Barmer mahnt mehr Verbindlichkeit bei Patientensteuerung an

Berlin – Eine verbindlichere Patientensteuerung im Rahmen von Notfallbehandlungen forderte heute Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.
Zwar setze die jüngst beschlossene Notfallreform mit der telefonischen Ersteinschätzung durch eine Akutleitstelle einen richtigen Impuls. Für eine wirksame Steuerungsfunktion brauche es aber mehr als ein unverbindliches Angebot für eine Ersteinschätzung, sagte er.
Notwendig ist aus seiner Sicht eine verpflichtende telefonisch und perspektivisch digital unterstützte Ersteinschätzung mit verbindlicher Steuerung in die richtige Versorgungsebene.
„Die steigenden Fallzahlen ambulant behandelter Patientinnen und Patienten im Krankenhaus sind ein Grund für überlastete Notaufnahmen“, betonte Straub anlässlich der Vorstellung des aktuellen Krankenhausreports der Barmer. Doch bei weitem nicht jeder vermeintliche Notfall sei tatsächlich einer.
Er mahnte, es müsse sichergestellt werden, dass die Betroffenen in die richtige Versorgungsebene gelotst werden. „Dabei ist es zwingend erforderlich, dass diese ambulanten Versorgungsstrukturen, das heißt die vertragsärztlich tätigen Haus- und Fachärztinnen und -ärzte, die Patientinnen und Patienten übernehmen.“
Hohe Zahl ambulanter Notfallbehandlungen
Wie der Report zeigt, hat sich die Zahl ambulanter Notfallbehandlungen (2024: 12,7 Millionen) in deutschen Krankenhäusern binnen zehn Jahren im Schnitt um 8,7 Prozent erhöht. In jeder zehnten Klinik ist sie dabei auf mehr als das Doppelte angewachsen und in jeder weiteren zehnten Einrichtung um beinahe 50 Prozent. Etwa 60 Prozent der ambulanten Notfälle wurden ohne apparative Diagnostik abgeklärt.
Patienten könnten häufig die Dringlichkeit ihrer Beschwerden nicht richtig einschätzen, so Straub. Ohne klare Vorgaben sei deshalb der Erfolg der Notfallreform fraglich. Eine isolierte Diskussion über Integrierte Notfallzentren oder neue Strukturen im Krankenhaus greife aber zu kurz. Die Notfallreform müsse unter anderem zusammen mit dem geplanten Primärversorgungssystem gedacht werden. Dieses könne zur notwendigen Orientierung, Koordination und Verbindlichkeit beitragen.
Zudem gelte es, die „Versorgungslast intelligent auf mehrere Schultern“ zu verteilen, sagte Straub. Die Expertise nicht ärztlicher Gesundheitsberufe müsse abgestimmt in das System eingebunden werden – beispielsweise bei der Versorgung von Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen. Darüber hinaus müsse vermehrt eine aufsuchende Versorgung der Patienten im häuslichen Umfeld erfolgen. All diese Maßnahmen könnten wesentlich zu einer Entlastung der Notfallambulanzen in den Krankenhäusern beitragen.
„Bei der Versorgung von Patientinnen und Patienten bedarf es einer klaren Steuerung. Das allein reicht aber noch nicht aus“, fügte Daniel Grandt, Autor des Krankenhausreports, hinzu. Notwendig sei zusätzlich eine Informations- und Aufklärungskampagne für Patienten, die darüber informiere, wie Versorgungswege für medizinische Notfälle organisiert seien.
Auch Straub argumentierte in diese Richtung: Man müsse parallel zu der Umsetzung von gesetzlichen Regelungen das Verständnis für Veränderungen und die daraus resultierenden Vorteile befördern.
Grandt verwies auf das Beispiel Dänemark mit der dortigen verpflichtenden Ersteinschätzung. Sofern keine akute Lebensgefahr bestehe, müssten sich Patienten zunächst telefonisch beraten lassen und würden anschließend mit Termin in die passende Versorgungsstruktur weitergeleitet.
In Dänemark seien 42 Prozent der telefonischen Ersteinschätzungen bereits fallabschließend. Ein Hausarztbesuch oder eine Vorstellung im Krankenhaus seien nicht mehr notwendig. Auch bei den Patienten stoße das System offenbar auf Akzeptanz: Studien würden zeigen, dass 73 Prozent mit dieser Form der Notfallversorgung zufrieden seien.
Krankenhausgesellschaft sieht Kassen in der Pflicht
„In ihrem neuesten Krankenhausreport stellt die Barmer zutreffend fest, dass die Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser zunehmend überlastet sind und die Fallzahlen steigen“, kommentierte Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), den Krankenhausreport.
Es brauche einen Dreiklang, um diese Probleme zu lösen: Notaufnahmen müssten ausreichend finanziert sein, Patienten benötigten Versorgungsangebote im niedergelassenen Bereich und die Gesundheitskompetenz der Menschen müsse sich verbessern.
Insbesondere beim Aspekt der ausbaufähigen Gesundheitskompetenz seien die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen gefragt, so Gaß. Diese hätten mit „ihrem direkten Draht zu den Versicherten und ihren umfangreichen Etats für Öffentlichkeitsarbeit“ gute Möglichkeiten, die Situation konkret zu verbessern.
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