Politik

Wissenschaftsrat mahnt Präventionskulturwandel an

  • Dienstag, 3. Februar 2026
/Sebastian, stock.adobe.com
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Berlin – Den Reparatur- mehr zum Vorsorgebetrieb machen: Im deutschen Gesundheitssystem sollten aus Sicht des Wissenschaftsrates die Weichen neu gestellt werden. Man halte einen „echten Kulturwandel“ in Richtung Prävention für sinnvoll, sagte der Vorsitzende Wolfgang Wick gestern bei der Vorstellung eines Positionspapiers, das der Wissenschaftsrat Ende Januar verabschiedet hat.

Gesundheit – und nicht Krankheit – sollte demnach in den Mittelpunkt gestellt werden. Trotz breiten Wissens über das Thema Prävention gelinge die Umsetzung bisher nicht dauerhaft, hielt Wick fest. „Besonders problematisch: Diejenigen, die von Präventionsmaßnahmen am dringendsten profitieren würden, werden am wenigsten erreicht“, heißt es im Papier.

Gesundheit sollte den Empfehlungen zufolge in allen Politikbereichen verankert werden. Anlass für die Empfehlungen sei der Befund gewesen, dass das Gesundheitssystem unter Druck stehe, so der Vorsitzende des wissenschaftspolitischen Beratungsgremiums. Faktoren dabei seien die alternde Bevölkerung, die Zunahme chronischer Erkrankungen und der Fachkräftemangel in Pflege und Medizin.

Eine stärkere Ausrichtung auf Prävention könne die Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung verbessern und neue Märkte entstehen lassen, betonte Wick. Im Papier sind auch weitere sogenannte Co-Benefits wie gesundheitliche Chancengerechtigkeit und Klimaschutz festgehalten, die sichtbarer werden müssten.

Eine der zentralen Empfehlungen des Gremiums: Präventionsstrategien konsistenter und verbindlicher gestalten. Bund und Länder müssten eng zusammenarbeiten. Vorgeschlagen wird auch, nationale Gesundheitsziele in landes- und kommunenbezogene Teilziele umzusetzen.

Thema gehöre verstärkt ins Medizinstudium

Unter den weiteren Maßnahmen, die das Gremium empfiehlt, betrifft ein Teil direkt das Medizinstudium. Speziell dabei müsse „eine präventions- und gesundheitsorientierte Haltung und Handlung neben einer krankheits- und reparaturzentrierten Haltung und Handlung vermittelt werden“, hält der Rat fest.

Demnach sollten in der Aus- und Weiterbildung von Medizinern, Psychologen sowie den Berufsgruppen der Gesundheitsfachberufe hierfür gezielte Fortbildungsmodule entwickelt werden. „In sämtlichen Formaten ist eine Vertiefung von Lehrinhalten zur Gesundheitsförderung und -kommunikation essenziell.“

Angesprochen wird auch die Rolle, die niedergelassene Ärztinnen und Ärzte spielen könnten. Das Gremium empfiehlt, dass beispielsweise hausärztlich tätige Allgemeinmediziner, Internisten und Pädiater besser in die Forschung zu Präventionsmaßnahmen sowie in die Umsetzung eingebunden werden sollten. Als Beispiel werden Forschungspraxisnetzwerke genannt.

Strengere Regulierung etwa bei Alkohol und Tabak

Wenn es darum geht, Menschen mit Präventionsansätzen zu erreichen, so zeigte sich die an den Empfehlungen beteiligte Kommunikationswissenschaftlerin Cornelia Betsch überzeugt, dass mehr Information und mehr Kommunikation nicht ausreichen. Sie plädierte dafür, dass Verhaltens- und Verhältnisprävention gemeinsam geplant und umgesetzt werden müssten. Viele Faktoren für mehr gesunde Lebensjahre seien beeinflussbar, heute seien jedoch noch viele Menschen benachteiligt.

Als Ziel wird im Papier beschrieben, gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen zu schaffen, „die autonome Entscheidungen ermöglichen und gesunde Lebensweisen leicht zugänglich machen“, wobei die Balance zwischen individueller Autonomie und kollektiver Verantwortung gewahrt bleiben müsse. „Menschen sollen also nicht bevormundet werden, aber sie dürfen eben auch nicht alleine gelassen werden“, sagte Betsch.

Gebraucht würden Umgebungen, die Gesundheit unterstützen statt untergraben. Konkret empfehle der Wissenschaftsrat, gesundheitsförderliche Regulierungen voranzubringen und die dabei entstehenden zusätzlichen Mittel etwa gezielt für Präventionsforschung einzusetzen, sagte Wick.

Als Beispiel nannte Betsch eine gesündere Gestaltung von Konsumumgebungen. Die aktuellen medialen Diskussionen über Tabak und Alkohol könnten „sicherlich nur ein Anfang“ sein: Zucker, hochverarbeitete Lebensmittel und fossile Brennstoffe gehörten genauso auf die Präventionsagenda, sagte Betsch. „Und vermutlich auch Social Media für die mentale Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen.“

Neben Mitgliedern des Wissenschaftsrates haben externe Sachverständige das Positionspapier mit vorbereitet. Das Gremium berät die Bundesregierung sowie die Länderregierungen zu Fragen der Entwicklung von Wissenschaft und Forschung.

Eine ähnliche Stoßrichtung wie das aktuelle Positionspapier hatten zuletzt zum Beispiel Stellungnahmen der Bundesärztekammer zu Public Health sowie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zum Thema Zuckersteuer. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte hingegen erst vor wenigen Tagen erneut erklärt, bei der Regulierung von Alkohol- und Zuckerkonsum auf Aufklärung und Freiwilligkeit setzen zu wollen, das Deutsche Ärzteblatt berichtete.

ggr

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