Schlechter Schlaf: Vor allem Flex-Beschäftigte betroffen

Berlin – Etwa jeder Dritte in Deutschland schläft nach eigenem Ermessen schlecht. Zudem kommt fast ein Viertel der Erwachsenen nicht auf die von Experten empfohlenen mindestens 6 Stunden Schlaf. Das zeigt die heute in Berlin vorgestellte repräsentative Studie, für die die Techniker Krankenkasse (TK) 1.000 Menschen ab 18 Jahren und 300 Flex-Beschäftigte befragt hat. Bei den Arbeitgebern findet das gesundheitliche Problem jedoch noch zu wenig Beachtung.
Immerhin 2 von 3 Erwachsenen können der subjektiven Befragung zufolge gut oder sogar sehr gut schlafen. Überdurchschnittlich hoch ist hingegen der Anteil der schlechten Schläfer unter den Berufstätigen mit unregelmäßigen Arbeitszeiten oder Schichtdiensten. Von diesen sogenannten Flex-Beschäftigten klagen sogar 40 Prozent über schlechte Schlafqualität, die Hälfte schläft höchstens 5 Stunden.
Unter den „Schlechtschläfern“ leiden der Studie zufolge 54 Prozent unter Muskelverspannungen und Rückenschmerzen. Bei denjenigen, die gut schlafen, sind es nur 35 Prozent. Wer schlecht schläft, fühlt sich außerdem mehr als doppelt so häufig erschöpft (44 zu 21 Prozent), gereizt (33 zu 9 Prozent) und niedergeschlagen (21 zu 6 Prozent). Am schlechtesten schlafen die Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ein (21 Prozent), am besten die Baden-Württemberger, wo nur 5 Prozent Einschlafprobleme angeben.
„Unsere Daten sind leider wenig aussagekräftig“, räumt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK ein. Die Dunkelziffer sei sicher extrem hoch, weil der Arzt andere Krankheiten wie etwa Muskelverspannungen oder Herz-Kreislauf-Probleme diagnostiziere. „Eine Diagnose wie etwa Schlafstörungen erhalten nur sehr wenige, unter einem halben Prozent unserer Versicherten.“ Die tatsächliche Zahl, vermutet Baas, könne um den Faktor 10 darüber liegen. Auch der im Sommer 2017 vorgestellte Schlafatlas konnte anhand von Messungen mit einem Schlafsensor zeigen, dass die Deutschen ihre Schlafqualität und -dauer deutlich überschätzen.
Aber: Selbst in dieser kleinen Gruppe der diagnostizierten Betroffenen könne die TK feststellen, dass seit 2010 die Anzahl der Fälle um 90 Prozent zugenommen habe. „Die Anzahl der Fehltage aufgrund der Diagnose Schlafstörung hat sich vervierfacht“, erklärt Baas.
Das Problem beim Thema Schlaf sieht Utz Niklas Walter vom Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) in Konstanz bei der mangelnden Akzeptanz. „Schlaf ist immer noch mit Schwäche assoziiert“, sagt der Sport- und Gesundheitswissenschaftler Walter. Wer wenig schlafe, werde am Arbeitsplatz gelobt. „Wir brauchen einen Kulturwandel in der Arbeitswelt, der von den Führungskräften ausgehen muss“, fordert Walter. Diese seien noch zu häufig ein schlechtes Vorbild. In Skandinavien gibt es bereits Projekte, bei denen Führungskräfte pünktlich um 17 Uhr nach Hause gehen oder erst um 9 Uhr ihre Arbeit beginnen.
Schlafen auf der Arbeit und im Konzert
Aber auch für die Arbeitnehmer hat der Schlafexperte aus Konstanz Lösungsvorschläge: Zuerst müsse der Bedarf in den Unternehmen abgefragt werden, um anschließend maßgeschneiderte Angebote zu machen. Das könnten etwa Rückzugsräume sein oder Räume für Schlafpausen von maximal 15 Minuten. Zudem könnten Beratungsseminare helfen. „Darüber hinaus gibt es auch progressivere Ansätze wie beispielsweise Schlafkonzerte, bei denen die Besucher im Liegen einem Orchester zuhören und dabei schlafen können“, beschreibt Walter eine mögliche kulturverändernde Maßnahme.
Die Arbeitsrealität scheint jedoch noch einen Weg vor sich zu haben: „Erst etwa 10 Prozent der Unternehmen haben entsprechende Angebote“, sagt Walter mit Verweis auf die #whatsnext-Studie der TK. In jedem 11. Unternehmen gibt es laut Studie überhaupt keine Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, knapp 3 von 10 Betrieben bieten vereinzelte Angebote, vor allem in den Bereichen Ergonomie und Entspannung.
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