Allianz für Frauengesundheit gegründet: Bündnis fordert nationale Strategie

Berlin – Frauengesundheit in Deutschland sichtbarer, wirksamer und politisch stärker zu verankern ist das Ziel der Allianz für Frauengesundheit. Das neue sektorenübergreifende Bündnis von Akteurinnen aus Wissenschaft, Versorgung, Forschung, Wirtschaft und Industrie ist gestern Abend in Berlin offiziell an den Start gegangen.
In den kommenden Monaten will die Allianz für Frauengesundheit Handlungsbedarfe priorisieren, vorhandene Erkenntnisse bewerten und unterschiedliche Lösungsansätze in konkrete Vorschläge überführen. Die Ergebnisse sollen in die Eckpunkte für eine mögliche nationale Frauengesundheitsstrategie einfließen. Der Politik will die neue Allianz nach eigenen Angaben aufzeigen, welche dringend notwendigen Veränderungen sich innerhalb des deutschen Gesundheitssystems realisieren lassen.
Bereits vor der offiziellen Proklamation am Abend war bei der begleitenden Veranstaltung vielfach von einem „historischen Schritt“ die Rede. Man „schreibe Geschichte“, erklärten mehrere Rednerinnen. Sie wollen die bestehenden Unterschiede in Forschung, Diagnostik und Versorgung bei den Geschlechtern nicht länger hinnehmen. Frauen würden in der Medizin bis heute systematisch unterversorgt – bei Diagnosen, in der Forschung und in der Versorgung, betonten sie. Geschlechtsspezifische Unterschiede seien für zahlreiche Erkrankungen und Versorgungsbereiche wissenschaftlich belegt.
„In Deutschland gibt es bereits viel Wissen, starke Initiativen und Menschen, die Frauengesundheit seit Jahren vorantreiben“, sagte Cornelia Wanke, Ökonomin, langjährige Netzwerkerin im Gesundheitswesen und Mitinitiatorin der Allianz. Mit dem Bündnis wolle man diese Kräfte bündeln. „Frauengesundheit ist kein Nischenthema, sondern zentrale Frage einer zukunftsfähigen und gerechten Gesundheitsversorgung.“ Die neue Allianz wolle deshalb die Gesundheit von Frauen über alle Lebensphasen hinweg fördern. Dafür sollen Strukturen verändert, Themen sichtbarer gemacht und Frauen darin gestärkt werden, ihre Gesundheit selbstbestimmt und aktiv zu gestalten.
Unterstützung aus der Bundesregierung
Rückenstärkung erhielt die Allianz bei ihrer Gründung gestern aus der Bundespolitik. Christiane Schenderlein (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, begrüßte die Gründung der Allianz ausdrücklich. Das Ziel, die Gesundheit von Frauen über alle Lebensphasen hinweg zu stärken, entspreche dem Ziel des Bundesgesundheitsministeriums, versicherte sie.
Die Gesundheitsversorgung in Deutschland müsse im Sinne der geschlechtlichen Unterschiede von Frauen und Männern, Jungen und Mädchen neu gedacht, verbessert und geschlechtergerecht gestaltet werden, so Schenderlein. Dabei verwies sie auf die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Medizin. Der männliche Körper könne nicht länger als medizinische Norm betrachtet werden.
„Krankheiten äußern sich unterschiedlich. Medikamente wirken unterschiedlich. Risiken verteilen sich unterschiedlich, je nach biologischem Geschlecht und sozialen Realitäten“, sagte sie. Wer diese Unterschiede ignoriere, riskiere Fehldiagnosen. Geschlechtersensible Medizin sei daher „ein Qualitätsmerkmal moderner Gesundheitsversorgung“.
Auch die Politik wolle ihren Beitrag leisten, versprach Schenderlein gestern. Im Koalitionsvertrag sei festgehalten, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in Versorgung, Prävention und Forschung stärker berücksichtigt und Diskriminierung abgebaut werden sollten. Dies sei „ein klarer Auftrag“ für mehr Forschung, bessere Daten, moderne Lehre und eine Medizin, die allen Menschen gerecht werde.
Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) habe deshalb in seiner Ressortforschung einen Förderschwerpunkt Frauengesundheit aufgelegt, so Schenderlein. Gefördert würden zum einen Projekte für eine bessere patientinnenzentrierte Versorgung und zum anderen der Aufbau wissenschaftlicher Nachwuchsgruppen in der Versorgungsforschung für Frauen. Die Projektauswahl soll nach Angaben Schenderleins in Kürze veröffentlicht werden, die Projekte sollen zum Jahresbeginn 2027 starten. Nach Laufzeiten von drei beziehungsweise fünf Jahren erwarte man Ergebnisse, die bestehende Forschungslücken schließen könnten.
Schenderlein verwies zudem auf den im November 2025 von der damaligen Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) gestarteten „Dialogprozess Wechseljahre“. Dieser solle Verantwortliche aus zentralen Themenfeldern sowie aus Arbeitswelt und betrieblichem Gesundheitsmanagement zusammenbringen, Defizite und Bedarfe beleuchten und konkrete Verbesserungsmaßnahmen in den jeweiligen Zuständigkeitsbereichen vereinbaren. Ergebnisse sollen Schenderlein zufolge im Herbst dieses Jahres öffentlich präsentiert werden.
Auch die Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten müsse geschlechtersensibler werden, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin. Im Zuge der geplanten Reform des Medizinstudiums solle geschlechtersensible Medizin als eigenständiger Bereich in die Approbationsordnung für Ärzte aufgenommen werden.
Eine weitere zentrale Voraussetzung sei eine bessere Datenlage. Mit dem Medizinregistergesetz solle erreicht werden, dass hochwertige und strukturierte Daten in Medizinregistern leichter erhoben und besser genutzt werden können. Diese Daten eigneten sich besonders dafür, Qualität und Wirksamkeit von Behandlungen unter Alltagsbedingungen zu untersuchen und geschlechtsspezifische Fragen zu beantworten.
Ihre Unterstützung der Allianz Frauengesundheit brachte Dorothee Bär (CSU), Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, gestern in einem digitalen Grußwort zum Ausdruck. Dass Deutschland bei der Frauengesundheit noch immer „ein Entwicklungsland“ sei, wolle sie nicht hinnehmen, so Bär. In ihrem Ministerium sei deshalb ein eigenes Referat für Frauengesundheit eingerichtet worden. Dort würden unter anderem Projekte vorangetrieben, die die bestehende Unterrepräsentation von Frauen in der klinischen Forschung betreffen.
Der Nachholbedarf sei groß, so Bär. Zu lange hätten Frauen mit ihrem Leid leben müssen, ohne dass ihre Erfahrungen ausreichend berücksichtigt worden seien. Zugleich verwies sie auf die wirtschaftliche Bedeutung des Themas. Forschung zur Frauengesundheit stärke auch den Standort Deutschland und sei ein Motor für Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung, Wohlstand und Wohlergehen.
Unterstützung signalisierten im Rahmen einer politischen Diskussionsrunde zudem Emmi Zeulner (CSU), Mitglied des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages, und Tanja Machalet (SPD), Vorsitzende des Gesundheitsausschusses. Gemeinsam wollen sie darauf achten, dass ein Austausch der Allianz mit Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) tatsächlich stattfinde, versicherten sie.
Fokussieren will die Allianz ihre künftige Arbeit auf sechs zentrale Handlungsfelder. Sie will Frauengesundheit dauerhaft auf der politischen Agenda verankern, gendersensible Forschung fördern und Innovation ermöglichen sowie Versorgungslücken über alle Lebensphasen hinweg schließen. Ein gestern abgegebenes „Berliner Commitment“ soll dafür gemeinsame Verantwortung schaffen und konkrete Veränderungen anstoßen.
Nach Angaben der Allianz leben Frauen weltweit zwar länger als Männer, verbringen jedoch 25 Prozent mehr ihres Lebens in schlechter Gesundheit. Frauen und Mädchen machten rund die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Ihre bessere Gesundheitsversorgung könne zugleich Wirtschaft und Arbeitswelt stärken. Sie könne dazu beitragen, Fehlzeiten zu reduzieren, Frauen länger gesund im Berufsleben zu halten und ihre Teilhabe am Arbeitsmarkt zu stärken. Nach einer gemeinsamen Analyse des World Economic Forum und des McKinsey Health Institute könnte das Schließen der globalen gesundheitlichen Lücke zwischen Frauen und Männern bis 2040 einen zusätzlichen wirtschaftlichen Wert von mindestens einer Billion US-Dollar pro Jahr schaffen.
Yvonne Magwas, Bundestagsvizepräsidentin a. D., Abteilungsleiterin bei der BARMER und Mitinitiatorin der Allianz, hob gestern die Bedeutung einer Versorgung entlang der unterschiedlichen Lebensphasen hervor. Man müsse „von den isolierten Einzelangeboten hin zu Versorgungspfaden“ kommen. Dabei müssten die verschiedenen Lebensphasen und die individuellen Bedürfnisse von Frauen berücksichtigt werden.
Dies könne zu einem gesünderen Leben beitragen und langfristig auch die Versichertengemeinschaft finanziell entlasten. Eine nationale Strategie für Frauengesundheit müsse dazu jedoch verlässlich und langfristig angelegt sein. „Frauengesundheit darf nicht nur von Legislaturperioden abhängen“, sagte Magwas. Sie brauche langfristige Strukturen und eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung.
Begleitung durch wissenschaftlichen Beirat
Begleitet wird die Allianz von einem interdisziplinären wissenschaftlichen Beirat aus Expertinnen und Experten aus Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, Public Health, Gynäkologie und reproduktiver Gesundheit, kardiovaskulärer und metabolischer Gesundheit, psychischer Gesundheit, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz, Corporate Health sowie Pflege.
„Für nachhaltige Veränderungen reicht es nicht, Versorgungslücken zu benennen“, sagte Clarissa Kurscheid, Initiatorin der Allianz und Expertin für Versorgungsforschung. Auf Basis belastbarer Evidenz müsse verstanden werden, wo strukturelle Defizite entstünden, welche Ansätze wirksam seien und wie diese in die Versorgungsrealität übertragen werden könnten. Der wissenschaftliche Beirat solle zentrale Dimensionen der Frauengesundheit über den gesamten Lebensverlauf abdecken und medizinische ebenso wie strukturelle und gesellschaftliche Perspektiven integrieren.
Die Berliner Gynäkologin Mandy Mangler ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats und verwies gestern Abend auf bestehende Wissenslücken in der Medizin. In ihrer Ausbildung habe es immer wieder „weiße Flecken“ gegeben, bei denen Antworten gefehlt hätten, sagte sie und nannte unter anderem Endometriose sowie Fragen rund um die Menopause. Zugleich gebe es Benachteiligungen von Frauen in der Medizin auch außerhalb gynäkologischer Erkrankungen. Bei Herzinfarkten etwa warteten Frauen bei gleicher Schmerzstärke länger in der Notaufnahme, erhielten weniger Schmerzmittel und würden seltener reanimiert. All dies werde unter dem Begriff „Gender Health Gap“ zusammengefasst.
Diesbezüglich forderte auch Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, einen grundlegenden Perspektivwechsel. Gesundheit bedeute körperliches, mentales und soziales Wohlbefinden und nicht lediglich die Abwesenheit von Krankheiten. Deshalb sei es wichtig, über Unterschiede zu sprechen und personalisierte Medizin zu ermöglichen. Es sei ein „Skandal“, dass in Deutschland Studien durchgeführt würden, bei denen nicht einmal danach gefragt werde, ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen Frauen und Männern gebe oder andere soziokulturelle Faktoren Einfluss auf Therapietreue und Behandlung hätten. Dafür brauche es nicht zwingend neues Wissen, sondern „Veränderungen der Strukturen“.
Sylvia Thun, Professorin für Digitale Medizin und Interoperabilität auf Lebenszeit am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der neuen Allianz Frauengesundheit, stellte die Frage des Datenzugangs und der Datennutzung in den Mittelpunkt. Diese sei keine Aufgabe allein der Krankenkassen. Algorithmen müssten vielmehr gemeinsam, transparent und nachvollziehbar entwickelt und ausgetauscht werden, mahnte sie.
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