Experten: Lebenwelten gesünder gestalten statt mehr Screenings einführen

Berlin – In der Debatte über die Stärkung der Prävention hat eine Expertin vor einem vorschnellen Ausbau neuer Angebote gewarnt. Im Bereich von Früherkennung und Screenings könnten erhebliche Kosten entstehen, sagte die Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung, Gisela Nellessen-Martens, in einer gestern veröffentlichten Talkrunde des Marburger Bundes (MB).
Derzeit sehen nach ihren Worten viele Anbieter eine Gelegenheit, ihre Instrumente und Biomarker ins System zu drängen. „Das sollte möglichst vermieden werden“, sagte sie. Vom geplanten zweiten Bericht der Finanzkommission Gesundheit (FKG) erhoffe sie sich Zahlen und Daten zu dem Thema. Der nächste Bericht der Kommission wird bis zum Jahresende erwartet, es soll darin um mittel- bis langfristige Strukturreformen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gehen.
Mit ihren ersten Sparvorschlägen hatte die FKG kürzlich auch eine Diskussion über das Hautkrebsscreening bei symptomlosen Gesunden ab 35 Jahren angestoßen. Die Debatte begrüßte die 1. Vorsitzende des MB, Susanne Johna. Wenn das Screening tatsächlich nicht viel bringe, dann solle man dafür auch kein Geld ausgeben. Sie plädierte dafür, dass sich die Selbstverwaltung mit der Frage befassen müsse, konkret der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA).
Die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in der MB-Runde plädierten für einen Ausbau der Prävention dahingehend, dass die Lebensverhältnisse gesundheitsförderlicher werden. Die gesunde Wahl im Alltag müsse den Menschen erleichtert werden. Die Expertinnen und Experten sprachen sich dafür aus, dass möglichst bald die von der FKG vorgeschlagenen Lenkungssteuern auf Tabak, Alkohol und Zucker umgesetzt werden. Johna zufolge sollten diese Gelder dann 1:1 für Prävention genutzt werden.
Beim Thema Steuern sehe er eine wachsende Bereitschaft, wegen des hohen Drucks im System nun auch über den „politischen Schatten“ zu springen, sagte Johannes Wagner, Gesundheitsausschuss-Mitglied von den Grünen. Er sei durchaus optimistisch, dass Dinge umgesetzt würden, die in den vergangenen Jahren nicht möglich gewesen seien.
Für den Abteilungsleiter Prävention beim AOK-Bundesverband, Oliver Huizinga, gilt es, bei den „großen Treibern“ der Krankheitslast anzusetzen: Tabak, Alkohol, unausgewogene Ernährung und Bewegungsmangel – alles Bereiche, in denen Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bislang nur wenige Maßnahmen umsetze.
Diesbezüglich machten die Diskussionsteilnehmer auch eine Schieflage aus: Einerseits gebe es wenig staatliche Tabakprävention, andererseits sei nun etwa ein Lungenkrebsscreening für Raucher eingeführt worden.
Er finde es „sehr befremdlich“, dass man nicht strenger mit dem Rauchen umgehe, „bevor wir dann noch ein CT kostenlos anbieten“, sagte Wagner. Huizinga betonte, dass es natürlich wichtig sei, den Betroffenen zu helfen, jedoch dürfe man das „Pferd nicht mehr von hinten aufzäumen“.
Bei Screenings erinnerte Huizinga auch an die Schwäche des „Healthy Bias“: Die Angebote würden vor allem von Menschen genutzt, die sich ohnehin um ihre Gesundheit kümmern. In dem Bereich sehe er daher nicht die „große Aufholjagd".
Trotz der nun anstehenden Reformen bremste Johna die Erwartungen: „Die richtig großen Schritte, die wir gehen müssten, werden auch in dieser Legislatur nicht passieren“, sagte sie. Hemmschuh seien nötige Investitionen. Sie wünsche sich mehr Investitionen in Primär-, Sekundär und Tertiärprävention. Viele wichtige Settings zum Verbessern des Lebensstils, wie etwa Betriebe und Kommunen, würden bisher noch nicht oder zu wenig genutzt.
Weniger Einigkeit herrschte in der Diskussion zu der Frage, welche Spielräume Krankenkassen bei der Prävention bekommen sollten – ein Thema, das das Deutsche Ärzteblatt kürzlich auch im Interview mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, und dem Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub, besprochen hatte.
Dass es den Kassen bisher rechtlich nicht möglich sei, beispielsweise Versicherte, die sich mehrfach wegen Rückenschmerzen krank meldeten, gezielt auf für sie geeignete Gesundheitskurse wie Pilates hinzuweisen, bedauerte Huizinga vom AOK-Bundesverband. Solche Tools brauche es, um die vorhandenen Mittel gezielter einzusetzen.
Während sich Wagner für derartige Wege offen zeigte, kommentierte Nellessen-Martens den Vorschlag kritisch: Sie bemängelte, dass Prävention und Gesundheitsförderung stets zu sehr von der Krankheit aus gedacht würden. Es müsse vielmehr darum gehen, Menschen dazu zu befähigen, dass sie tagtäglich am Kapital Gesundheit arbeiteten.
Auch im Gesundheitswesen gingen diesbezüglich Chancen verloren – wichtig sei, dass Ärztinnen und Ärzte ihre Patienten beispielsweise an ausreichend Bewegung erinnerten, so Nellessen-Martens.
Für Huizinga ist nun jedenfalls ein günstiger Moment gekommen, um Fortschritte in der Prävention zu erzielen: „Die Krise der gesetzlichen Krankenversicherung ist letztlich eine Chance für die Prävention“, betonte er. Der Druck zum Heben ungenutzter Potenziale sei noch nie so hoch gewesen.
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