Prognose: Rund 12.000 freie Hausarztsitze bis 2040

Berlin/Stuttgart – Die Zahl der freien Hausarztsitze könnte sich in den kommenden Jahren verdreifachen. Bis 2040 werden rund 12.000 Hausarztstellen in Deutschland, also ein Fünftel aller Sitze, unbesetzt sein. Das zeigt die Studie „Primärversorgung 2035+“, die das IGES-Institut im Auftrag des Bosch Health Campus erstellt hat. Der Bericht ist heute veröffentlicht worden.
Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr gab es noch rund 4.400 freie Hausarztsitze. Zudem werde die Hausarztdichte um fünf Prozent bis 2040 abnehmen, prognostiziert die Untersuchung weiter. Dieser Wert wird gemessen als Anzahl der Hausärzte (in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) je 100.000 Einwohner.
Allerdings fällt dieser Wert im Vergleich zur Prognose einer ganz ähnlichen Studie vor fünf Jahren etwas weniger hoch aus. Dies wird damit begründet, das nun absehbar sei, dass ärztlicher Nachwuchs für die hausärztliche Versorgung in etwas größerem Umfang zur Verfügung stehen werde und die Hausärzte zu einem zunehmenden Teil im Rentenalter noch arbeiten würden.
Dennoch wird der Analyse nach in 14 Jahren fast ein Fünftel der Kreise – davon vor allem ländlich gelegene – hausärztlich unterversorgt sein (Versorgungsgrad weniger als 75 Prozent). Weitere 15 Prozent der Kreise werden sich nahe der hausärztlichen Unterversorgung bewegen (Versorgungsgrad zwischen 75 und 80 Prozent). In großstädtischen Regionen hingegen werden der Schätzung zufolge zumeist alle verfügbaren Hausarztstellen besetzt sein.
Mehr Ältere und weniger hausärztliche Kapazitäten
Die Zahl der vertragsärztlich tätigen Hausärztinnen und -ärzte hat sich zwischen 2009 und 2025 lediglich um etwa vier Prozent erhöht. Dies sei bei weitem der geringste Anstieg aller Arztgruppen, heißt es in der Studie. Bei den anderen Arztgruppen betrug der Aufwuchs etwa 36 Prozent.
Zudem hat sich das Durchschnittsalter der Hausärzte in dem gleichen Zeitraum von 52,6 auf 55 Jahren erhöht. Dabei ist der Anteil der Über-65-jährigen Hausärzte von sechs auf 16,5 Prozent gestiegen. Dies bedeutet, dass sich jeder sechste Hausarzt in einem Alter befindet, in dem üblicherweise der Ruhestand beginnt oder absehbar erwogen wird.
2025 war jeder dritte Hausarzt 60 Jahre oder älter (37 Prozent), was absehbar zu einer Verschärfung der Probleme bei der Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung vor allem in der Fläche führen werde, so die Prognose.
Insgesamt hat die Anzahl der Hausärzte von 54.819 (2019) auf 55.435 (2024) leicht zugenommen. Allerdings haben die hausärztlichen Kapazitäten gemessen in VZÄ von 51.672 im Jahr 2019 auf 51.437 im Jahr 2024 geringfügig abgenommen. Dies ist insbesondere mit einem erhöhten Teilzeitanteil zu erklären.
Landkreise in Nordrhein-Westfalen besonders unter Druck
Die Studie zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern und Regionen Deutschlands auf. So untersucht das Simulationsmodell, wie sich die Zahl der Hausärzteschaft in den einzelnen Landkreisen voraussichtlich auswirken wird.
Am stärksten vom Hausarztmangel werden 2040 demnach vier Landkreise in Nordrhein-Westfalen betroffen sein: Das sind der Hochsauerlandkreis, Minden-Lübbecke, Paderborn und der Märkische Kreis. Dort wird die Hausarztdichte im Vergleich zu 2024 um rund 46 bis 48 Prozent abnehmen.
Die Landkreise Osnabrück in Niedersachsen, Main-Kinzig-Kreis in Hessen oder Lippe in NRW müssen demnach mit einer fast ähnlich hohen Reduzierung der Hausarztdichte rechen. Ähnlich sieht die Lage in den Landkreisen Karlsruhe, Konstanz, Waldshut und Ortenaukreis in Baden-Württemberg sowie Höxter und Kleve in NRW oder Cuxhaven in Niedersachsen aus.
Neben den ländlich geprägten Regionen werden auch einige Großstädte den Rückgang von Hausärztinnen und Hausärzten besonders spüren. Besonders betroffen sind demnach Bremerhaven in Bremen und Mönchengladbach in NRW, die eine Reduktion der Hausarztdichte von 27 Prozent bis 2040 erleben könnten.
Aber auch Saarbrücken oder die Stadt Bremen sowie das niedersächsische Braunschweig müssen mit rund 22 Prozent Rückgang rechnen.
Weitere Analysen für Baden-Württemberg
Die Studie untersuchte zwar die voraussichtliche Entwicklung der Hausarztzahlen in ganz Deutschland, fokussiert sich bei näheren Details jedoch auf Baden-Württemberg. Es wird aufgezeigt, dass die hausärztlichen Kapazitäten bezogen auf die Bevölkerung insgesamt beziehungsweise ab dem Alter von 65 Jahren in Baden-Württemberg stärker gesunken sind als im Bundesgebiet.
Weiter zeigt sich der Trend zur Anstellung im niedergelassenen Bereich auch in Baden-Württemberg. So sei der Anteil von angestellt tätigen Hausärztinnen und Hausärzten in Baden-Württemberg von elf Prozent im Jahr 2015 auf 28 Prozent im Jahr 2025 gestiegen.
Und: Im Südwesten Deutschlands spielt die hausarztzentrierte Versorgung (HzV) bereits eine große Rolle. So nahmen 2025 rund drei Viertel aller Hausarztpraxen in Baden-Württemberg an der HzV teil (72 Prozent).
In einem Basisszenario erstellte das IGES-Institut eine Prognose, wie sich der Primärversorgungsbedarf in Baden-Württemberg voraussichtlich entwickeln wird. Wenn man nicht politisch mit entsprechenden Maßnahmen eingreift, dann würde demnach eine Versorgungslücke von rund 6,5 Millionen hausärztliche Fälle pro Jahr bis 2040 entstehen. 2025 lag die Versorgungslücke bei 1,3 Millionen Fällen.
Lösung liege in Prävention, Digitalisierung und interprofessionellen Teams
Wenn allerdings künftig mehr Präventionsmaßnahmen, der Ausbau der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung oder eine niedrigere Inanspruchnahme von medizinischer Hilfe beziehungsweise eine Verlagerung auf digitale Hilfsangebote umgesetzt würden, könnte ein niedrigerer Bedarf an hausärztlicher Versorgung entstehen.
Werde etwa angenommen, dass fünf Prozent des Versorgungsbedarfs durch verbesserte Prävention, Gesundheitskompetenz und digitale Steuerung im Jahr 2040 vermieden würden, dann könnte sich die Versorgungslücke im Jahr 2040 auf fünf Millionen Fälle reduzieren, hieß es.
In einem anderen Szenario wird angenommen, dass 25 Prozent der Fälle in der Primärversorgung im Jahr 2040 eine im Durchschnitt um 20 Prozent höhere ärztliche Arbeitszeit beanspruchen könnte. Dann sinke die im Jahr 2040 vom Primärversorgungssystem in Baden-Württemberg leistbare Fallzahl um etwa eine Million Fälle. Damit könnte die Versorgungslücke auf fast 7,6 Millionen Fälle (statt 6,5 Millionen) aufwachsen.
Wenn allerdings angenommen wird, dass sich künftig mehr junge Ärztinnen und Ärzte für die hausärztliche Tätigkeit entscheiden (elf Prozent statt der im Basis-Szenario angenommenen 9,2 Prozent) würden rund 6.252 VZÄ (288 mehr als im Basisszenario) zur Verfügung stehen und die Versorgungslücke sänke 2040 auf 5,5 Millionen Fälle.
Auch die Ausweitung von nicht ärztlicher Versorgung hätte der Studie zufolge Konsequenzen. Wenn zusätzlich zu den knapp 6.000 ärztlichen VZÄ in Baden-Württemberg etwas mehr als 1.100 äquivalente VZÄ nicht ärztlicher Berufsgruppen zur Verfügung stünden, könnten letztere 2040 einen Anteil von rund 16 Prozent der Fälle übernehmen. Die Versorgungslücke könnte dadurch auf 4,4 Millionen Fälle sinken.
Und: Der Einsatz von Telemedizin könnte die Versorgungslücke ebenfalls reduzieren. Angenommen, 2040 würden rund 30 Prozent der hausärztlichen Fälle ausschließlich telemedizinisch behandelt. Da die Studie mit einer um 20 Prozent effizientere Leistungserbringung bei telemedizinischen Fällen rechnet, könnte die Produktivität je VZÄ auf rund 3.800 Fälle pro Jahr steigen (im Vergleich zu rund 3.500 im Basis-Szenario). Entsprechend könnte die Versorgungslücke in Baden-Württemberg auf 4,8 Millionen Euro sinken.
Wenn die in der Studie verschiedenen genannten Maßnahmen und Einzelszenarien alle berücksichtigt würden, dann könnte die Versorgungslücke geschlossen werden, resümieren die Autoren der Studie.
Verbindlichkeit, Klarheit und Finanzierung sicherstellen
So empfiehlt der Report, dass hinsichtlich des geplanten Primärversorgungssystems ein klares Zielbild mit konkret definierten Aufgaben entwickelt und die Primärversorgung strukturell gestärkt werden müsste. Wichtig sei weiter die interprofessionelle Versorgung konsequent zu ermöglichen, integrierte Versorgungsstrukturen gezielt zu fördern sowie die Digitalisierung als Instrument der Versorgungsverbesserung auszugestalten.
Zudem seien verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen zentral, um eine leistungsfähige Versorgung aufbauen zu können. Darüber hinaus müsse eine Verbindlichkeit für Versicherte mit geeigneten Anreiz- und Steuermechanismen hergestellt werden, um die Primärversorgung gut organisieren zu können, lauten die Empfehlungen zur Umsetzung des Primärversorgungssystems.
Das Simulationsmodell der Studie besteht aus einer Prognose der zur Verfügung stehenden hausärztlichen Kapazitäten und der Anzahl der bis zur Grenze der Überversorgung maximal zu besetzenden Hausarztsitze. Dazu wurden unter anderem Daten zur Anzahl künftiger Medizinstudierenden und Daten zur Altersstruktur der Hausärzte im Jahr 2025 auf Landkreisebene aus dem Bundesarztregister der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) berücksichtigt.
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