Hochschulen

Wie die Wissenschaftsfreiheit gestärkt werden kann

  • Montag, 6. Juli 2026
/unai, stock.adobe.com
/unai, stock.adobe.com

Bonn/Berlin – Die Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft gerät auch in Deutschland zunehmend unter Druck und muss gegen Anfeindungen und Angriffe verteidigt werden. Dabei kommt dem Wissenschaftssystem selbst und allen darin Beteiligten eine zentrale Rolle zu. Das betont die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in ihrem heute veröffentlichten „Positionspapier zur Stärkung der Freiheit und Resilienz der Wissenschaften“.

Angriffe auf einzelne Forschende, wissenschaftliche Einrichtungen und ganze Forschungsfelder sowie Versuche, die öffentliche Förderung von Wissenschaft zu schwächen oder wissenschaftliche Erkenntnisse politisch zu beeinflussen, machen nach Ansicht der DFG deutlich, dass die Wissenschaftsfreiheit heute keineswegs selbstverständlich ist. Vor diesem Hintergrund fordert die DFG, die Widerstandsfähigkeit des Wissenschaftssystems gezielt zu stärken und die vorhandenen Handlungsmöglichkeiten konsequent zu nutzen.

Erarbeitet wurde das Positionspapier von einer Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des DFG-Senats und des DFG-Präsidiums unter Leitung der DFG-Vizepräsidentin Britta Siegmund und des DFG-Vizepräsidenten Johannes Grave sowie im Austausch mit Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Arbeitsgruppe war im Frühjahr 2025 eingerichtet worden, um Vorschläge zur Stärkung der Resilienz der Wissenschaft zu entwickeln. Bereits im März hatte sie eine erste Stellungnahme zur Resilienz von Forschungsdateninfrastrukturen veröffentlicht.

Nach ihrer Einschätzung können solche Angriffe dort leichter ansetzen, wo das Wissenschaftssystem selbst verwundbar erscheine. So könne etwa der Eindruck entstehen, Wissenschaft schränke ihre Freiheit durch Selbstzensur oder sogenannte Cancel Culture selbst ein. Ebenso könnten Zweifel an wissenschaftlicher Qualitätssicherung, mangelnde Transparenz oder eine als elitär wahrgenommene Außendarstellung zusätzliche Angriffspunkte bieten.

Als weitere Schwachstellen nennt das Papier fehlende interne Solidarität, falsche Erwartungen im Umgang mit wissenschaftsfeindlichen Akteuren sowie individuelle Risiken, die sich aus befristeten Beschäftigungsverhältnissen und persönlichen Abhängigkeiten im Wissenschaftssystem ergeben können. Zudem beschreibt es Optionen für den Schutz und die Stärkung der Wissenschaftsfreiheit.

Grundgesetz und gesellschaftliche Vernetzung als wichtige Schutzfaktoren

Das Positionspapier sieht zugleich erhebliche Stärken des deutschen Wissenschaftssystems. An erster Stelle wird dabei die im Grundgesetz garantierte Freiheit von Forschung und Lehre genannt. Hinzu kämen die enge Vernetzung der Wissenschaft mit Wirtschaft und Gesellschaft sowie das weiterhin hohe Vertrauen in ihre Bedeutung für Innovation, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftlichen Fortschritt.

Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit träfen deshalb nicht allein die Wissenschaft selbst, sondern berührten zentrale Interessen der gesamten Gesellschaft, so die Autorinnen und Autoren des Positionspapiers. Gegner der Wissenschaftsfreiheit müssten daher auch mit Widerstand von außerhalb der Wissenschaft rechnen.

Die Arbeitsgruppe entwickelte eine Reihe konkreter Handlungsmöglichkeiten. Dazu gehören eine engere Zusammenarbeit innerhalb der Wissenschaft, belastbare Kooperationen mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie eine intensivere Forschung zu Strategien wissenschaftsfeindlicher Akteure und zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus müssten die hohen Standards der wissenschaftlichen Selbstverwaltung und Selbstkontrolle kontinuierlich geschärft und gesichert werden.

Vonnöten sei auch eine kritische Selbstreflexion der Wissenschaft.  Wissenschaftskommunikation solle stärker verdeutlichen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich vorläufig sind und Forschung auch Unsicherheiten, offene Fragen und Fehlschläge einschließt.

Ferner empfehlen die Autorinnen und Autoren, institutionelle Entscheidungsprozesse besser gegen Missbrauch zu schützen, Maßnahmen zur Forschungssicherheit weiter auszubauen und individuelle Risiken für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu verringern.

Die Bedeutung der Wissenschaftsfreiheit betonte erst vor wenigen Tagen auch DFG-Präsidentin Katja Becker in ihrer Rede zur DFG-Jahresversammlung. „Ohne eine freie Wissenschaft verliert eine Gesellschaft ihre Fähigkeit, zwischen Wissen und Behauptung, zwischen Erkenntnis und Ideologie zu unterscheiden“, sagte sie. „Wer die Freiheit der Wissenschaft einschränkt, schwächt damit nicht nur die Wissenschaft. Er untergräbt auch die Grundlagen einer offenen Gesellschaft.“

ER

Diskutieren Sie mit:

Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen

Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.

Jetzt bei Google bevorzugen

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung