Kritik an zu hohen Prävalenzangaben zu Long COVID in vielen Studien

Berlin – Zu hohe Prävalenzangaben für Long COVID in vielen Studien kritisiert eine Arbeitsgruppe des Robert-Koch-Instituts (RKI). Die Angaben variierten erheblich zwischen einzelnen Studien und seien aufgrund einer großen methodischen Heterogenität nicht unmittelbar miteinander vergleichbar, heißt es in einem Überblicksbeitrag im Journal of Health Monitoring (2026; DOI: 10.25646/13576).
Unterschiede zwischen den Studien zeigten sich demnach unter anderem in der Datenbasis, der Zusammensetzung der Studienpopulation, der Long-COVID-Definition, der Dauer der Nachbeobachtungszeit und dem Einbezug möglicher Einflussfaktoren.
„Darüber hinaus weist der Großteil der Studien zu Long COVID keine Kontrollgruppe auf und fokussiert lediglich auf unspezifische Symptome, welche generell häufig in der Allgemeinbevölkerung vorkommen, zum Beispiel im Rahmen anderer (möglicherweise vorbestehender) Erkrankungen“, schreibt die Arbeitsgruppe. Daher könnten die vorliegenden Beschwerden nicht eindeutig auf eine vorangegangene SARS-CoV-2-Infektion zurückgeführt werden.
„Folglich verzeichnen bisherige systematische Reviews und Metaanalysen teils sehr hohe Prävalenzen für das Vorliegen von Long-COVID-Symptomen nach SARS-CoV-2-Infektion“, so die Kritik. Beispielsweise schätze eine Metaanalyse von prospektiven Studien die Häufigkeit von mindestens einem persistierenden oder neu aufgetretenen Symptom im Zeitraum von 3 bis 6 Monaten nach bestätigter COVID-19-Diagnose auf über 50 %.
Kontrollierte Studien zeigen deutlich geringere Prävalenzen
Verlässlichere Schätzungen stammten aus kontrollierten Studien, die das Vorliegen von gesundheitlichen Beschwerden vergleichend bei Personen mit und ohne durchgemachte SARS-CoV-2-Infektion untersucht hätten. „Dabei lässt sich ein vergleichsweise niedriges Vorkommen von Long COVID ableiten“, berichtet das RKI-Team.
So wurde in einer Metaanalyse von kontrollierten Studien bis Mitte Februar 2023 die gepoolte Prävalenz für mindestens ein berichtetes Long-COVID-assoziiertes Symptom mindestens 3 Monate nach bestätigter SARS-CoV-2-Infektion auf 40,9 % geschätzt. Bei Teilnehmenden der Kontrollgruppe ohne Infektionsnachweis betrug die Häufigkeit 25,4 %.
„Die Prävalenzdifferenz zwischen Infektions- und Kontrollgruppe lag demnach bei 15,5 %, sodass die berichteten Beschwerden bei Teilnehmenden der Infektionsgruppe nur in 15,5 % der Fälle einer vorangegangenen SARS-CoV-2-Infektion zugeordnet werden können“, berichtet die Arbeitsgruppe des RKI.
Zusammenfassend sei anhand von Metaanalysen mit kontrollierten Studien davon auszugehen, dass Long-COVID-Symptome bei Erwachsenen mit einer Häufigkeit von etwa 10 bis 15 % im Zeitraum von mindestens 12 Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion vorliegen.
Bei Berücksichtigung aller SARS-CoV-2-Infizierten in der Bevölkerung einschließlich Personen mit asymptomatischen oder unbemerkten SARS-CoV-2-Infektionen sei sogar von einem noch geringeren Vorkommen von Long-COVID-Symptomen auszugehen. Die Häufigkeiten für Long-COVID-Symptome mit funktionellen Einschränkungen im Alltag lägen vermutlich zwischen 1,2 % und 4,8 %.
Uneinheitliche Definition und Abgrenzung schwerer Verläufe
Laut der Arbeitsgruppe wird der Begriff „Long COVID“ international uneinheitlich gehandhabt. Das RKI-Team verwendet den Begriff für den gesamten Zeitraum jenseits der akuten SARS-CoV-2-Krankheitsphase sowie für das gesamte Spektrum an möglichen gesundheitlichen Langzeitfolgen. Der Fokus liege dabei vorrangig auf Studienergebnissen zu gesundheitlichen Beschwerden mindestens 3 Monaten nach vorangegangener Infektion – also eines Zeitraumes, der oft auch als „Post COVID“ bezeichnet werde.
Zu den unspezifischen gesundheitlichen Symptomen nach einer SARS-CoV-2-Infektion zählten insbesondere hochgradige Erschöpfung/Müdigkeit und kognitive Einschränkungen wie Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, aber auch anhaltende respiratorische Beschwerden wie Kurzatmigkeit und persistierender Husten.
Bei einem Teil der Menschen mit Long COVID lasse sich die Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) als besonders schwerer Subtyp abgrenzen, das mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität, der körperlichen und psychischen Funktionsfähigkeit im Alltag sowie der gesellschaftlichen Teilhabe einhergehe.
Die RKI-Arbeitsgruppe weist aber daraufhin, dass längerfristige gesundheitliche Folgen einschließlich ME/CFS auch nach anderen Virusinfektionen zu beobachten seien, zum Beispiel nach Influenza, und hier als „Post-acute Infection Syndromes“ bezeichnet würden.
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