Ärzteschaft

Hartmannbund: Fehlverhalten in der Medizin mit neuen Arbeitsstrukturen bekämpfen

  • Dienstag, 3. November 2026
/Akter, stock.adobe.com
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Berlin – Der Hartmannbund drängt auf ein Umdenken bei der Organisation von Arbeit in Krankenhäusern. Dazu zählen das Ende einer „traditionellen, pyramidenförmigen Chefarzt-Hierarchie“ und Abhängigkeiten bei der beruflichen Entwicklung. Auch müssten Machtmissbrauch, sexuelle Belästigung und Diskriminierung von allen ärztlichen Organisationen klarer bekämpft werden.

„Die traditionelle, pyramidenförmige Chefarzt-Hierarchie an deutschen Kliniken ist in dieser Form nicht mehr zeitgemäß“, heißt es in ein einem Antrag, den die Delegierten bei der Hauptversammlung Ende der vergangenen Woche in Berlin beschlossen haben.

Sie bündele eine immense Machtfülle bei Einzelpersonen, sie behindere moderne, flexible Arbeitszeitmodelle und sie erzeuge Abhängigkeiten, die die Qualität der medizinischen Ausbildung gefährden könnten. Und weiter: „Die entscheidende Frage ist, wie sich notwendige fachliche Verantwortung erhalten lässt, ohne daraus einseitige Macht über andere abzuleiten.“

Auch beim Thema Machtmissbrauch, Belästigung, Sexualisierung und Diskriminierung verlangt der Hartmannbund von den ärztlichen Organisationen „verbindliche Maßnahmen“ bei Grenzverletzungen. Adressaten dafür sind Ärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenhausträger, Fakultäten und Berufsverbände.

Hintergrund sind die Äußerungen von Medizinstudentinnen auf dem Deutschen Ärztetag in Hannover in diesem Jahr, die dort von Belästigungen und unangemessenem Verhalten berichteten. In der Folge wurde das Thema Machtmissbrauch in der Medizin intensiv diskutiert. Mehrere ärztliche Verbände, wie beispielsweise der Marburger Bund sowie der Ärztinnenbund legten dazu Forderungen vor. Bundesärztekammer und die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland waren sich nach einem gemeinsamen Gespräch einig, „dass es baldmöglichst klare Regeln, verlässliche Strukturen und wirksame Präventionsmaßnahmen braucht, um Grenzüberschreitungen wirksam zu begegnen“. Eine Studie aus Würzburg hatte deutlich gemacht, dass es sich bei Belästigungen in der Klinik nicht um Einzelfälle handelt.

Fachliche Erfahrung und neue Arbeitsstrukturen

In beiden Anträgen auf der Hauptversammlung des Hartmannbundes wird dafür geworben, dass die Arbeitsstrukturen modernisiert werden, gleichzeitig aber die fachliche Expertise nicht infrage gestellt wird.

„Fachliche Erfahrung begründet die notwendige Autorität in medizinischen Fragen. Problematisch wird es jedoch dort, wo fachliche Verantwortung mit persönlichen Abhängigkeiten verknüpft wird,“ heißt es in dem Antrag. Die berufliche Entwicklung sowie Karriereentscheidungen dürften nicht „maßgeblich von einzelnen Personen abhängen“.

„Eine moderne Krankenhausorganisation muss deshalb fachliche Führung ermöglichen, ohne zugleich unnötige persönliche Abhängigkeiten zu schaffen. Maßgeblich für die berufliche Entwicklung müssen ausschließlich fachliche Leistungen und deren transparente, nachvollziehbare Bewertung sein, nicht individuelle Willkür oder persönliche Loyalitäten", heißt es in dem Text weiter.

Wer Nachteile für die eigene Weiterbildung oder Karriere befürchten müsse, werde Missstände seltener ansprechen. Hierarchische Machtstrukturen könnten dadurch eine „Kultur des Schweigens“ begünstigen. Um die Situation zu verbessern, sind aus Sicht des Hartmannbundes zwei „gesetzliche und organisatorische Neuausrichtungen“ notwendig.

So gehörten Selbstreflexion, Kritikfähigkeit und Integrität zur Grundlage von wirksamem Führungshandeln, heißt es. „Ärztliche Führungskräfte müssen deshalb Vorbilder sein, wenn es darum geht, Macht verantwortungsvoll auszuüben, Widerspruch zuzulassen und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Fehlverhalten offen angesprochen werden kann.“ Um diese kollegiale Führung, die von vielen Führungskräften „bereits heute gelebt“ werde, auch „nachhaltig zu stärken“ brauche es „verlässliche organisatorische Rahmenbedingungen“.

Forderungen nach gemischten Teams

Um dies zu erreichen, fordert der Hartmannbund geschlechtergemischte Teams. „Wir müssen sowohl in den Klinikabteilungen als auch in den Klinikleitungen zu einem ausgewogeneren kollegialen Verhältnis zwischen den Geschlechtern kommen, da gemischtgeschlechtliche Führungsteams die Hemmschwelle für kritisches Feedback senken.“

Auch haben sich die Delegierten dafür ausgesprochen, die „an eine einzelne Personen gebundene Weiterbildungsbefugnis“ möglicherweise in die „gemeinsame Verantwortung eines Ärzteteams“ zu überführen. „Wenn die berufliche Existenz von Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung davon abhängt, ob nur der Chefarzt die elektronische Dokumentation gegenzeichnet oder OP-Zeiten zuteilt, kann ein gefährliches System von Abhängigkeiten entstehen“, heißt es in dem Antrag weiter.

Um das Ziel einer „Null-Toleranz-Kultur“ für Fehlverhalten in verschiedenen Bereichen zu erreichen, hat der Verband sechs Maßnahmen in einem weiteren Antrag vorgeschlagen: So müssten alle Einrichtungen des Gesundheitswesens anonyme Anlaufstellen und transparente Verfahren zum Umgang mit Fehlverhalten sicherstellen. Dazu zählten auch die Zeiten in den Famulaturen sowie im Praktischen Jahr.

Wer problematisches Verhalten melde, müsse vor Repressalien besonders in Bezug auf die Aus- und Weiterbildung, geschützt werden. Prävention sowie Führungskultur müssten gestärkt werden, in dem der Umgang mit Machtmissbrauch, Diskriminierung, Belästigung und Grenzverletzungen Teil von Fort- und Weiterbildung sowie Qualifizierungen werde.

Als vierter Punkt wird gefordert, dass es „verbindliche Standards für Gremien und ärztliche Veranstaltungen“ geben muss, bei denen Verhaltenskodizes gelten, ebenso wie Schutzkonzepte, unabhängige Vertrauenspersonen sowie transparente Meldewege, wenn entsprechende Vorfälle gemeldet werden.

Teil des Qualitätsmanagements in der ambulanten sowie stationären Versorgung soll auch der Schutz vor Druck, Benachteiligung, Belästigung und Diskriminierung werden. Zudem sollen medizinische Fakultäten und Lehrkrankenhäuser „regelmäßig und anonymisiert“ die Maßnahmen und Fälle von Diskriminierung und Fehlverhalten veröffentlichen.

bee

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