WHO: Hantavirus-Geschehen unter kontrollierter Beobachtung

Madrid – Alle Hantavirus-Verdachts- und bestätigten Fälle sind nach WHO-Angaben inzwischen isoliert und stehen unter medizinischer Beobachtung. Damit sei das Risiko weiterer Übertragungen auf ein Minimum reduziert, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in Madrid.
Derzeit sind demnach elf Fälle im Zusammenhang mit dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ erfasst. Darunter sind drei Todesfälle, die ganz am Anfang infizierte Menschen betrafen. Für neun der Fälle gibt es Labornachweise. „Alle elf Fälle traten bei Passagieren oder Besatzungsmitgliedern des Schiffes auf“, teilte der WHO-Chef weiter mit.
Eine von Bord gebrachte Französin ist schwer erkrankt. Die Betroffene leide unter der „schwersten Form“ des von südamerikanischen Hantaviren verursachten kardiopulmonalen Syndroms, sagte der Infektiologe Xavier Lescure vom Bichat-Krankenhaus in Paris heute. Die Frau, die über 65 Jahre alt ist und Vorerkrankungen hat, musste demnach an eine künstliche Lunge angeschlossen werden.
Die erkrankte Frau und vier weitere französische Passagiere waren unmittelbar nach ihrer Ankunft in Paris am Samstag isoliert worden. Am Sonntag verschlechterte sich der Zustand der Frau und sie wurde positiv auf das Hantavirus getestet. Die vier anderen Franzosen sind weiterhin negativ und es geht ihnen gut, wie Gesundheitsministerin Stéphanie Rist sagte.
Wegen der langen Zeitspanne von einer Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit von bis zu sechs Wochen schließen Experten nicht aus, dass die Fallzahl noch etwas weiter steigen könnte. Die WHO empfehle eine Überwachung der Menschen vom Schiff bis zum 21. Juni, sagte Ghebreyesus. Rund 150 Menschen aus 23 Ländern waren demnach auf der „Hondius“.
Von den am Montag nach Deutschland gebrachten vier Passagieren des Schiffes zeigte zunächst keiner Symptome. „Während der nächsten Wochen werden die Kontaktpersonen kontinuierlich und engmaschig auf Symptome überwacht“, hieß es vom Bundesgesundheitsministerium (BMG). Falls eine Person erkranken sollte, könne sie in speziellen Zentren nach besten medizinischen Standards und sicher behandelt werden.
In Deutschland befindet sich unter anderem ein Passagier aus dem Großraum Berlin in häuslicher Isolation, auch für eine Person aus Sachsen wurden sechs Wochen häusliche Quarantäne angeordnet.
Laut einer Handreichung, die das Robert-Koch-Institut (RKI) für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) bereitgestellt hat, sollen Kontaktpersonen auf Symptome wie die folgenden achten: Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Gliederschmerzen, neu aufgetretene, starke Erschöpfung, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen oder Durchfall, Husten, Atemnot, rasche Verschlechterung des Allgemeinzustands.
Das RKI schreibt in den Empfehlungen: „Eine infizierte Kontaktperson kann bereits ab dem Auftreten erster leichter oder unspezifischer Symptome ansteckend sein.“ Die WHO wies darauf hin, dass die Infektionsanzeichen zu Beginn einer Erkrankung mild und damit schwer erkennbar sein könnten, etwa Erschöpfung oder leichtes Fieber.
Virus kam wohl mit einem Niederländer an Bord
Die WHO nimmt an, dass die Infektionskette auf der „Hondius“ auf ein niederländisches Ehepaar zurückgeht, das am 1. April an Bord ging. Der Mann – mutmaßlich der Erstinfizierte des Infektionsclusters – hatte am 6. April Fieber, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Durchfall entwickelt und war am 11. April gestorben.
Im Zuge dieser Erkrankung kam es nach derzeitiger Annahme zu begrenzten Mensch-zu-Mensch-Übertragungen auf dem Schiff. Da die Symptome denen verschiedener Atemwegserkrankungen ähneln, war erst verzögert auf das Hantavirus getestet worden. Erst dann kamen strengere Isolierungs- und Überwachungsmaßnahmen in Gang.
Der WHO-Chef würdigte die von Spanien auf der Urlaubsinsel Teneriffa geleitete Evakuierung von Passagieren und Crewmitgliedern der „Hondius“. Die spanische Zentralregierung habe beispielhafte Solidarität gezeigt. „Die Welt braucht diese Art von Freundlichkeit und Mitgefühl, wie sie die spanische Regierung gezeigt hat. Ich glaube, die ganze Welt sollte stolz auf diese Reaktion sein.“
Fürsorge, Zusammenhalt und Kraft
Der Kapitän der „Hondius“, Jan Dobrogowski, hatte zuvor in einer Videobotschaft Besatzung und Passagieren für „Geduld, Disziplin und Freundlichkeit“ gedankt. „Diese vergangenen Wochen waren extrem anstrengend“, sagte er. Die Menschen hätten unter diesen schwierigsten Umständen „Fürsorge, Zusammenhalt und Kraft“ gezeigt.
Die „Hondius“ hatte am Sonntag den Hafen von Granadilla im Süden Teneriffas erreicht. Mit Sonderflügen wurden Menschen vom Schiff unter speziellen Sicherheitsvorkehrungen in ihre Heimat gebracht. Am Montagabend wurde die Evakuierung abgeschlossen. Das Schiff setzte anschließend seine Fahrt mit einer Restmannschaft Richtung Niederlande fort.
Ausbrüche ebbten stets rasch ab
Weltweit gibt es zahlreiche Hantaviren. Auf dem Schiff kursierte das südamerikanische Andesvirus. Es wird wie alle Hantaviren in der Regel von Nagetieren übertragen, etwa über Kotpartikel in aufgewirbeltem Staub, vereinzelt sind bei diesem Typ bei andauerndem, engem Kontakt auch Mensch-zu-Mensch-Übertragungen möglich.
In den vergangenen Jahrzehnten hatte es einige wenige erfasste Ausbrüche in Südamerika gegeben, die alle rasch wieder abebbten. Auch im aktuellen Fall sehen Experten kein Risiko für eine umfassende Ausbreitung des Erregers.
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