Weltfrauentag: Frauen bei politischen Entscheidungen nicht vergessen

Berlin – Anlässlich des Weltfrauentages fordern Ärzteverbände, Krankenkassen und Frauenverbände aus verschiedenen Branchen deutliche Verbesserungen bei der Repräsentanz von Frauen – speziell in den medizinischen Fachberufen, in der Wissenschaft und bei der geschlechtersensiblen Versorgung.
So fordert die Berliner Ärztekammer, dass die genderspezifischen Versorgungsthemen in die Curricula der Humanmedizin aufgenommen werden sollen. Laut einem Gutachten der Charité von 2020 sei geschlechterspezifische Medizin nur an 70,4 Prozent der Medizinischen Fakultäten in Deutschland „punktuell in einzelnen Lehrveranstaltungen“ ein Thema, so die Kammer in einer Mitteilung.
Ein Institut für Geschlechterforschung in der Medizin gibt es an der Charité seit 2003, seit 2024 eine erste Vollzeitprofessur für Geschlechtssensible Medizin. Es sei wichtig, die unterschiedlichen Symptome bei Männern und Frauen bei gleichen Krankheiten zu kennen. Hier müsse auch in der Forschung umgedacht werden, da klinische Studien vor allem an jungen Männern durchgeführt werden.
„Einer der Gründe dafür ist, dass die Reaktionen auf Medikamente bei Frauen hormonell bedingt variieren können. Es ist jedoch gerade deshalb wichtig, Therapien auch an die unterschiedlichen hormonellen Phasen anzupassen", fordert die Landesärztekammer.
Verbesserungen im Berufsalltag nötig
Konkrete Verbesserungen im beruflichen Alltag fordert auch der Ausschuss „Ärztinnen“ beim Hartmannbund. Obwohl das Thema der Gleichberechtigung und Gendergerechtigkeit in den vergangenen Jahren in den Fokus gerückt sei, erlebten Ärztinnen weiterhin strukturelle Benachteiligungen im Berufsalltag, so die Sprecherinnen des Ausschuss Wenke Wichmann, Galina Fischer und Iris Illing in einer Mitteilung.
„Dazu gehört eine Gleichberechtigung bei den Karriereaussichten: In Führungspositionen, in der Forschung und in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung sind Ärztinnen noch immer unterrepräsentiert. Es braucht in diesen Bereichen eine konkrete Förderung für Ärztinnen“, so Fischer. Es müsse in der ärztlichen Weiterbildung ein Kulturwandel her – nicht nur Ärztinnen, sondern auch Ärzte müssten Elternzeit ermöglicht bekommen, ohne diskriminiert zu werden.
„Wir sind überzeugt, dass ein geschlechtergerechtes Gesundheitssystem nicht nur die Arbeitsbedingungen für Ärztinnen verbessert, sondern auch die Versorgungsqualität für alle Patientinnen und Patienten steigert“, so Illing.
Mehr Repräsentanz von Frauen in Politik und Gremien
Auch von den Krankenkassen wird der geschlechtersensible Blick gefordert. „Frauen sind in der Politik in Deutschland nach wie vor unterrepräsentiert. Im neuen Bundestag liegt der Frauenanteil bei 32,4 Prozent, jener der Männer bei 67,6 Prozent. Das hat Auswirkungen auf die Gestaltung der Politik in unserem Land – auch im Bereich Gesundheit und Pflege“, erklärte Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK Bundesverbandes.
Reimann war zwischen 2000 und 2017 auch Bundestagsabgeordnete. Der Verband hatte vor der Wahl eine Umfrage erstellen lassen, wie wichtig der Bevölkerung die Themen Pflege und Gesundheit sind. Besonders bei Frauen haben die Themen Spitzenwerte erreicht. „Darum appelliere ich an die Politikerinnen und Politiker, die sich in den nächsten Tagen und Wochen um eine Regierungsbildung bemühen, Gesundheit und Pflege bei den Koalitionsverhandlungen zu priorisieren und die Bedarfe der Frauen mitzudenken“, so Reimann in einer Mitteilung weiter.
Auch in den Gremien der Krankenkassen seien inzwischen mehr Frauen vertreten: So berichtet der Verband der Ersatzkassen (vdek) und die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund), dass sich seit der Sozialwahl 2023 der Anteil der Frauen in den Gremien erhöht habe. 44,4 Prozent der Mitglieder in den Verwaltungsräten der Ersatzkassen seien weiblich, 40 Prozent in der Vertreterversammlung des DRV Bund.
„Die weibliche Perspektive ist sowohl in der Gremienarbeit als auch in der inhaltlichen Schwerpunktsetzung der sozialen Selbstverwaltung unverzichtbar“, sagte Pia Rixner, stellvertretendes Mitglied des Vorstandes der DRV Bund in einer Mitteilung. Dies sei besonders bei den Themen der familienbedingten Erwerbsunterbrechungen oder auch beim Thema Rentenanspruche und Altersarmut wichtig.
Für eine bessere Versorgung von Frauen setzten sich Verwaltungsräten der Ersatzkassen auch die Frauen ein, betont Sylvi Krisch, Vorsitzende des Verwaltungsrats der Barmer. „Wir setzen uns dafür ein, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Prävention, Diagnostik und Behandlung von Krankheiten stärker in den Fokus der Medizin und der Bevölkerung rücken.“
Equal Pay Day ein Tag vor dem Weltfrauentag
Neben der Versorgung ist das Thema „Gleiche Bezahlung“ für Frauen im Beruf weiter auf der Tagesordnung. So ist am 7. März in diesem Jahr der „Equal Pay Day" – der Tag, ab dem Frauen statistisch gesehen im Jahr für ihre Arbeit bezahlt werden. Laut dem Statistischen Bundesamt hat sich diese „unbereinigte Lohnlücke“ weiter verringert, sie liegt inzwischen bei 16 Prozent, im Jahr davor lag sie noch bei 18 Prozent. Knapp zwei Drittel der Lohnlücke erklären die Statistiker mit höheren Teilzeitquoten bei Frauen und geringeren Gehältern in Berufen, die Frauen typischerweise ergreifen. Es bleibt aber ein bereinigter Lohnabstand von 1,52 Euro oder rund sechs Prozent des Brutto-Stundenlohns ohne eindeutige Erklärung.
Für den Verband der medizinischen Fachberufe ist dies Anlass, darauf hinzuweisen, dass selbst in dem MFA-Beruf Männer mehr verdienen als Frauen. Laut dem Verband verdienten männliche MFA in Vollzeit 6,6 Prozent mehr brutto als die Kolleginnen. Dabei seien 95 Prozent der MFA Frauen. Zudem zähle der Beruf zu denen, die weit unterhalb des mittleren Bruttoeinkommens liegen.
„Die Bewertung frauentypischer Berufe durch die Gesellschaft muss grundlegend neu erfolgen – und zwar weit über den Pflegebereich und die Erziehung hinaus“, forderte Hannelore König, Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe. Bei den Streiks der Gewerkschaft verdi in Sozialeinrichtungen kam es am Equal-Pay-Day besonders in Berufsgruppen, in denen viele Frauen arbeiten, zu Streiks. Dazu zählen auch Kliniken sowie Pflege- und soziale Einrichtungen.
Frauenrechte weltweit in Gefahr
Bei einer Veranstaltung des Bundespräsidenten in seinem Dienstsitz Schloss Bellevue in Berlin erklärte Frank-Walter Steinmeier deutlich: „Wenn Deutschland ein Frauenproblem bekommt, bekommt das Land ein Demokratieproblem.“ Daher dürften die Tendenzen, Frauenrechte in Krisenzeiten einschränken zu wollen, sich nicht durchsetzen.
Auch Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) sieht Frauenrechte in Deutschland und anderen Ländern gefährdet: „Allen, die sich für Gleichstellung einsetzen, weht gerade ein harter Wind ins Gesicht. In Deutschland wie anderswo“, so die Ministerin.
Auch die Vereinten Nationen sehen weltweit die Frauenrechte „in einem nie dagewesenen Ausmaß“ bedroht. 30 Jahre nach einer UN-Frauenkonferenz in Peking gebe es viele Rückschritte, betonte die Organisation. Zwar habe sich der Anteil der Frauen in nationalen Parlamenten seit 1995 verdoppelt, doch drei Viertel aller Abgeordneten seien weiterhin Männer, so ein Bericht von UN Women. Frauen machten noch immer zweieinhalbmal mehr unbezahlte Pflegearbeit als Männer und hätten nur 64 Prozent der gesetzlich verankerten Rechte, hieß es in dem Bericht weiter.
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