Ärzteschaft

Laut KBV-Umfrage schlechte Stimmung in der Ärzteschaft

  • Freitag, 8. Dezember 2023
/picture alliance, dpa, Christoph Schmidt
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Berlin – Äußerst sinnvoll, aber im Alltag durch zu wenig Zeit für die Patientinnen und Patienten und viele bürokratischen Aufgaben ausgebrannt: Diese Situation im Alltag der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte hat eine Meinungsumfrage des Zentralinstitutes für die vertragsärztliche Versorgung (Zi) ergeben, die anlässlich der heutigen Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vorgestellt wurde.

Demnach bewerten die mehr als 31.000 teilnehmenden Praxisinhaber ihre Arbeit in 98,1 Prozent als „nützlich und sinnvoll“, gleichzeitig sehen nur 26,6 Prozent genügend Zeit für die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Besonders wenig Zeit sehen offenbar die Hausärzte: Hier haben 13,6 Prozent genügend Zeit, bei den Fachärzten sind es 15,1 Prozent. Unter den Psychotherapeuten sind es 58,1 Prozent.

Den Arbeitsalltag bewerten 90,6 Prozent mit einer Vielzahl von bürokratischen und administrativen Aufgaben als überlastet an. 61,9 Prozent gaben an, dass sie sich durch ihre Arbeit „ausgebrannt“ fühlen. Aufgeschlüsselt nach Haus- und Fachärzten heißt dies: 72,7 Prozent der Hausärzte stimmen hier zu, 61,3 Prozent der Fachärzte. Unter den Psychotherapeuten sind dies 38,6 Prozent.

Fehlende Wertschätzung

Hinzu kommt, dass viele Niedergelassene ihre Arbeit nicht wertgeschätzt sehen: Weder werde die Leistung angemessen honoriert (85,4 Prozent), noch nehmen sie in der Politik eine Wertschätzung für ihre Arbeit wahr (91,3 Prozent). Zudem werde derzeit durch die geplanten Digitalisierungsbemühungen der Praxisablauf beeinträchtigt, sagen 87,7 Prozent der Teilnehmenden.

Dazu komme, dass der Personalmangel die Versorgung einschränke: So stimmten 82,2 Prozent der Aussage zu, dass es schwierig sei, geeignetes Praxispersonal zu finden. Daher schränke für 62,3 Prozent der Personalmangel die Versorgung ein. Unter Hausärzten bestätigen 75,4 Prozent dieses Problem, bei Fachärzten sind es 80,5 Prozent. Psychotherapeuten stimmen dem mit 20,5 Prozent zu.

Die Regressgefahren sehen 65,6 Prozent als Einschränkung für die Versorgung. Sogar 90,8 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Bürokratie und Digitalisierung die Versorgung derzeit einschränke. Auch das eigene Engagement in der ärztlichen Weiterbildung sei durch die Rahmenbedingungen erschwert, sagen 83 Prozent.

60 Prozent der Befragten überlegen, aus der Patientenversorgung auszuscheiden

Aus dieser Unzufriedenheit über die aktuellen Rahmenbedingungen – die Online-Umfrage wurde zwischen Mitte Oktober und Anfang Dezember durchgeführt – überlegen 60 Prozent der Befragten, früher aus der Patientenversorgung auszuscheiden. Unter Hausärzten sind es 69,6 Prozent, unter Fachärzten 70,8 Prozent, bei den Psychotherapeuten 35 Prozent.

Doch dann einen geeigneten Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden, macht 72,2 Prozent Sorgen. Auch hier ist es unter den Fachgruppen unterschiedlich verteilt: Bei den Hausärzten fürchten 86,6 Prozent, keinen Nachfolger zu finden, unter den Fachärzten sind es 85,7 Prozent. Bei den Psychotherapeuten sind es 36 Prozent. Wenn sie noch einmal wählen könnten, sagen allerdings 56,1 Prozent, dass sich noch einmal niederlassen wollen, 38,3 Prozent sehen das nicht so. Unter den Hausärzten bereuen 49,3 Prozent die Niederlassung nicht, 48,6 Prozent unter den Fachärzten würden sich wieder niederlassen und 74,8 Prozent unter den Psychotherapeuten ebenso.

Gerade mit dem Blick auf die Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern sehen rund 40 Prozent der Niedergelassenen bessere Rahmenbedingungen beim Personal – 37,7 Prozent sehen dies nicht. Auch die Finanzierung sei aus Sicht von 46,9 Prozent in der stationären Versorgung besser. Den größten Vorteil, den Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus haben, ist aus Sicht der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte der Einsatz von innovativen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden sowie von Arzneimitteln: So gaben 63,8 Prozent der Befragten an, hier bessere Rahmenbedingungen zu sehen, 15,6 Prozent verneinten diese Aussage.

Auch den Kurs der KBV-Führung, mit sieben Kernforderungen an die Politik heranzutreten, begrüßen die Ärztinnen und Ärzte: 97,9 Prozent sehen die tragfähige Finanzierung als wichtig an, sowie 94,2 Prozent die Abschaffung der Budgets und weniger Bürokratie (98,2 Prozent). Eine sinnvolle Digitalisierung unterstützen 95,1 Prozent sowie die Forderung nach weniger Bürokratie (98,2 Prozent). Eine stärkere Ambulantisierung sehen 78,3 Prozent als wichtig an, 84,9 Prozent unterstützen die Forderung nach mehr Weiterbildung in den Praxen.

Die Spitze der KBV sieht mit den Ergebnissen „die schlimmsten Befürchtungen übertroffen“. So formuliert es der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen. Man laufe in ein großes Versorgungsproblem, zudem werde die Praxistätigkeit durch die Digitalisierung derzeit erschwert. Der stellvertretende KBV-Vorsitzende Stephan Hofmeister sieht in den Ergebnissen, dass es gerade „sehr brennt“ in der Vertragsärzteschaft. Jeder vierte Arzt oder Ärztin hätte an der Umfrage teilgenommen, aus seiner Sicht so viele, wie selten bei berufsbezogenen Umfragen. Diese Sorge um die Zukunft der Versorgung müssten auch die Bürgerinnen und Bürger stärker betrachten, denn ihre Versorgung sei gefährdet. In der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz die Zukunft der Versorgung zu sehen, „ist zynisch, denn in den kommenden Jahren wird die Entwicklung uns nicht helfen“, so Hofmeister.

Zwei von drei Ärztinnen oder Ärzten fühlt sich ausgebrannt

Für Sibylle Steiner, KBV-Vorstandsmitglied, zeigt die Umfrage, dass die vermeintliche Digitalisierungs­feindlichkeit in der Ärzteschaft falsch sei. Es müsse an besseren Produkten gearbeitet werden. „Jede Minute für das Warten auf den Signaturabgleich beim elektronischen Rezept fehlt in der Versorgung“, so Steiner. „Die Politik muss endlich erkennen, was für eine entscheidende Rolle die Praxisverwaltungssysteme für die Digitalisierung spielen.“ Hofmeister bezifferte es sogar auf zwei Wochen Verlust an Arztzeit, die durch das Warten auf den Signaturabgleich fehlten.

„ich verbringe meine Zeit in der Praxis derzeit mit der Organisation der Lieferengpässe“, berichtete die Vorsitzende der Vertreterversammlung, Petra Reis-Berkowicz. Um die Wartezeit beim eRezept zu verkürzen, habe sie bereits ihre Sprechstunde umgestellt. Sie sehe es auch als großes Warnsignal, dass zwei von drei Ärztinnen und Ärzten sich ausgebrannt fühlten. Die Bedingungen in der Versorgung schreckten auch das Personal ab, das in viele andere Bereiche im Gesundheitswesen abwandere. „Wenn der Minister diesen Weckruf nicht hört oder versteht, dann hat er seinen Job nicht verstanden“, so Reis-Berkowicz.

bee

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