Internisten drängen auf Neuausrichtung der geriatrischen Versorgung

Berlin – Der Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI) hat angesichts des voranschreitenden demografischen Wandels eine Neuausrichtung der geriatrischen Versorgung in Deutschland angemahnt.
„Dies erfordert eine offene Auseinandersetzung über den Umgang mit den Herausforderungen des Alterns“, heißt es in einem Positionspapier, das der Verband heute anlässlich des BDI-Hauptstadtforums in Berlin veröffentlicht hat.
„Ziel einer breit angelegten gesellschaftlichen Debatte muss es sein, tragfähige Lösungen zu finden, die sowohl den individuellen Bedürfnissen als auch den gesamtgesellschaftlichen Anforderungen gerecht werden.“
Vor diesem Hintergrund fordert der BDI den Bundestag auf, eine Enquetekommission für eine offene gesellschaftliche Diskussion über die Herausforderungen des demografischen Wandels einzusetzen.
„Aus der Altenpflege erreichen uns täglich Hiobsbotschaften: Die Kosten steigen, die Zahl der Pflegebedürftigen nimmt zu, während die Zahl derer, die sie versorgen, abnimmt“, sagte Kevin Schulte, 2. Vizepräsident des BDI.
„Die Situation sieht verzweifelt aus.“ Vor diesem Hintergrund will der BDI die Geriatrie stärken, um Teil der Lösung der anstehenden Probleme zu sein. Dafür sei es wichtig, zunächst ein Zielbild zu beschreiben.
Bollwerk gegen die Pflegebedürftigkeit
Im Mittelpunkt der Behandlung alter Menschen solle die Patientenautonomie stehen, heißt es in dem Positionspapier: auch, wenn dies in bestimmten Fällen zu einer Abkehr von einer – rein klinisch betrachtet – optimalen medizinischen Versorgung führe.
„Wir müssen lernen zu akzeptieren, dass wir die Selbstbestimmung der Menschen höher bewerten als ihre Sicherheit“, sagte Schulte. „Wir bringen heute Menschen in Pflegeheime, die gar nicht dorthin wollen, um dem Sicherheitsbedürfnis der Angehörigen zu entsprechen.“
„Der BDI fordert, das Gesundheitssystem verstärkt auf die Wünsche und Präferenzen der Patienten auszurichten“, heißt es in dem Positionspapier. „Dies bedeutet, dass medizinische Entscheidungen nicht nur anhand klinischer Kriterien getroffen werden, sondern auch die individuellen Lebensumstände und vorhandenen Ressourcen der älteren Menschen einbezogen werden müssen.“
Das Ziel der geriatrischen Behandlung müsse es sein, dass mehr Menschen zu Hause gepflegt werden, so Schulte. Die Geriatrie verstehe sich dabei als Bollwerk gegen die Pflegebedürftigkeit. Angesichts des demografischen Wandels sei es dabei auch gesellschaftlich notwendig, dass sich alle Betroffenen und Angehörigen bemühten, möglichst lange ohne Mithilfe des Gesundheits- und Solidarsystems auszukommen. „Wir müssen dahinkommen, dass jeder nur die Hilfe bekommt, die er auch wirklich benötigt“, sagte Schulte.
Check-Up-Untersuchung mit 65 Jahren
Michael Denkinger, Mitglied des BDI-Vorstands, forderte vor diesem Hintergrund, die Primärprävention in der Geriatrie zu stärken. „Dafür brauchen wir auch eine Check-Up-Untersuchung in höherem Alter, zum Beispiel mit 65 Jahren, um einen Weg zu suchen, eine Pflegebedürftigkeit der Menschen zu verhindern“, schlug er vor.
Zudem regte an andere geriatrische Strukturen im Gesundheitswesen an, mit denen einer Pflegebedürftigkeit alter Menschen vorgebeugt werden kann. „Wenn ein alter Mensch gestürzt ist, denkt man nicht gleich daran, herauszufinden, warum er gestürzt ist“, sagte Denkinger. „Dafür gibt es in Deutschland auch keine Strukturen.“
Die Hausärzte seien keine primären Ansprechpartner dafür. Sie hätten auch nicht die Möglichkeiten, das abzuklären. Die Geriatrie könne dabei helfen, an dieser Stelle zu unterstützen. „Dafür könnten ambulante geriatrische Zentren, Tageskliniken und Hausärzte zusammenarbeiten“, sagte Denkinger. „In Ulm gibt es zum Beispiel ein solches Modell, in dem von der ambulanten Reha bis zur Akutgeriatrie alles abgebildet ist.“
Sinnvoll seien auch Geriater auf den Intensivstationen, damit gemeinsam mit den Intensivmedizinern eine angemessene Behandlung gefunden werden kann, meinte Denkinger. Das sei aber natürlich nicht überall zu machen.
„In jedem Fall müssen wir schauen, welche geriatrische Versorgung angemessen ist“, so Denkinger weiter. „In der S3-Leitlinie ‚Umfassendes geriatrisches Assessment‘ konnten wir jetzt zeigen, dass es sinnvoll ist, einen alten Patienten zunächst ganzheitlich zu betrachten, um zu prüfen, welches bei der Versorgung der erste Schritt sein sollte.“
„Obwohl der Umgang mit Sterbewünschen und der palliativmedizinischen Versorgung von zentraler Bedeutung für die Würde und Autonomie älterer Menschen ist, wird das Lebensende in unserer Gesellschaft oft tabuisiert“, heißt es dazu in dem Positionspapier.
„Menschen, die im höheren Lebensalter und in palliativer Situation ihrem Leben ein Ende setzen möchten, sollten alle Möglichkeiten einer palliativen Therapie erhalten, sofern depressive Störungen ausgeschlossen wurden.“
Ebenso sollte in solchen Situationen der freiwillige Verzicht auf Essen und Trinken professionell und symptomatisch medizinisch begleitet werden, wobei Aufklärungsgespräche über die Optionen und Verläufe mit den Betroffenen und ihren Bezugspersonen entscheidend seien, wie es hieß.
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