Was die Digitalisierung der medizinischen Versorgung behindert

Berlin – Unzufrieden mit dem Umsetzungsstand der digitalen Transformation im Gesundheitswesen ist der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). „Kaum ein Lebensbereich hinkt dabei derart deutlich hinterher wie der Gesundheitssektor. Hier wird digitaler Fortschritt mehr als Bedrohung und nur selten als Chance wahrgenommen“, hieß es aus dem Verband. Der BVDW hat daher die aus seiner Sicht fünf größten Blockaden auf dem Weg zur digitalen Gesundheit identifiziert.
Ein wesentlicher Grund ist laut BVDW-Analyse die zu starre gesetzliche Regulierung. „So entbehren beispielsweise das kategorische Fernbehandlungsverbot, das vorschreibt, dass eine ärztliche Behandlung immer persönlich und nicht virtuell erfolgen muss, sowie die allgemeine Praxispflicht vor dem Hintergrund mangelhafter Gesundheitsversorgung vor allem im ländlichen Raum jeglicher Vernunft“, heißt es in einem neuen Leitfaden des BVDW.
GKV tut sich schwer mit Digitalisierung
Zweites Hemmnis seien zu träge Strukturen bei den Krankenversicherungen – diese täten sich schwer, digitale Lösungen zu integrieren. „Da der flächendeckende Einsatz solcher Lösungen an den Strukturen der Krankenkassen scheitert, besteht hier dringender Handlungsbedarf“, schreibt der Verband.
Innovationen im Weg stünden drittens außerdem die „Beharrungskräfte der gemeinsamen Selbstverwaltungsgremien von Krankenkassen und Ärzten“, so der Verband. Nach seiner Wahrnehmung ist die Selbstverwaltung „weitestgehend auf den Erhalt des Status quo und dem Schutz von Partikularinteressen ausgerichtet“. Zu kompliziert sei in Deutschland viertens „das Dickicht aus datenschutzrechtlichen Regelwerken im Gesundheitsbereich“. Diese seien für viele Anbieter, „kaum zu überblicken, geschweige denn durchschaubar“.
Fünftens seien Digital-Health-Angebote „einem Großteil der Bevölkerung in Deutschland noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Alle Akteure der Branche stehen in der Verantwortung, über Angebote und Potenziale konsequent zu informieren und aufzuklären“, schreibt der Verband.
Mehr Anstrengungen bei der Digitalisierung in der Medizin fordert auch der Bundesverband der Deutschen Industrie BDI. „Deutschland muss die Versorgungsqualität im Gesundheitssystem erhalten und weiter verbessern, gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Dies gelingt nur, wenn wir die Digitalisierung im Gesundheitssystem intensiv vorantreiben“, sagte Iris Plöger, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung. Wichtig sei vor allem, Gesundheitsdaten stärker zu vernetzen, um wissenschaftliche Forschung und individualisierte Therapien zu verbessern. „Die Digitalisierung bietet große Chancen für Prävention, Diagnose und Therapie, die wir viel besser nutzen müssen“, so Plöger.
Auf mögliche Probleme bei der Digitalisierung weist in diesem Zusammenhang der Technologiekonzern Ericsson hin. „Die digitale Transformation macht Online-Interaktionen gebräuchlicher. Das bedroht ein zentrales Element der Versorgung: Das Arzt-Patienten-Verhältnis“, schreibt der Konzern bei der Auswertung einer hauseigenen Studie „From Healthcare to Homecare“.
Im Rahmen dieser Studie wurden 4.500 Smartphone-Besitzer aus Deutschland, Japan, Süd-Korea, den USA und Großbritannien befragt. 52 Prozent der Teilnehmer mit chronischen Erkrankungen befürchten danach, dass die neuen digitalen Anwendungen zu einer Abnahme der direkten Interaktion mit ihren Ärzten führen. „Ein Patient könnte künftig lediglich zu einer Datei in einer Datenbank werden, ohne dass es zu einer emotionalen Beziehung zwischen Arzt und Patient kommt“, warnt Ericsson.
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