Ärzteschaft

KBV-Vize Hofmeister beklagt Planungsdefizite des BMG bei Coronaschutz­impfungen

  • Freitag, 2. Dezember 2022
Stephan Hofmeister, stellvertretender KBV-Vorstandsvorsitzender, kritisierte in seiner Rede vor den KBV-VV-Delegierten das BMG. /KBV
Stephan Hofmeister, stellvertretender KBV-Vorstandsvorsitzender, kritisierte in seiner Rede vor den KBV-VV-Delegierten das BMG. /KBV

Berlin – Vor einem drohenden Chaos bei einer Überführung der Coronaschutzimpfungen in die Regelver­sor­gung bereits zu Anfang 2023 hat heute Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kas­sen­ärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die Politik gewarnt.

„Wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, mitten in der Hochphase für Atemwegserkrankungen das mittlerweile einigermaßen funktionierende Verfahren ändern zu wollen, ist mir schleierhaft“, kritisierte Hof­meister im Rahmen der KBV-Vertreterversammlung. Die COVID-19-Schutzimpfung in die Regelversorgung zu überführen sei grundsätzlich richtig, könne aber nicht in einer „Hauruck-Aktion“ umgesetzt werden.

Es sei „mindestens sportlich“ zu nennen, wenn vier Wochen vor Jahreswechsel und vor Auslaufen der aktuellen Impf­verordnung noch nicht klar ist, ob und wenn ja wie diese weiter gilt.

Viele Rahmenbedingungen seien noch nicht geklärt, so Hofmeister. Aus KBV-Sicht bedürfe es unter anderem einer Anpassung der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) – denn diese beziehe sich bislang nur auf die Sondersituation der Pandemie. Fragen seien auch bezüglich der Lieferwege und zu der „Notwen­digkeit“, dass Praxen aufgrund der geringen Nachfrage Einzeldosen erhalten müssten, offen.

All das sei nicht ohne entsprechenden zeitlichen Vorlauf zu regeln, ansonsten drohe Organisationschaos „bis hin zu der Konsequenz, dass ab Januar gar keine Coronaschutzimpfungen mehr erfolgen könnten, was ein völliges Unding wäre“, warnte Hofmeister.

Die im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) gegen die Stimmen der KBV getroffene Entscheidung, die COVID-Impfung „prophylaktisch“ in eine Schutzimpfungsrichtlinie zu überführen, löse das Problem eben nicht, erklärte der KBV-Vize. „Sollte die aktuelle Coronaimpfverordnung nicht verlängert werden, gibt es kein realis­tisches Szenario, wie auf Basis einer Schutzimpfungsrichtlinie des G-BA getroffener regionaler Impfverein­barungen zum 1. Januar 2023 die Impfungen fortgesetzt werden könnten.“

Hofmeister beklagte zudem die von den Praxen geforderte kleinteilige Impfdokumentation. „Die überbor­den­den Meldevorgaben sind nicht mehr zeitgemäß und müssen dringend an das Prozedere bei anderen Imp­fun­gen angepasst werden.“

Der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende kritisierte grundsätzlich, dass die Ärzteschaft von Bundes­gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nicht in Reformvorhaben eingebunden werde. Unter Lauterbach würden Gesetzes- und Verordnungsentwürfe „überwiegend kommentarlos vorgelegt, und das häufig extrem kurzfristig“. Ein offizieller Dialog finde kaum statt.

Als eine der größten Herausforderungen nannte Hofmeister den Arztzeitmangel. „Während die Nachfrage nach Leistungen durch die demografische Entwicklung quasi automatisch steigt, gehen die zur Verfügung stehen­den ärztlichen Ressourcen zurück.“ Schon jetzt übersteige die Nachfrage nach schnell verfügbaren Terminen im ambulanten Bereich häufig das Angebot.

Neue Strukturen – beispielsweise mit Primärversorgungszentren oder Gesundheitskiosken – zu schaffen, stelle keine Lösung dar. Ihm bereiteten entsprechende Überlegungen und Vorhaben „echte Sorgen“. In der Konsequenz entstünde ein „neues und völlig anderes Gesundheitssystem“, dies sollten die Wählerinnen und Wähler wissen.

„Die nichtärztlichen Gesundheitsfachberufe sind ein wichtiger Pfeiler unserer Gesundheitsversorgung und ich bin absolut dafür, diese auch weiter zu qualifizieren und wo sinnvoll auch zu akademisieren“, betonte Hof­meister. Allerdings solle dies nicht erfolgen, um ärztliche Strukturen zu ersetzen und eine Parallelversorgung zu eröffnen, sondern um verstärkt zusammenzuarbeiten.

Er ergänzte, dass auch das KV-System solche kooperativen Konzepte künftig stärker mitdenken müsse. Die klassische Einzelpraxis als Solitär, mit einem Arzt oder einer Ärztin und zwei MFAs, stelle „für viele nicht mehr das Modell der Zukunft“ dar. Wichtig sei in diesem Kontext auch die Frage, wie man Weiterbildungsassistenten in der Praxis besser und nachhaltiger in die Versorgung integrieren kann.

Hofmeister verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass auch die Politik im neuen Jahr „wieder mehr Bereitschaft“ für gemeinsame Arbeit an lösungsorientierten Maßnahmen zeigt.

aha

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