Weltgesundheitsversammlung startet unter Eindruck von Ausbrüchen

Genf – Unter dem Eindruck der tödlichen Hantavirus- und Ebola-Ausbrüche hat in Genf die Weltgesundheitsversammlung begonnen. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte bei der Eröffnung des WHO-Jahrestreffens: „Wir leben in schwierigen, gefährlichen und von Spaltung geprägten Zeiten.“
Die WHO hatte in der Nacht zu gestern wegen eines Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo eine Notlage von internationaler Tragweite erklärt (das Deutsche Ärzteblatt berichtete). Ansteckungsrisiken gibt es vor allem im Kongo und den Nachbarländern. Die Gefahr einer Ausbreitung nach Europa gilt als gering.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die zwei Tage in Genf vor Ort war, unterstrich heute erneut die wichtige Rolle der WHO, deren notwendige Reform man unterstütze. „Deutschland steht ein für eine starke WHO, die handlungsfähig bleibt und sich auf ihre Kernkompetenzen fokussiert. Dafür unterstützen wir sie politisch, finanziell und personell“, teilte Warken mit.
Nach Ministeriumsangaben stellt Deutschland „insbesondere für die Bekämpfung von grenzüberschreitenden Krankheitsausbrüchen“ weitere 25 Millionen Euro in diesem Jahr zur Verfügung, um die Handlungsfähigkeit der WHO aufrecht zu erhalten.
„Gerade die aktuellen Ereignisse wie der Ausbruch des Hantavirus und der gegenwärtige Ebola-Ausbruch in Zentralafrika machen sehr deutlich, dass kein Land grenzüberschreitende Gesundheitsgefahren alleine überwachen und deren Prävention und Abwehr im Alleingang stemmen kann“, betonte Warken.
Das wichtigste ursprünglich geplante Unterfangen bei dieser Konferenz findet mangels Einigung der mehr als 190 WHO-Mitgliedsstaaten nicht statt: Eigentlich sollte das Herzstück des internationalen Pandemievertrages verabschiedet werden, ein System namens PABS.
Es soll unter anderem regeln, wie Länder kompensiert werden, die einen bei ihnen aufgetauchten Erreger teilen, damit dagegen Impfstoffe und Medikamente entwickelt werden können. Die Verhandlungen dazu sind kürzlich jedoch ohne Einigung vertagt worden.
Länder des Nordens mit Pharmaindustrien haben bei dem Thema andere Interessen als Länder des Südens. „Ich bin zuversichtlich, wenn sich alle etwas bewegen, dass man zueinander kommt“, sagte Warken.
Das PABS-System soll nun spätestens bei der nächsten Gesundheitsversammlung in einem Jahr verabschiedet werden. Dadurch verzögert sich auch der Ratifizierungsprozess für das Pandemieabkommen in den einzelnen Ländern – er kann erst beginnen, wenn der Vertrag vollständig ist.
Diskussion um mögliche Nachfolge für WHO-Chef
Schon seit einiger Zeit wird in Medien auch über eine Nachfolge von WHO-Chef Tedros spekuliert, der in seiner zweiten und letzten Amtszeit ist. Bewerbungen können eingereicht werden. Es könnte auch einen deutschen Kandidaten geben. Warken sagte in Genf, mehrere Länder hätten sich entsprechend geäußert. Die Bundesregierung werde sich dazu in den kommenden Wochen eine Meinung bilden. Tedros Amtszeit läuft bis August 2027.
Der tödliche Hantavirus-Ausbruch auf einem niederländischen Kreuzfahrtschiff hatte zuletzt deutlich gemacht, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Krankheiten ist. Auch der aktuelle Ebola-Ausbruch rief die WHO auf den Plan.
Beide Ausbrüche stehen in Genf nicht auf der offiziellen Tagesordnung, dürften aber die Beratungen beeinflussen. Die beiden Ausbrüche seien „nur die jüngsten Krisen in unserer problembelasteten Welt“, hielt der WHO-Chef bei der Eröffnung der Sitzung fest.
UN-Generalsekretär António Guterres betonte in einer Videobotschaft, die Herausforderungen für die globale Gesundheitspolitik hätten sich „selten so entmutigend angefühlt“. Die Einschnitte bei bilateraler und multilateraler Hilfe hätten im vergangenen Jahr „Gesundheitssysteme geschwächt und Ungleichheiten vergrößert“.
Die WHO habe ihr Budget um fast eine Milliarde Dollar kürzen und hunderte Stellen abbauen müssen, sagte die Schweizer Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider. Trotz der massiven Sparmaßnahmen sei es der WHO gelungen, sich inmitten dieser Krise neu aufzustellen.
Die Hantavirus-Infektionen und -Todesfälle auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ hätten verdeutlicht, „warum die Welt eine effektive, vertrauenswürdige, unparteiische, zuverlässig finanzierte WHO braucht“, sagte die Koordinatorin des Global Health Centre des Genfer Hochschulinstituts für internationale Studien und Entwicklung, Surie Moon.
Nach ihrer Einschätzung ist die gegenwärtige Lage der WHO „fragil“, aber immerhin sei es der Organisation gelungen, den Großteil ihres Budgets einzuwerben. Hintergrund ist der Rückzug der USA aus der UN-Sonderorganisation, die Vereinigten Staaten waren der größte Beitragszahler gewesen.
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