätze anbieten dürften als große Kliniken.
In ihrer eigenen Praxis könne sie mehr Ärztinnen und Ärzte weiterbilden, als derzeit erlaubt sei. „Das kann so auch nicht bleiben“, meinte sie. Die unterschiedlichen Regelungen zwischen Kliniken und Praxen müssten angeglichen werden, damit der ambulante Bereich künftig einen größeren Beitrag bei der Weiterbildung leisten könne.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Kompetenzerwerb: Johna verdeutlichte, dass Weiterbildung sich künftig an Rollenmodellen orientieren müsse. Ärztinnen und Ärzte müssten führen können, kommunizieren, Verantwortung übernehmen und als Teamplayer arbeiten. Diese Fähigkeiten seien erlernbar und müssten deshalb systematisch Bestandteil der Weiterbildung werden. Dies sei auch ein Beschluss des diesjährigen Deutschen Ärztetages gewesen.
Auch Wolfgang Holzgreve von der Executive School der Universität St. Gallen in der Schweiz plädierte in der Diskussion dafür, die Weiterbildung deutlich kompetenzorientierter zu organisieren. Während in der Schweiz oder den USA Weiterbildungsziele klar definiert und dokumentiert würden, sei der Verlauf hierzulande häufig noch vom Zufall abhängig.
Torsten Rantzsch, Pflegedirektor am Universitätsklinikum Düsseldorf, forderte, die Diskussion über die Weiterbildung nicht länger ausschließlich aus ärztlicher Perspektive zu führen. „Ich würde gerne weg vom Arztbild hin zum Team“, sagte er.
Pflegeberufe hätten sich in den vergangenen Jahren stark akademisiert. Spezialisierte Pflegefachpersonen übernähmen heute bereits eigenständige Aufgaben, etwa als Wundexperten oder im Tumorboard. Nach seiner Einschätzung könne der zunehmende Fachkräftemangel nur bewältigt werden, wenn alle Gesundheitsberufe enger zusammenarbeiteten und ihre jeweiligen Kompetenzen konsequent einbrächten.
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