Ärzteschaft

Psychosoziale Krisenversorgung nach Amokfahrt in Leipzig aktiviert

  • Dienstag, 5. Mai 2026
/picture alliance, Jan Woitas
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Leipzig – Nach der Amokfahrt in Leipzig mit zwei Toten und mehreren Verletzten hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen Maßnahmen zur psychosozialen Krisenversorgung eingeleitet. „Die Amokfahrt in Leipzig hat viele Menschen tief erschüttert“, teilten deren Vorstände Stefan Windau und Manuela Sipli heute mit.

Demnach sind zwei Sonderrufnummern eingerichtet worden: eine für Hilfesuchende und eine weitere, unter der niedergelassene Psychotherapeutinnen, Psychotherapeuten, Psychiaterinnen und Psychiater Kapazitäten zur Unterstützung anbieten können.

Zudem sei auch die ärztliche Vermittlungszentrale (116117) nach der Tat aufgestockt worden, um dem erhöhten Beratungsbedarf gerecht zu werden. Niedrigschwellige Angebote seien entscheidend, um akute Belastungen abzufangen und Orientierung zu geben, hieß es vonseiten der KV-Vorstände.

Die KV Sachsen dankte für das große Engagement der Kolleginnen und Kollegen. „Unsere Gedanken sind bei den Betroffenen und ihren Angehörigen“, so Windau und Sipli.

Gestern hatte ein 33 Jahre alter Deutscher sein Fahrzeug mehrere hundert Meter durch eine belebte Einkaufsstraße in der Leipziger Innenstadt gesteuert und dabei zwei Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Außerdem seien mehr als 80 Menschen aufgrund der Eindrücke des Erlebten betreut worden.

Der Mann war nur wenige Tage zuvor in stationärer Behandlung in einer psychiatrischen Einrichtung gewesen, zudem war er polizeibekannt. „Der Tatverdächtige ist im Jahr 2026 bereits polizeilich wegen Bedrohung sowie ehrverletzender Delikte im sozialen Umfeld in Erscheinung getreten“, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft in Leipzig heute mit.

In diesem Zusammenhang habe es am 17. April einen Polizeieinsatz aufgrund eines Anrufs des 33-Jährigen gegeben, in dessen Folge der Mann wegen seines psychischen Zustands und mit seiner Zustimmung in einem psychiatrischen Krankenhaus aufgenommen worden sei.

Wie das Sozialministerium in Dresden bestätigte, hielt sich der 33-Jährige auf eigenen Wunsch freiwillig in der Klinik auf. Nach einem Bericht der Leipziger Volkszeitung soll es sich um das Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie in Altscherbitz (Kreis Nordsachsen) gehandelt haben.

Nach Ministeriumsangaben ist der in Leipzig lebende Amokfahrer Ende April entlassen worden. „Während der Zeit dieses Aufenthalts in der Klinik bestand keine Eigen- oder Fremdgefährdung. Es lagen damit keine medizinischen Gründe vor, den Patienten, der sich freiwillig in der Klinik aufhielt, am Verlassen der Klinik zu hindern und damit gegen seinen Willen festzuhalten“, hieß es.

Der mutmaßliche Täter wurde direkt nach der Amokfahrt festgenommen. Er sollte heute noch einem Ermittlungsrichter vorgeführt werden. Gegen ihn wird wegen zweifachen Mordes und mehrfachen Mordversuchs ermittelt.

In den vergangenen Monaten und Jahren hatten Gewalttaten (mutmaßlich) psychisch erkrankter Menschen eine Debatte über Möglichkeiten zur Prävention angestoßen. Aus Fachkreisen wird eine umfassende Stärkung der Versorgungsstrukturen gefordert, während rein sicherheitspolitische Maßnahmen abgelehnt werden.

Scharfe Kritik gab es zuletzt etwa an der geplanten Weitergabe bestimmter Patientendaten in Niedersachsen. Der Hessische Landtag hatte bereits Ende vorigen Jahres einer Änderung des Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes (PsychKHG) zugestimmt, die die hessischen psychiatrischen Kliniken nach Inkrafttreten zu umfassenden Meldepflichten an die Sicherheitsbehörden verpflichtet – das Deutsche Ärzteblatt berichtete.

Klinik in Leipzig: Eingespielte Abläufe bei solchen Fällen

Unterdessen wird im Universitätsklinikum Leipzig ein verletzter Patient weiter behandelt. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut, sagte der Medizinische Vorstand des Klinikums, Christoph Josten. Nach Bekanntwerden der Tat habe das Klinikum umgehend reagiert. „Wir haben eingespielte Abläufe, wo dann eine Informationskette in Gang gesetzt wird.“

Mitarbeitende wüssten dadurch genau, wo sie gebraucht würden. In der zentralen Notaufnahme seien Teams aus Pflegekräften, Chirurgen und Anästhesisten gebildet worden. Wie viele Verletzte zu erwarten seien, lasse sich zu Beginn oft nicht abschätzen. Deshalb entscheide die Leitstelle über die Verteilung der Patienten je nach Schwere der Verletzungen.

Der Klinikchef hob die Einsatzbereitschaft der Beschäftigten hervor. „Das Erstaunliche und Fantastische ist, mit welcher Einsatzbereitschaft und Spontanität alle Mitarbeiter zur Verfügung stehen.“ Es habe auch Anrufe gegeben, ob Mitarbeitende von zu Hause kommen sollten.

ggr/afp/dpa

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