Politik

Integrierte Versorgung: Gute Ansätze, aber Luft nach oben

  • Donnerstag, 26. März 2026
/picture alliance, Benjamin Nolte
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Berlin – Beim Überwinden von Sektorengrenzen im Gesundheitswesen besteht in Deutschland noch viel Luft nach oben. Es gebe in den Bundesländern und Kommunen gute Beispiele, aber man müsse noch viel besser werden, auch in Bezug auf die Anschlussfinanzierung von Projekten und den rechtlichen Rahmen, sagte die Berliner Gesundheitsstaatssekretärin Ellen Haußdörfer (SPD) heute in Berlin beim Bundeskongress der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung (DGIV).

Dabei ging es unter anderem um die Fragen, wie Gesundheitsversorgung stärker an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet und vor Ort gestaltet werden kann. Brandenburgs ehemalige Gesundheitsministerin Britta Müller (parteilos) betonte, es sei in Anbetracht der leeren Kassen wichtig, die Versorgung anders und effizienter zu gestalten, etwa indem unnötige stationäre Aufenthalte vermieden und Versorgungsbrüche reduziert werden. „Wir werden uns ineffiziente Strukturen nicht mehr leisten können.“

Müller stellte als Gesundheitswissenschaftlerin den von ihr entwickelten Versorgungsansatz „Stambulant“ vor. Den Begriff habe sie aus dem Pflegebereich in den medizinischen Sektor übertragen. Hintergrund: Bisher erlebten Menschen das Gesundheitssystem oft nicht als zusammenhängend, sondern es gebe immer wieder Brüche zwischen Arztgruppen und Sektoren. Zentrale Herausforderung sei, die Versorgung so zu organisieren, dass sie für Menschen funktioniere und nicht für Systeme.

Mit „Stambulant“ beschreibe sie keinen neuen, zusätzlichen Sektor, sondern eine Zwischenebene, erläuterte Müller. Es gehe um den Bereich zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Diese solle nicht nach Zuständigkeiten, sondern nach Notwendigkeiten organisiert werden. Der Begriff werde auch bereits gelebt, etwa mit ambulanten Operationen und tagesklinischen Leistungen.

Müller: Demokratiefestigkeit hänge an Versorgungsstrukturen

Für ambulant-stationäre Strukturen fehlten aber noch Förderstrukturen, auch vom Bund, hielt sie fest. Noch in ihrer Amtszeit als Ministerin habe man etwa die „Poliklinik deluxe“ in Wittstock aus dem Landeshaushalt umgesetzt. Damit soll in Anbetracht einer Klinikschließung im Zuge der Krankenhausreform die Versorgung gesichert werden.

Wichtig sei daher die Beteiligung einer örtlichen Bürgerinitiative gewesen, sagte Müller. Derartige Partizipation sei heutzutage wichtiger als noch vor 20 Jahren. Man müsse nicht nur erklären, dürfe die Menschen nicht nur „mitnehmen“, sondern müsse sie beteiligen. Das Signal, das man in Wittstock versucht habe zu senden: „Ihr werdet ein Versorgungsangebot haben, was anders ist. (...) Aber ihr werdet eine Versorgung vor Ort haben, 24/7, auch Notfallstrukturen und Ärzte, alles unter einem Dach.“

Für Politiker sei das auch ein Signal: „Wittstock wird nicht den Rechtsradikalen der AfD überlassen“, so Müller. Bürger vor Ort hätten nach ihrer Wahrnehmung nun wieder Vertrauen gewonnen in die Politik.

Integrierte Versorgungszentren in Berlin

Für Berlin stellte Gesundheitsstaatssekretärin Haußdörfer unter anderem das Landesprogramm integrierte Versorgung mit vier Zentren in den Bezirken Neukölln, Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Spandau vor. Es handle sich um eine Versorgungsform, bei der den Menschen im Kontext der ambulanten Primärversorgung auch niedrigschwellige Präventions- und Gesundheitsförderungs- sowie Sozialberatungsangebote gemacht würden.

In der multiprofessionellen Zusammenarbeit könne man gut auf die teils sehr komplexen Bedarfe eingehen, schilderte Haußdörfer. Menschen kämen dorthin nicht nur mit Gesundheitsbeschwerden, sondern etwa auch wenn sie eine Räumungsklage erhalten haben oder keine Teilhabeleistungen mehr bekommen.

Trotz der Wichtigkeit des Angebot sei es auch eine Herausforderung, die Zentren zu finanzieren, führte Haußdörfer aus. Es brauche für derartige Vorhaben eine Planungsperspektive. „Wir brauchen lieber fünf gut evaluierte Projekte, die auch in die Regelfinanzierung kommen, als 50 Projekte, die dann irgendwie absterben“, betonte sie.

Auch mit dem Auslaufen des Pakts für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) – für dessen Fortbestehen sich die Länder eingesetzt hatten – stürben in den Kommunen wichtige Projekte, mahnte sie.

Großer Zulauf bei ASV-Teams

Die Staatssekretärin hob zudem die ambulante spezialfachärztliche Versorgung hervor, mit der versucht werde, ambulante und stationäre Versorgung zu vernetzen. Es gebe in Berlin inzwischen 100 Teams mit Ärztinnen und Ärzten aus beiden Sektoren, der Zulauf in den vergangenen zwei Jahren sei groß gewesen. Thematisiert würden komplexe Erkrankungen, etwa in der Onkologie, aber auch Rheuma. Dafür wünsche man sich größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und teils auch in der Fachöffentlichkeit.

Aus Thüringen berichtete Gesundheitsstaatssekretärin Tina Rudolph (SPD) von der Gründung einer Akutpraxis in Gera, wo es 20 offene Arztsitze gebe – und viele Menschen keinen Hausarzt mehr fänden, darunter auch Gruppen mit Migrationsgeschichte, Sprachbarrieren und Schwierigkeiten, sich im hiesigen Gesundheitssystem zurechtzufinden.

Das mit der Kassenärztlichen Vereinigung gegründete Angebot ähnele dem der Berliner integrierten Versorgungszentren, mit niedrigschwelligem Zugang, längeren Öffnungszeiten und Dolmetscherleistungen bei Bedarf, so Rudolph. „Das wird extrem gut angenommen.“

Die Praxis sei auch der erste Standort, an dem Physician Assistants zum Einsatz kämen. Dafür gebe es allerdings noch keine Finanzierungsgrundlage. Insgesamt plädierte Rudolph für sektorenübergreifende Versorgungszentren mit beiden Anteilen und einer guten Finanzierung dafür.

ggr

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