Ärzteschaft fehlt oft das Wissen zum klimagerechten Umbau des Gesundheitswesens

Berlin – Bewusstsein und Verantwortungsgefühl sind da, doch es fehlt an vielen Stellen noch der Blick für die praktische Umsetzung für einen klimagerechten Umbau des Gesundheitswesens: Für Ärzte ist es klar, dass „sie sich persönlich in der Verantwortung sehen, einen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten“.
In einer Umfrage der Stiftung Gesundheit im Auftrag der Deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit (Klug) sowie dem Centre for Planetary Health Policy (CPHP) stimmen dieser Aussage 80 bis 90 Prozent der Befragten zu, mit regionalen Unterschieden.
So ist die Zustimmung zum eigenen und persönlichen Beitrag in den fünf nördlichen Bundesländern am höchsten, gefolgt von den südlichen Bundesländern und den vier westlichen Bundesländern. In den östlichen Bundesländern liegt der Wert mit knapp 80 Prozent am niedrigsten. Die Ergebnisse der Befragung liegen dem Deutschen Ärzteblatt vor.
Für die Erhebung wurden mehr als 6.000 Führungskräfte in Krankenhäusern und Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) sowie 15.000 ambulant und stationär tägige Fachärztinnen und Fachärzte per E-Mail angeschrieben. In einem Onlinefragebogen wurde um Antworten gebeten, die Rücklaufquote liegt zwischen 1,3 (Führungskräfte) und 2,9 (Fachärzte) Prozent.
Demnach hält eine Mehrheit von 83 Prozent der Befragten die Reduktion der Emissionen im Gesundheitssektor für eine wichtige Maßnahme. Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind nach Meinung von 80 Prozent mit einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung vereinbar.
Betrachtet man den Arbeitsplatz in Gesundheitseinrichtungen, fallen die Ergebnisse anders aus: Nur 15 Prozent der befragten Führungskräfte in Kliniken geben an, dass Projekte zur Stärkung der Klimaresilienz in der betrieblichen Gesundheitsförderung beim eigenen Arbeitgeber berücksichtigt werden. Viele der Befragten konnten auch nicht beantworten, ob an der Stärkung der Klimaresilienz gearbeitet wird.
„Dies zeigt, dass Klima- und Nachhaltigkeitsaspekte in der strategischen Arbeit ungenügend verankert sind oder gegebenenfalls lediglich als Aufgabe einzelner Verantwortlicher behandelt werden“, schreiben die Autoren der Umfrage – auch in der Ausbildung ist das Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit bislang kaum ein Thema.
Es fehlt der Umfrage nach auch an den Verantwortlichkeiten in Gesundheitseinrichtungen wie Kliniken oder Medizinischen Versorgungszentren: So gaben fast drei Viertel der teilnehmenden Ärzten an, dass es in ihrer Einrichtung keine Verantwortlichen für die Umsetzung von Klimamaßnahmen gibt. 70 Prozent der Befragten bewerteten das als Hindernis für die Umsetzung von Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsprojekten.
Hier fordern die Autoren der Studie, dass es für jede Einrichtung entsprechende Verantwortlichen geben sollte. Vorbild könnte der National Health Service (NHS) in Großbritannien sein: Dort gibt es seit Juni 2022 die Vorgabe, dass jede Gesundheitseinrichtung eine Führungskraft haben muss, die für die Pläne zur Klimaneutralität verantwortlich ist.
Die Umsetzung der Maßnahmen zur Klimaneutralität liegt dann aber in der Verantwortung aller Beschäftigten. Daher sei das Thema zudem Teil der Ausbildung aller Gesundheitsfachberufe.
Aus Sicht der Autoren der Umfrageergebnisse sollte die Beschäftigung von Klimafachleuten in Klinken aber keine finanzielle Frage sein. Neben den Einsparmöglichkeiten bei Energiekosten gebe es auch viele Förderprogramme auf Bundes- und Landesebene. Allerdings habe eine andere Umfrage des Deutschen Krankenhausinstitutes Mitte dieses Jahres gezeigt, dass auch hier wenig Wissen vorherrscht.
Und selbst wenn die Programme bekannt sind, werden diese nicht genutzt. „Entscheidend ist also nicht nur, welche zusätzlichen Investitionen bereitgestellt werden, sondern wie Führungskräfte bestehende Gestaltungsmöglichkeiten besser nutzen können", so das Fazit der Autorinnen und Autoren.
Weitere Unwissenheit belegt die Umfrage auch bei der Erfassung von Emissionen der Einrichtung. Vielen Führungskräften ist demnach nicht bewusst, ob die Einrichtung dies systematisch erfasst. Allerdings wird der Erhebung dieses Wertes oftmals kein Nutzen beigemessen, wie die Befragung der ambulant und stationär tätigen Ärzte auch zeigt.
„Ob diese Befragten den Anteil ihrer eigenen Einrichtung als irrelevant ansehen oder die Erfassung der Emissionen nicht als zielführend für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen, bleibt offen“, heißt es dazu in der Befragung. Dabei trägt das deutsche Gesundheitswesen etwa fünf Prozent zu den nationalen Treibhausgasemissionen sowie fünf Prozent des Rohstoffverbrauchs bei. Anders als für andere Industriesektoren gelten für das Gesundheitswesen in Deutschland keine Reduktionsziele bei Treibhausgasen.
Bleibt die Frage, wer Ärzte über Strategien oder andere Projekte informieren sowie fort- und weiterbilden sollte. Hier vermissen laut einer anderen Befragung aus dem Jahr 2021 70 Prozent der Befragten die Informationen der Berufsverbände. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Praxen benötigen entsprechende Fortbildungen, heißt es weiter.
Für die Zukunft muss in medizinischen Einrichtungen mehr Resilienz gegenüber Extremwetterereignissen wie Hitzewellen erreicht werden. Dafür müssten Gefährdungsanalysen erstellt werden, die auch den Mitarbeitenden der Einrichtungen bekannt sind.
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