Steigende Arztzahlen können Behandlungsbedarf nicht kompensieren

Berlin – Die Zahl der Ärzte in Deutschland ist im vergangenen Jahr um 2,1 Prozent gestiegen. Das geht aus der neuen Ärztestatistik der Bundesärztekammer (BÄK) hervor. Demnach waren im Bundesgebiet im Jahr 2016 378.607 Ärzte tätig, 7.305 mehr als im Vorjahr. Von ihnen arbeiteten 194.401 im Krankenhaus, 151.989 waren ambulant tätig. Hinzu kommen 32.217 Mediziner, die bei Behörden, Körperschaften und in sonstigen Bereichen beschäftigt waren. Ihr Anteil blieb im Vergleich zum Vorjahr mit 8,5 Prozent unverändert. Nach wie vor steigt auch der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte. Er betrug 46,5 Prozent. 1991 war es noch rund ein Drittel.
Neuesten Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zufolge nahmen im vergangenen Jahr 169.866 Ärzte und Psychotherapeuten an der vertragsärztlichen Versorgung teil – 146.054 Ärzte und 23.812 Psychologische Psychotherapeuten. Die Gesamtzahl hat sich demnach im Vergleich zu 2015 um 2.550 erhöht (+ 1,5 Prozent). Mittlerweile sind 45 Prozent der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten Frauen.
Lücken in ärztlicher Versorgung
Die BÄK wies angesichts der Zahlen darauf hin, dass sich der leichte Zuwachs relativiert, wenn man die Behandlungszahlen betrachtet. Allein in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung komme es jährlich zu mehr als einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten. In den Kliniken habe sich die Zahl der Behandlungsfälle in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 2,5 Millionen auf fast 19,8 Millionen erhöht. „Wer nur die leicht steigenden Arztzahlen betrachtet, verschließt die Augen vor der ganzen Wahrheit“, sagte BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery. Tatsächlich öffne sich die Schere zwischen Behandlungsbedarf und Behandlungskapazitäten immer weiter. Schon heute klafften bei der ärztlichen Versorgung in vielen Regionen große Lücken, so Montgomery.
Die Ärzteschaft hat laut Statistik ebenso wie die Gesamtbevölkerung ein Alterungsproblem. „Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant, in den nächsten fünf Jahren seine Praxis aufzugeben“, warnte Montgomery. Zwar stieg im vergangenen Jahr die Zahl der unter 35-jährigen berufstätigen Ärzte um mehr als 2.300 auf einen Anteil von 18,8 Prozent. Dem stehe aber in den Altersgruppen der 50- bis 59-Jährigen ein Zuwachs von 1.600, bei den 60- bis 65-Jährigen von 1.172 und bei den über 65-Jährigen von 2.463 Ärzten gegenüber, erklärte der BÄK-Präsident.
Mehr angestellte Ärzte
Außerdem entschieden sich immer mehr angestellte Ärzte gegen eine Vollzeitstelle. Allein im Jahr 2015 stieg der Anteil der Ärzte und Psychotherapeuten in Teilzeitanstellung um 10,6 Prozent. Für die Versorgung der Patienten bedeute dies, dass mehr Köpfe gebraucht würden, um die gleiche Menge an Arbeit zu leisten. „Die Politik muss diesen Zusammenhang zwischen mehr Teilzeitarbeit und weniger Arztstunden endlich anerkennen und die Zahl der Studienplätze erhöhen“, fordert Montgomery. Notwendig sei eine Steigerung um zehn Prozent.
Laut KBV machen sich auch bei den niedergelassenen Ärzte die Folgen der hohen Altersstruktur bemerkbar – ihr Durchschnittsalter liege bei rund 54 Jahren. Nachwuchs werde dringend gesucht – und folglich haben junge Mediziner laut der KBV beste Chancen. „Umsatzgarantien, Investitionshilfen, flexible Arbeitszeitmodelle, Arbeit zunächst als angestellter Arzt in der Praxis sind nur einige Pluspunkte, die die Kassenärztlichen Vereinigungen den den jungen Kollegen bieten“, erklärte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen in Berlin.
Gute Bedingungen für eine Niederlassung
Zwar sei bei den Fachärzten die Zahl der Niederlassungsmöglichkeiten im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, nämlich von 583 auf 484. Dies geht aus den neuesten Daten der Umfrage zum Stand der Bedarfsplanung hervor, welche die KBV für das Jahr 2016 erhoben hat. Am stärksten schlagen dabei die Psychotherapeuten zu Buche. Die 2012 geschaffenen rund 1.300 neuen Zulassungsmöglichkeiten seien inzwischen weitestgehend ausgeschöpft.
Allerdings sei gleichzeitig im Jahresvergleich die Zahl der Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte gestiegen. Demnach gab es im vierten Quartal 2016 bundesweit 2.727 freie Hausarztsitze. Das entspricht einem Zuwachs von 603 im Vergleich zum Vorjahr. „Von der Vorstellung, in jedem Dorf einen Hausarzt zu haben, müssen wir uns verabschieden, wenn auch Schulen, Polizei und Einkaufzentren längst das Dorf verlassen haben“, lautete Gassens Fazit.
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