Ärzteschaft

Hausärztetag: Primärversorgungssystem braucht „mentalen Kurswechsel“

  • Freitag, 11. September 2026
Nicola Buhlinger-Göpfarth und Markus Blumenthal-Beier /HÄV/Marco Urban
Nicola Buhlinger-Göpfarth und Markus Blumenthal-Beier /HÄV/Marco Urban
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Berlin – Vor der Umsetzung des geplanten Primärversorgungssystems braucht es bei einigen Akteuren einen „mentalen Kurswechsel“. Das betonte heute Markus Blumenthal-Beier, Co-Bundesvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands.

Anlässlich des 47. Hausärztinnen- und Hausärztetages warnte er mit Blick auf jüngste Umfrageergebnisse, insbesondere die Politik dürfe den „wachsenden Frust der Hausarztpraxen“ nicht unbeantwortet lassen.

Im Rahmen der Mitgliederbefragung gaben knapp 80 Prozent der Hausarztpraxen an, dass die Attraktivität ihres Berufes in den vergangenen fünf Jahren abgenommen habe. Dieses „Warnsignal“ sei eine Folge davon, dass die Praxen ohne adäquate beziehungsweise bei sinkender Vergütung immer mehr Aufgaben übernehmen sollten, so Blumenthal-Beier.

In diesem Zusammenhang bewertete er Diskussionen um neue Zugangswege in die Primärversorgung und eine 24/7-Versorgung höchst kritisch. Ein funktionierendes Primärversorgungssystem müsse auf den Hausarztpraxen fußen. „Nur weil kranke Menschen durch eine Apothekentür gehen können, ist dies keine Primärversorgung.“ Auch eine verpflichtende digitale Steuerung durch Kassen-Apps lehne man strikt ab.

Gegen solche „irrigen Meinungen“ werde man ankämpfen und gegebenenfalls auch die Versorgung „lahmlegen“. Der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) dürfe den „Kasseneinflüsterungen“ nicht nachkommen, mahnte Blumenthal-Beier.

Nicola Buhlinger-Göpfarth, Co-Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, sagte, man befinde sich in Zeiten grundlegender Umbrüche in der medizinischen Versorgung – hier bewegten sich leider einige Akteure im Rahmen falscher Vorstellungen. Eine Steuerung durch Krankenkassen sei schlicht „nicht zu akzeptieren“.

Eine solche Kontrolle über die Leistungserbringung bringe kein besseres System, sondern ersetze persönliche Begleitung durch eine starre Verwaltung. Buhlinger-Göpfarth warnte, dies sei der „Gegenentwurf“ zu einer Primärversorgung auf Grundlage einer Beziehungsmedizin.

Wer die Zukunft der Versorgung sinnvoll gestalten wolle, komme an den Hausarztpraxen nicht vorbei, betonte Buhlinger-Göpfarth. Als Verband mache man trotz zunehmenden Drucks auf die Praxen konkrete und umsetzbare Angebote an die Politik.

Hausarztpraxen können Primärversorgungssystem stemmen

Die hausärztlichen Praxen und ihre Teams können – die richtigen Rahmenbedingungen vorausgesetzt – ein Primärversorgungssystem stemmen, so die übereinstimmende Meinung der Delegierten des Hausärztetages. Laura Dalhaus, Hausärztin in Westfalen-Lippe, betonte beispielsweise, man sei in der Lage, die vorgelegten Konzepte umzusetzen und könne dies auch selbstbewusst vertreten.

Mehrfach wurde im Zusammenhang mit den Rollenbildern in einem künftigen Primärversorgungssystem ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nur die hausärztlichen Teams über die notwendige Kompetenz verfügen. Fallabschließende Behandlungen seien demjenigen möglich, der den Gesamtüberblick habe – und das seien die Hausarztpraxen, sagte Nils Vogel, Hausarzt in Nordrhein.

Die Politik müsse sich im Endeffekt daran messen lassen, ob die Qualität der Versorgung nach den anstehenden Strukturreformen auch in Zukunft gewährleistet bleibt, so Oliver Funken, ebenfalls Nordrhein.

Im einstimmig angenommenen Leitantrag des Hausärztetages heißt es, ein verbindliches und flächendeckendes hausärztliches Primärversorgungssystem stelle die richtige Antwort auf die bestehenden Herausforderungen – wie demografischer Wandel, Fachkräftemangel und komplexere Versorgung – dar. Die Einführung eines solchen Systems könne nur „auf der Grundlage starker Hausarztpraxen und einer starken Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) erfolgreich“ sein.

Die Delegierten forderten die Umsetzung „klarer qualitativer Mindeststandards“ ein. Erste Anlaufstelle und zentrale steuernde Instanz müssten die hausärztlichen Praxen sein, so der Beschluss. „Für die Wahrnehmung dieser Aufgaben müssen die bestehenden modernen, interprofessionellen Primärversorgungsstrukturen innerhalb der Hausarztpraxen konsequent gefördert und weiter ausgebaut werden.“

Weitere Beschlüsse gab es unter anderem zur Digitalisierung und zu den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels beziehungsweise von Hitzewellen.

aha

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