Vermischtes

AOK-Fehlzeiten­report: Psychische Erkrankungen verursachen erneut Hochstand bei Fehltagen

  • Mittwoch, 18. Oktober 2023
/MoonfliesPhoto, stock.adobe.com
/MoonfliesPhoto, stock.adobe.com

Berlin – Die Fehlzeiten in Unternehmen steigen weiterhin stetig, weil ihre Beschäftigten psychisch erkranken oder anderen arbeitsbezogenen Belastungen ausgesetzt sind. Im vergangenen Jahr ist nach Angaben des Fehlzeitenreports der AOK ein „historischer Höchststand“ erreicht worden. Dies teilte das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) heute anlässlich des Erscheinens des Fehlzeiten-Reports 2023 bei einer Pressekon­ferenz in Berlin mit.

„Seit der Pandemie nahmen die Krankmeldungen unter den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern kontinu­ierlich zu“, berichtete Johanna Baumgardt, Forschungsbereichsleiterin Betriebliche Gesundheitsförderung im WIdO.

Während die Arbeitsunfähigkeits(AU) -Quote in den Jahren 2020 und 2021 durchschnittlich bei 5,4 Prozent gelegen habe, sei sie 2022 auf 6,7 Prozent angestiegen. Auch wenn die Zahlen wieder leicht rückläufig seien, habe das Vorpandemieniveau noch nicht wieder erreicht werden können, betonte Baumgardt.

Die Mitherausgeberin des Reports schlüsselte auf, dass die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen von 2012 bis 2022 um 48 Prozent gestiegen seien. In allen anderen Erkrankungsgruppen waren die Krankmeldun­gen um 35 Prozent erhöht. Den größten Anteil machten unter den 35 Prozent im Jahr 2022 – pandemiebe­dingt - die Atemwegserkrankungen aus.

„Im Vergleich zu anderen Krankheiten gehen psychische Erkrankungen häufig mit besonders langen Fehlzei­ten einher“, erklärte Baumgardt. „Während psychische Erkrankungen 2022 im Schnitt zu AU-Zeiten von 29,6 Tagen je Fall führten, waren es beispielsweise bei Atemwegserkrankungen nur 7,1 Tage pro Fall.“

Die meisten AU-Bescheinigungen werden dem Report zufolge von Erwerbstätigen des Gesundheits- und Sozialwesens eingereicht. 14 Prozent fielen davon aufgrund einer psychischen Erkrankung aus. „Wir stehen hier vor einem großen Problem“, sagte die Forschungsbereichsleiterin.

Durch die aktuellen Krisen kommt es Baumgardt zufolge bei den Arbeitnehmern zu Ängsten und Verunsiche­rung bezogen auf die eigene Zukunft, was sich unmittelbar auf die psychische Gesundheit auswirken könne. Dies mache sich bei den Fehlzeiten bemerkbar.

Für den Report wurden Beschäftigte daher auch nach ihrer Zukunftsangst bezüglich der Entwicklung der Ge­sellschaft und Entwicklungen in ihrem Unternehmen gefragt. „Es zeigte sich, dass 35,1 Prozent der Beschäftig­ten ausgeprägte Zukunftsangst bezüglich der gesamtgesellschaftlichen Situation zeigen, aber dies mit Blick auf das eigene Unternehmen beziehungsweise die eigene Organisation nur auf circa acht Prozent aller Be­fragten zutraf“, berichtete Baumgardt.

In diesem Zusammenhang sollten die Befragten auch angeben, wie sie die Zukunftsfähigkeit ihres Unterneh­mens einschätzen. Fast die Hälfte bewertete ihren Betrieb als sehr zukunftsfähig. „Das ist ein sehr erfreuliches Ergebnis, denn wir haben auch festgestellt, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen einer positiven Einschätzung der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und der Gesundheit der Beschäftigten gibt“, sagte Baumgardt. „So wurde deutlich häufiger von gesundheitlichen Beschwerden, die auf die Arbeit zurückgeführt werden, berichtet, wenn die Befragten die Zukunftsfähigkeit ihrer Organisation negativer bewerten.“

Dies wiederum wirke sich auch auf die Fehlzeiten aus. Arbeitnehmer, die ihr Unternehmen als zukunftsfähig einschätzten, fehlten der Umfrage zufolge im Schnitt 4,5 Tage weniger. Befragte, die die Zukunft ihres Unter­nehmens eher schlecht beurteilten, gingen hingegen sehr viel häufiger auch krank zur Arbeit, was mit dem Begriff Präsentismus bezeichnet wird.

„Ob jemand krank zur Arbeit geht, hängt auch mit der Kultur des Unternehmens zusammen“, erläuterte Baum­gardt. Wenn die Führungskräfte vorlebten, dass es normal sei, krank bei der Arbeit zu erscheinen, würden sich die Arbeitnehmer daran orientieren. Unterstützten Führungskräfte ihre Mitarbeiter hingegen dahingehend, zuhause gesund zu werden, wirke sich dies positiv aus.

Die Unternehmen müssten verstärkt in die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden investieren, die betriebliche Ge­sundheitsförderung sollte weiter ausgebaut werden, wünschte sich Baumgardt abschließend. Nur knapp 60 Prozent der Befragten wussten von diesen Angeboten in ihrem Unternehmen, rund die Hälfte der Beschäftig­ten nahmen sie auch tatsächlich wahr.

Den Wunsch teilte auch Jens Martin Hoyer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels muss die Gesundheit der Beschäftigten ein zentrales Anliegen jedes Unternehmens sein“, sagte er. Diese Aufgabe müssten vor allem Führungskräfte übernehmen und die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter fördern.

Der Fachkräftemangel stehe im Übrigen auch im engen Zusammenhang mit den Arbeitsunfähigkeitsbeschei­nigungen, sagte Bernhard Badura von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld bei der Vorstellung des Berichts. Wenn die Arbeitnehmer gesundheitlich und psychisch geschwächt seien und die Fehlzeiten weiter stiegen, könne das Rentenziel im Alter von 67 Jahren nur schwer erreicht werden. Dies funktioniere nur, wenn man aktiv in die Gesundheit der Beschäftigten investiere und die Kultur des Unter­nehmens gemeinsam gestalte.

Badura ging zudem auf die „Zeitenwende“ in der Arbeitswelt ein, die durch die Pandemie eingeläutet wurde. Insbesondere das Homeoffice und mobiles Arbeiten habe vieles verändert. Einerseits habe die neu etablierte Arbeitsform viele Vorteile mit sich gebracht, darunter mehr Flexibilität, weniger Pendelzeit und eine höhere Arbeitszufriedenheit.

„Nicht zu unterschätzen sind auch die soziale Isolation und die mögliche Distanzierung vom Unternehmen“, sagte der Mitherausgeber des Reports. Durch die Abwesenheit der Arbeitnehmer verschlechtere sich die Kooperation und das Wir-Gefühl könne verloren gehen. Daneben könne das Homeoffice Einsamkeit fördern und Auswirkungen auf die seelische Gesundheit haben.

„Unternehmen, Krankenkassen und Politik sollten sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sie angesichts der neuen Rahmenbedingungen die mentale Gesundheit der Beschäftigten stärken können“, empfahl Badura. Die Arbeitnehmer müssten sich im Unternehmen wohlfühlen, dadurch würde auch die mentale Gesundheit gefördert. Wie auch Hoyer sieht er hier vor allem die Führungskräfte in der Pflicht. Sie sollen ihre Mitarbeiter unterstützen und ihr Wohlbefinden im Betrieb sicherstellen.

PB/nfs

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung