Aktion Psychisch Kranke mahnt mehr Teilhabe an

Berlin – Die Aktion Psychisch Kranke (APK) warnt vor einem gesellschaftlichen Rückschritt im Umgang mit psychisch kranken Menschen.
Statt mehr Zwang und Ausgrenzung brauche es ein kommunal verankertes Hilfesystem mit mehr Teilhabe, flexiblen Behandlungsformen und starken psychiatrischen Institutsambulanzen, mahnten Vertreterinnen und Vertreter der Organisation gestern anlässlich ihrer Jahrestagung in Berlin.
„Wir beobachten derzeit, dass nicht nur der Hilfebedarf von Menschen mit psychischen Erkrankungen zunimmt, sondern auch immer mehr Betroffene das Gefühl haben, nicht die Hilfe zu bekommen, die sie eigentlich brauchen“, erklärte die Vorsitzende der APK, Kirsten Kappert-Gonther (Grüne).
Gleichzeitig nähmen gesellschaftliche Belastungen zu – Wohnungslosigkeit, Armut, Existenzsorgen und Druck am Arbeitsplatz. „All das wirkt sich massiv auf die psychische Gesundheit aus“, so Kappert-Gonther.
Besonders beunruhigend sei, dass sich der gesellschaftliche und politische Umgang mit psychischen Erkrankungen verändert habe. Vor 50 Jahren habe mit der Psychiatrie-Enquete die Forderung im Mittelpunkt gestanden, aus einer menschenunfreundlichen Psychiatrie eine menschenfreundliche zu machen: mit offenen Türen, weniger Zwang und mehr Teilhabe.
„Heute gibt es dagegen wieder Stimmen, die vom psychiatrischen Hilfesystem erwarten, gesellschaftliche Probleme wie Aggressivität, Gewalt oder Wohnungslosigkeit durch mehr Ausgrenzung, mehr Restriktionen und mehr Zwang zu lösen“, kritisierte die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.
Zwang reduziere Gefährdung indes nicht automatisch, sondern erhöhe oft die Barrieren für Teilhabe. „Deshalb setzen wir uns weiterhin für ein menschenfreundliches, regional verankertes und kommunal gut vernetztes Hilfesystem ein“, sagte die APK-Vorsitzende.
Psychische Gesundheit hänge zudem stark davon ab, wie Menschen leben, sagte Kappert-Gonther. Wichtig sei, dass sie bezahlbaren Wohnraum haben, sich nicht einsam fühlen, Arbeit sie nicht überfordert oder unterfordert, und wie gut die Teilhabechancen insgesamt seien. Auch Begegnungsräume wie Parks, Bibliotheken oder kulturelle Orte könnten die psychische Gesundheit fördern.
Mehr flexible Hilfen aus dem Krankenhaus heraus
Konkret auf die Versorgung psychisch kranker Menschen bezogen, fordert die APK mehr flexible Hilfen aus dem Krankenhaus heraus, wie sie aus den sogenannten 64b-Modellprojekten bekannt sind. Der Paragraf 64b Sozialgesetzbuch V schafft einen gesetzlichen Rahmen, um neue, sektorenübergreifende Versorgungsformen in der Psychiatrie zu erproben, ohne sich an klassische stationäre oder ambulante Strukturen zu binden.
Des Weiteren hält die Organisation eine stärkere Förderung psychiatrischer Institutsambulanzen, mehr stationsäquivalente Leistungen, ein Monitoring von Zwangsmaßnahmen und vor allem eine konsequente Teilhabe für wichtig.
„Wir sind der Überzeugung, dass Teilhabeorientierung auch im psychiatrischen Versorgungssystem selbst noch zu wenig Maßstab ist. Es geht darum, Teilhabe nicht nur als rechtlichen Anspruch, sondern auch als Ziel und Erfolgskriterium von Behandlung zu verstehen. Menschen sollen unabhängig von Diagnosen am Leben teilhaben können“, betonte Katarina Stengler vom Vorstand der APK.
Ihr sei dabei bewusst, dass auch die ökonomischen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden müssten. „Deshalb geht es uns nicht darum, einfach immer nur ‚mehr‘ zu fordern – mehr Personal, mehr Geld, mehr Gebäude. Vielmehr müssen bestehende Systeme verändert werden“, sagte die Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig.
Die 64b-Modelle zeigten, dass Krankenhäuser sich öffnen und flexibler arbeiten können – nicht nur stationär, sondern auch tagesklinisch, ambulant und aufsuchend. Gleichzeitig heiße das aber auch, dass stationäre Kapazitäten reduziert werden müssten.
Außerdem sei das deutsche Versorgungssystem noch immer stark arztzentriert, konstatierte die Professorin. „Dabei zeigen internationale Erfahrungen und auch viele Beispiele hierzulande, dass andere Berufsgruppen sehr wohl wirksam in die Versorgung eingebunden werden können. Wenn wir die Versorgung wirklich verändern wollen, dann müssen sich Strukturen, Institutionen und auch Rollenbilder verändern“, forderte sie.
Kliniken brauchen Anreize, um ihre Versorgung umzubauen
Bei den 64b-Modellen sehe man durchaus Fortschritte: Es gebe inzwischen deutschlandweit 22 Projekte, also etwa sechs bis sieben Prozent der Betten im psychiatrischen Bereich und die Zahl wachse, berichtete Peter Brieger, stellvertretender Vorsitzender der APK und ärztlicher Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikum, Region München. „Der Schritt in die Regelversorgung ist indes ein echter Paradigmenwechsel. Kliniken brauchen Anreize, um ihre Versorgung umzubauen“, sagte er.
In Deutschland gebe es nach wie vor etwa doppelt so viele psychiatrische Betten wie in vielen anderen europäischen Ländern. Wenn Kliniken jedoch ein gesichertes Budget hätten, könnten sie Betten abbauen und stattdessen ambulante und aufsuchende Hilfen stärken. „Genau das ist ein Transformationsprozess, und solche Prozesse machen vielen Akteuren zunächst Angst – auch wenn sie rational sinnvoll und kostenneutral sein können“, sagte Brieger.
Nach Ansicht der APK müssten auch die psychiatrischen Institutsambulanzen gestärkt werden. Denn gerade Menschen, die noch nie in einer Klinik waren, hätten oft große Schwierigkeiten, ambulante psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe zu finden.
„Institutsambulanzen sollten deshalb auch solche Patientinnen und Patienten versorgen dürfen, ohne sie zuvor stationär aufnehmen zu müssen. Umgekehrt könnten sie nach einem stationären Aufenthalt die Versorgung übergangsweise sichern, bis ein Platz im niedergelassenen Bereich verfügbar ist“, forderte Brieger. Viele niedergelassene Psychiaterinnen und Psychiater würden das seiner Erfahrung nach nicht als Konkurrenz sehen, sondern als Entlastung, weil ihre Praxen ohnehin überfüllt seien.
Psychische Erkrankungen nicht mit Gewalt gleichsetzen
Darüber hinaus kritisierte die APK die Darstellung psychisch kranker Menschen in den Medien als Gefährder und betonte, dass psychische Erkrankungen nicht mit Gewalt gleichgesetzt werden dürften. „Diese Wahrnehmung ist problematisch. Objektiv sehen wir keine generelle Zunahme von Gewalttaten, die eine solche Darstellung rechtfertigen würde. Die Polizeistatistiken sind öffentlich einsehbar“, erklärte Brieger.
Insgesamt seien Menschen mit psychischen Erkrankungen weder gefährlicher noch ungefährlicher als die Allgemeinbevölkerung – oft allerdings sozial und ökonomisch benachteiligt durch ihre Erkrankung. Wenngleich gebe es einzelne Konstellationen, in denen psychische Erkrankungen mit Gefährlichkeit zusammenhängen können, etwa bei bestimmten psychotischen Erkrankungen.
„Aber das sind Einzelfälle und sie dürfen nicht die allgemeine Sicht auf psychische Erkrankungen prägen“, mahnte der Psychiater. Wenn man prognostisch auf Gewalt schaue, spielten andere Faktoren oft eine viel größere Rolle, etwa junges Alter oder bestimmte psychosoziale Belastungen.
Die Aktion Psychisch Kranke mit Sitz in Bonn ist ein gemeinnütziger, überparteilicher Verein, der seit 1971 Reformen zur besseren Versorgung psychisch kranker Menschen in Deutschland vorantreibt.
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