Jedes zweite Krankenhaus schrieb 2024 rote Zahlen

Berlin – Die Lage der deutschen Krankenhäuser hat sich 2024 im Vergleich zu den Vorjahren erneut verschlechtert. 51 Prozent der Kliniken schrieben zu diesem Zeitpunkt rote Zahlen. Das zeigt der Krankenhaus Rating Report 2026, der heute auf dem Hauptstadtkongress vorgestellt worden ist. Zum Vergleich: 2020 waren noch knapp ein Drittel (28 Prozent) der Kliniken betroffen.
Zudem befanden sich 2024 knapp ein Viertel der Kliniken im roten Bereich mit erhöhter Insolvenzgefahr (23 Prozent), 30 Prozent im gelben und fast jede zweite Klinik im grünen Bereich (47 Prozent). Das durchschnittliche Jahresergebnis über alle Kliniken hinweg fiel 2023 erstmals seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2007 unter null (minus 0,4 Prozent der Erlöse) und im Jahr 2024 auf minus 0,6 Prozent.
Allerdings deutet sich dem Report zufolge auch an, dass die Ergebnisse im vergangenen Jahr sowie in diesem Jahr etwas besser ausfallen werden. „Im Moment erwarten wir eine relativ ordentliche Lage der Krankenhäuser“, sagte Boris Augurzky, gesundheitspolitischer Sprecher am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Mitautor des Reports.
Hochrechnungen zufolge schrieben 2025 noch 31 Prozent der Kliniken rote Zahlen und für 2026 könnte dieser Anteil auf 22 Prozent sinken. Die durchschnittlichen Gesamterlöse könnten damit wieder steigen auf 1,3 Prozent (2025) und für dieses Jahr sogar auf 2,4 Prozent klettern. Allerdings reiche die Liquidität von jeder zweiten Klinik nur für anderthalb Wochen oder weniger.
Diese Entwicklung ist vor allem mit dem seit November laufenden monatlichen Rechnungszuschlag von 3,25 Prozent zu erklären, den alle Krankenhäuser noch bis Ende Oktober erhalten.
Der Krankenhaus Rating Report wird einmal im Jahr vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und der Institute for Healthcare Business GmbH (hcb) erstellt.
Datengrundlage für die Analyse ist eine Stichprobe von 430 Jahresabschlüssen im Jahr 2024, die jeweils mehr als ein Krankenhaus umfassen können. Insgesamt sind in die Analyse also Zahlen von 864 Krankenhäusern mit 1.028 Standorten geflossen. Für 2025 konnten zudem 179 Jahresabschlüsse für eine zeitnahe Stichprobe analysiert werden.
Spargesetz gefährdet Krankenhausfinanzen
Für 2027 könnte es weiterhin positive Entwicklungen im Krankenhausbereich geben, allerdings nur wenn die Rahmenbedingungen wie gehabt weiter gelten. Sollte das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz wie derzeit diskutiert in Kraft treten, würde das die Situation der Krankenhäuser wieder verschärfen.
So könnte der Anteil der Krankenhäuser in den roten Zahlen 2027 auf 60 Prozent ansteigen und in den Folgejahren in einem hohen Bereich bleiben, lauten Schätzungen des Reports. 2030 könnten demnach 68 Prozent der Kliniken Verluste schreiben.
Damit wären 401 von knapp 1.600 somatischen Klinikstandorten besonders gefährdet, rechnen die Autoren weiter. Betroffen seien vor allem öffentlich-rechtliche und ländliche Krankenhäuser, aber auch mehr als ein Drittel der Kliniken mit umfassender Notfallversorgung (Notfallstufe 3).
Sollten diese Standorte wegfallen, wären längere Anfahrtswege für die Bevölkerung nötig. Derzeit benötigen fast zwei Prozent (1,7 Prozent) mehr als 30 Pkw-Minuten zu einem Krankenhaus, nach dem Wegfall müssten knapp sieben Prozent (6,9 Prozent) mit einem entsprechend längeren Weg rechnen.
Die Erlöseinbußen, die die Kliniken mit dem GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz einfahren würden, könnten vor allem durch Personalabbau ausgeglichen werden. So schätzt der Report, dass bis 2030 rund 8,5 Prozent der Vollzeitstellen (außer Pflege) abgebaut werden müssten, damit die Kliniken überleben könnten. Der größte Anteil davon müsste im kommenden Jahr erfolgen.
Gleichzeitig ist die Zahl des Krankenhauspersonals in den vergangenen Jahren deutlich angewachsen. Je stationärem Fall steht damit mehr Personal zur Verfügung, insbesondere in der Pflege wurde durch die Einführung des Pflegebudgets 2020 enorm aufgestockt.
Deregulierung und mehr Freiheiten benötigt
Entsprechend wird in dem Report an den Gesetzgeber appelliert, dass die Kliniken zum 1. Januar 2027 mehr Gestaltungsfreiheit erhalten und Regulierungen abgebaut werden müssen. Kliniken sollten demzufolge die Möglichkeit bekommen, ihre Betriebskosten in mindestens gleichem Maße senken zu können, wie ihre Erlöse durch das Spargesetz gesenkt werden sollen.
Durch immer mehr Regulierungen im Krankenhausbereich seien die Mindeststandards und damit auch die Kosten deutlich angewachsen. Dies sei insbesondere vor dem Hintergrund der stagnierenden Wirtschaftskraft in Deutschland problematisch, heißt es weiter im Report.
Weiter schlagen die Autoren der Studie vor, den befristeten Rechnungszuschlag in einen Strukturzuschlag umzuwandeln, um Strukturoptimierungen der Kliniken zu forcieren. Demnach könnten Kliniken diesen Zuschlag in einzelnen Bundesländern künftig erhalten, wenn dort eine gute Krankenhausstruktur vorhanden ist oder eine Verbesserung der Strukturen erzielt werde.
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, erklärte heute, diese Zahlen zeichneten ein alarmierendes Bild. Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser sei bereits heute vielerorts existenzbedrohend. „Mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz wird sich diese Entwicklung weiter drastisch verschärfen.“
Besonders besorgniserregend sei, dass vor allem versorgungsrelevante Kliniken mit Notfallstufe 3 betroffen wären, so Gaß weiter. Auch die ländlichen Räume würden zu den großen Verlierern gehören. Um dieser Entwicklung entgegenzutreten bräuchten die Krankenhäuser Möglichkeiten, ihre Kostenstrukturen flexibel an ihre Erlöse anzupassen.
„Dies gelingt nur durch eine konsequente Deregulierung.“ Und: Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz müsse dringend überarbeitet werden. Ziel müsse eine auskömmliche Finanzierung der Krankenhausversorgung sein, betonte Gaß.
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