KBV erneuert Ruf nach mehr Studienplätzen für Humanmedizin

Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat sich kurz vor dem 122. Deutschen Ärztetag in Münster für eine deutliche Erhöhung der Studienplätze für Humanmedizin ausgesprochen. Mit den Nachwuchsmedizinern, die derzeit in Ausbildung seien, könne der künftige Bedarf nicht gedeckt werden, sagte Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzende der KBV. Dafür seien bis zum Jahr 2035 jedes Jahr bis zu 6.000 Studienplätze zusätzlich notwendig.
Der KBV-Chef berief sich auf eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Er mahnte, die Bundesländer müssten dringend die Kapazitäten an den Hochschulen erhöhen. Es räche sich, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Zahl der Studienplätze stark abgebaut worden sei.
Gassen warnte vor einer Verschlechterung der ärztlichen Versorgung. Aufgrund des zeitlich verzögerten Effekts droht der Versorgungsgrad in der vertragsärztlichen Versorgung, gemessen am heutigen Niveau, auf 74 Prozent zu sinken, so die Berechnungen des Zi. Dabei sei die heutige Nettozuwanderung von 1.639 ausländischen Ärzten pro Jahr schon mit eingerechnet.
Um den Status quo in der ambulanten Versorgung aufrechtzuerhalten, müssten sich demnach jedes Jahr weitere 3.600 Fachärzte aus dem Ausland in Deutschland niederlassen. „Das kann aber aus unserer Sicht nicht die Lösung sein – wir sollten den sogenannten Braindrain, also die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte aus ihren Herkunftsländern, nicht auch noch unterstützen und so das Ausbluten der dortigen Versorgung billigend in Kauf nehmen“, betonte der KBV-Chef.
Technologischer Fortschritt nicht alleinige Lösung
Gleichzeitig warnte er: „Wer glaubt, dass sich diese Herausforderungen im Zuge des technologischen Fortschritts quasi von selbst erledigen und der Ärztemangel mithilfe der Digitalisierung oder durch das Verlagern von ärztlichen Aufgaben auf nichtärztliche Gesundheitsberufe kompensieren lässt, der ist auf dem Holzweg."
Selbst wenn der Anteil von Telemedizin in den kommenden Jahren deutlich zunehmen sollte, bedürfe es immer noch eines Arztes am Ende der Leitung. Und eine richtige Behandlung, bei der Ärzte den Patienten insgesamt sehen und anfassen können müsse, könne ohnehin nicht per Bildschirm stattfinden.
Nach aktuellen Berechnungen des Zi fehlen in Deutschland jährlich bis zu 6.000 Studienplätze im Fach Humanmedizin – wenn die aktuelle ambulante Versorgungsleistung bis 2035 aufrechterhalten werden soll. Abhängig vom Ausbildungserfolg der zukünftigen Studierenden, der Dauer der Weiterbildung und der beruflichen Orientierung variiert die Projektion zwischen 6.000 (75 Prozent der Studienanfänger werden innerhalb von 15 Jahren Facharzt) und 3.000 fehlender Studienplätze (Facharztquote von 92 Prozent) pro Jahr.
Im günstigen Fall müssten sich neun von zehn erfolgreichen Absolventen für die medizinische Versorgung und gegen eine Anstellung in Forschung oder Industrie entscheiden. Die Projektion zeigt dem Zi zufolge, dass der vertragsärztliche Versorgungsgrad bis 2035 auf 74 Prozent des heutigen Niveaus absinken könnte – selbst wenn es weiterhin gelingt, die heutige Nettozuwanderung in Höhe von 1.639 Ärzten pro Jahr nach Deutschland aufrechtzuerhalten. Allein eine Steigerung der Zuwanderung um etwa 3.600 Fachärzte pro Jahr würde das medizinische Versorgungsniveau in Deutschland bis 2035 stabilisieren.
„Deutschland ist kurz- und mittelfristig darauf angewiesen, dass der Zuzug von Ärzten und Fachärzten aus dem Ausland erheblich steigt“, sagte Zi-Geschäftsführer Dominik von Stillfried in Berlin. Nur so könne das gewohnte ambulante Versorgungsniveau gehalten werden. Selbst wenn 2020 die Studienplatzkapazitäten im Fach Humanmedizin von derzeit 11.000 Plätzen um 30 bis 50 Prozent erhöht würden, wären die Auswirkungen in der vertragsärztlichen Versorgung erst nach 15 Jahren im Jahr 2035 zu spüren.
Wettbewerb wird deutlich zunehmen
In der Zwischenzeit zeigen sich laut Zi die Folgen des Studienplatzabbaus in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Der Wettbewerb um ausgebildete Mediziner und Fachärzte werde in den nächsten zehn Jahren extrem zunehmen, prognostiziert das Zi. Es werde spürbar schwieriger werden, das heutige medizinische Leistungsangebot flächendeckend zu garantieren und zu verhindern, dass strukturschwächere Regionen benachteiligt werden.
Wenn das bisherige Niveau der medizinischen Versorgung in Zukunft auch nur annähernd aufrechterhalten werden solle, sei eine substanzielle Steigerung der Ausbildungskapazität durch die Bundesländer im Fach der Humanmedizin unabdingbar, so von Stillfried. Um die verfügbare Arztzeit möglichst zur Patientenversorgung zu nutzen und die Attraktivität der Niederlassung weiter zu steigern, sollte die ärztliche Tätigkeit in der stationären und ambulanten Versorgung zudem konsequent von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, so der Zi-Chef.
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