Fallzahlen in Praxen deutlich gestiegen: Kritik an mangelnder Finanzierung

Berlin – Die Fallzahlen in den Arztpraxen in Deutschland sind in der Coronapandemie nur marginal gesunken. Im Jahr 2022 haben sie das Vor-Corona-Niveau mit 578 Millionen Fällen sogar deutlich überstiegen. Das geht aus neuen Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hervor.
Die Zi-Berechnungen zeigen: Die rund 70.000 Haus- und Facharztpraxen in Deutschland erlebten im Jahr 2020 pandemiebedingt einen Rückgang der Fallzahlen von 3,4 Prozent auf 548 Millionen Fälle. Schon 2021 erreichten sie mit 565 Millionen fast wieder das vorpandemische Niveau (minus 0,8 Prozent gegenüber 2019).
Die steigende Inanspruchnahme hielt an: 2022 wurde mit fast 578 Millionen vertragsärztlichen Behandlungsfällen sogar mehr geleistet als vor der Pandemie. Eine andere Entwicklung zeigte sich in den Kliniken: Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts zeigen laut dem Zi, dass die Fallzahlen in den Krankenhäusern mit Beginn der COVID-19-Pandemie im Frühjahr 2020 um mehr als 13 Prozent eingebrochen sind und bis Ende 2022 auf diesem Niveau verharrten.
Das Zi kritisiert, dass die finanziellen Mittel der Versorgung nicht gefolgt sind. „Trotz des gesunkenen Fallzahlniveaus steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für die stationäre Versorgung unvermindert stark an“, sagte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dominik von Stillfried. So habe der stationäre Bereich 2022 im Vergleich zu 2019 9,7 Prozent Mehrkosten verursacht.
Dieser Trend setzte sich in den ersten drei Quartalen 2023 fort: Hier stiegen die entsprechenden Ausgaben um 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum an. „Zusätzlich erhielten die Kliniken während der Pandemie vom Bund Corona-Finanzhilfen in Höhe von 21,5 Milliarden Euro und für die Jahre 2023 und 2024 insgesamt weitere 6,4 Milliarden als Energie-Hilfen sowie für die Stärkung der Geburtshilfe und Pädiatrie“, so von Stillfried.
Anders im ambulanten Versorgungsbereich: Hier stiegen die Ausgaben zwischen 2019 und 2022 laut dem Zi um 7,9 Prozent. In den ersten drei Quartalen 2023 lag der Ausgabenanstieg für die ambulante Versorgung nur noch bei 1,1 Prozent. „Diese Veränderungen liegen im gesamten Zeitraum weit unterhalb der Inflationsrate. Da für die Praxen keine Bundeshilfen greifen, wird also real an der ambulanten Versorgung der 74 Millionen gesetzlich versicherten Patientinnen und Patienten gespart“, sagte der Zi-Vorstandsvorsitzende.
Das Missverhältnis zwischen immer stärker steigender Beanspruchung und real schrumpfender Finanzierung lasse immer mehr Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber frustriert zurück. „Nach unseren Berechnungen klafft in der ambulanten ärztlichen Versorgung eine Finanzierungslücke von mindestens 1,8 Milliarden Euro. Das spürt jede einzelne Praxis“, sagte von Stillfried.
Personalmangel, Bürokratielast, willkürliche Regressandrohungen sowie dysfunktionale Praxissoftware und Telematikinfrastruktur erschwerten die Situation. Das Zi fordert daher rasch „eine substanzielle Förderung der Praxisstrukturen“. „Sonst fehlen diese Praxisstrukturen bald spürbar – mit kaum umkehrbaren Negativfolgen für die medizinische Versorgung der Menschen in unserem Land“, warnte von Stillfried.
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