WHO-Chef: Ebola-Ausbruch dürfte sich weiter zuspitzen

Genf – Der Ebola-Ausbruch in Afrika dürfte sich nach Angaben des Chefs der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, weiter zuspitzen, bevor er unter Kontrolle gebracht werden kann. „Wir stehen vor einem äußerst ernsten und schwierigen Ausbruch“, sagte er nach WHO-Angaben bei einem virtuellen Austausch mit Gesundheitsministern aus Afrika. „Es wird erst noch schlimmer werden, bevor es besser wird.“
Man unternehme alles, um Ausrüstung in die betroffene Region zu bringen und die Eindämmungsmaßnahmen voranzubringen. Dazu gehört etwa, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und Kontaktpersonen von möglicherweise Infizierten zu isolieren. „Doch derzeit ist die Epidemie uns noch einen Schritt voraus“, sagte er.
Der WHO-Chef kündigte eine Reise in die besonders betroffene Demokratische Republik Kongo (DRK) an. Die dortige Regierung hat mehr als 100 Fälle durch Labortests bestätigt, zehn davon bei inzwischen Verstorbenen. Zudem nennt sie mehr als 900 Verdachtsfälle. Mehr als 200 Kranke sind nach diesen Angaben verstorben.
Eine zentrale Problematik sei derzeit der Mangel an Laboren, die Tests durchführen können, berichtete heute Gisela Schneider, langjährige Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm) und Beraterin in der aktuellen Krise. Daher rühre die große Differenz zwischen bestätigten und vermuteten Fällen.
Schnelltests für die vorliegende Bundibugyo-Variante des Ebolavirus gebe es bislang nicht und Laborkapazitäten vor Ort seien erst im Aufbau, sagte Schneider. Proben würden häufig in die rund 1.700 Kilometer entfernte Hauptstadt Kinshasa geschickt. Daher werde es Zeit brauchen, bis zu Verdachtsfällen Ergebnisse vorliegen.
Umgang mit Fieberpatienten ohne Schnelltestmöglichkeit
Menschen, die nun in der Region Fieber bekämen, bräuchten Behandlung und Diagnostik, müssten aber zunächst wegen des möglichen Vorliegens von Ebola isoliert werden, führte die Expertin aus. „Das ist die ganz große Angst machende Situation für viele Menschen.“ Dabei sei die Isolierung derzeit das einzig verfügbare Mittel.
Kriterien für die Einstufung als Ebola-Verdachtsfall habe die WHO ausgegeben, darunter hohes Fieber, schweres Krankheitsgefühl, Erbrechen, Durchfall, so Schneider. Alle davon Betroffenen müssten in Isolation und würden bis zur sicheren Diagnosestellung behandelt, als ob sie Ebola hätten – und gleichzeitig gegen Malaria und weitere Infektionskrankheiten.
Es würden Triage-Center am Eingang von Krankenhäusern aufgebaut, wo etwa die Temperatur gemessen und Schlüsselfragen abgeklärt würden, um dann zu entscheiden, wer isoliert werden muss, so Schneider. Es gelte, hier würdevolle und transparent kommunizierte Abläufe zu etablieren. Der Zugang zu Behandlung, Schutzmaterialien und auch zu Beerdigungen seien wichtig. Dabei spielten auch Kirchen vor Ort eine wichtige Rolle.
Die Nachverfolgung von Kontaktpersonen von Ebola-Infizierten gestalte sich problematisch, da es in der Region eine hohe Mobilität gebe, schilderte der Landesbüroleiter der Diakonie Katastrophenhilfe in der DRK, Josue Ibulungu. Mangels Impfstoffen und Therapeutika gegen die Variante des Ebolavirus sei es wichtig, dass Kranke sich so früh wie möglich in Behandlung begäben.
Auch die einzuhaltende 21-tägige Quarantäne für Kontaktpersonen von Infizierten mache Angst, betonte Schneider. Dies bringe Menschen nun teils dazu, sich zu verstecken. Mehr als 1.000 Kontaktpersonen würden zwar nachverfolgt, es handle sich dabei um einen riesigen Aufwand.
Schon ohne Ebola steht die seit Jahrzehnten von Konflikten betroffene Ituri-Region vor großen Herausforderungen, mit „ganz schwachen Gesundheitssystemen“, wie Schneider sagte. Schon vor dem Ausbruch sei die humanitäre Situation komplex gewesen, berichtete Ibulungu.
Beispielsweise seien dort zwei Millionen Kinder mangelernährt, viele Krankenhäuser durch den Krieg zerstört, nötige Ausrüstung knapp, das Straßennetz dürftig. Für humanitäre Helfer sei die Situation durch Budgetkürzungen verschiedener Geldgeber erschwert.
Im Umgang mit dem Ausbruch werde sehr hohe Sensibilität benötigt, unterstrich Schneider. Es gehe um Communitys, die hoch traumatisiert seien: durch 30 Jahre Krieg, Unsicherheit, Armut und Ausbeutung. Auch die reguläre Gesundheitsversorgung müsse aufrecht erhalten werden, etwa die Geburtshilfe.
Internationale Reaktion wird besser als in 2014 eingeschätzt
Im Vergleich zum Ebola-Ausbruch 2014 in Westafrika hat die internationale Gemeinschaft nach Schneiders Einschätzung dieses Mal schnell reagiert. Bis eine Behandlung und Impfstoffe entwickelt werden, werde es jedoch einige Zeit dauern. „Wir sind angewiesen auf die lokale Intervention: Isolation, Behandlung, Risikokommunikation mit der Community.“
„Die jetzige Situation in der DRK macht deutlich, wie wichtig es ist, eine starke Gesundheitsinfrastruktur vor Ort zu haben“, sagte Julia Stoffner, Referentin für internationale Gesundheitspolitik bei Brot für die Welt. Unter anderem müssten jetzt die Mittel in der Krisenreaktion, aber auch im Bereich globale Gesundheit generell aufgestockt werden.
Die Ankündigung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 500 Schutzanzüge bereitzustellen, kritisierte Stoffner als unzureichend. Auch Deutschland gehöre zu den Ländern, die Mittel im Bereich der globalen Gesundheit gekürzt hätten.
Gefahr der Ausbreitung in Nachbarstaaten
Nachbarstaaten der DRK seien wegen des für sie besonders hohen Risikos aufgerufen, „unverzüglich“ Maßnahmen zu ergreifen", sagte Tedros gestern bei virtuellen Ministerberatungen zur Ebola-Epidemie. Als eine der Schwierigkeiten nannte er, dass der Ausbruch erst verspätet entdeckt worden sei, so dass „wir nun einer sich sehr schnell fortbewegenden Epidemie hinterher eilen“.
Im benachbarten Uganda sind inzwischen sieben Ebola-Infektionen bestätigt worden, darunter Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Uganda hatte in der vergangenen Woche, nach Bekanntwerden erster Fälle, den gesamten öffentlichen Verkehr in die DR Kongo eingestellt.
Der Ebola-Ausbruch war am 15. Mai in der von bewaffneten Konflikten betroffenen kongolesischen Provinz Ituri gemeldet worden. Nach Einschätzung der WHO hatte sich das Virus zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon seit Monaten unentdeckt ausgebreitet. Das Virus wird durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten von Infizierten übertragen, die Inkubationszeit kann bis zu drei Wochen betragen.
Die Sterblichkeitsrate bei der Bundibugyo-Variante liegt bei etwa 30 bis 50 Prozent. Die WHO hatte vor einer Woche eine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ ausgerufen, ihre zweithöchste Alarmstufe.
Die Gesundheitsbehörde der Afrikanischen Union (Africa CDC) rief kurz darauf wegen des hohen Risikos einer regionalen Ausbreitung für den gesamten Kontinent den Notstand aus. Am Wochenende sagte Africa-CDC-Präsident Jean Kaseya, dass sich der Ebola-Ausbruch in der DR Kongo und Uganda auf zehn weitere Länder Zentralafrikas auszuweiten drohe: Südsudan, Ruanda, Kenia, Tansania, Äthiopien, den Kongo, Burundi, Angola, die Zentralafrikanische Republik und Sambia.
Viele Menschen in der Region halten Ebola für Mythos
Für Fachleute gilt es nun als entscheidend, die Bevölkerung und lokale Partner in die Ausbruchsbekämpfung einzubeziehen. Es gebe viele Gerüchte und falsche Informationen.
In der Provinz Ituri hält nach Angaben der Hilfsorganisation ActionAid etwa jeder Dritte die Krankheit für einen Mythos. „Wir kämpfen nicht nur gegen ein tödliches Virus, sondern auch gegen Mythen, Angst und tiefsitzendes Misstrauen“, sagte auch Saani Yakubu, Landesdirektor von ActionAid in der DRK.
Man arbeite intensiv an Aufklärungskampagnen, auch um die Bevölkerung auch zu einem „schutzorientierten Verhalten“ anzuleiten. Denn während manche die Existenz von Ebola komplett leugnen, glaubten andere, sich mit starken alkoholischen Getränken vor einer Ansteckung schützen zu können.
Zuletzt waren vorgestern Ebola-Patienten aus dem Krankenhaus in der Ortschaft Mungwalu geflohen, als Angehörige eines Toten Behandlungszelte in Brand setzten, weil ihnen die Herausgabe der Leiche eines Verstorbenen verweigert wurde. Auch gestorbene Ebola-Patienten sind hochansteckend und müssen unter Beachtung von Sicherheitsmaßnahmen beigesetzt werden. Die geflüchteten Ebola-Patienten wurden bisher nicht wieder gefunden.
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